erweiterte Suche
Donnerstag, 03.03.2016

Goldgrube Senioren

Unternehmen entdecken ältere Menschen als Kunden – die aber nicht zu unterschätzen sind.

Von Marco Henkel

© doc rabe media/fotolia (Symbolfoto)

Kaffeefahrt war gestern. Lieber im Alter durch die Alpen wandern oder trotz schwachen Herzens über die Weltmeere schippern. Das liegt bei Senioren im Trend und ist leichter denn je – zumindest tun deutsche Reiseveranstalter alles, damit dieser Eindruck entsteht. Viele von ihnen haben eine Reihe von Angeboten speziell für die rüstigen Alten. Und die Veranstalter wissen genau, was die älteren Gäste wünschen: Abholung an der Haustür, Kofferträger und schnelles Einchecken am Flughafen, um langes Stehen zu vermeiden. Gäste, die unter einem gesundheitlichen Problem leiden, können zudem darauf bauen, dass eigens für ihre Reisegruppe eine Krankenschwester mitreist. Nichts ist unmöglich.

So wie die Reisebranche entdecken viele Unternehmen die Generation 60+ als lukrative Zielgruppe. Senioren zeigen eine viel höhere Akzeptanz für hohe Preise, heißt es etwa in einer Studie der Unternehmensberatung A.T. Kearney. Des Weiteren seien sie konsumfreudig und halten ihren bekannten Marken die Treue. Und Senioren haben für Unternehmen noch einen großen Vorteil: Sie werden mehr. Laut Statistik wird 2050 ein Drittel der deutschen Bevölkerung 60 Jahre und älter sein. Darauf stellt sich auch der Handel ein. Die Supermarktkette Edeka sorgte bereits vor zehn Jahren mit seinem ersten Supermarkt der Generationen in Chemnitz für Aufsehen. Die Gänge sind so breit, dass zwei Rollstühle aneinander vorbeikommen, die Preisschilder sind extra groß. Zusätzlich gibt es Lupen und Sitzecken. Das Konzept machte Schule.

Der Dresdner Bart-Jan van Putten hat sich mit seiner Firma Seniorwise darauf spezialisiert, Unternehmen dabei zu helfen, ihre Produkte seniorenfreundlicher zu gestalten. „Grundsätzlich lässt sich alles optimieren“, sagt van Putten. „Das geht bei großen, gut lesbaren Schriften auf Produktverpackungen oder Internetseiten los und endet bei der Gestaltung von elektronischen Geräten mit größeren Tasten oder stärkeren Kontrasten.“ Denn auch neuer Technik stehen Senioren durchaus offen gegenüber. Viele surfen heute im Internet oder besitzen ein Smartphone. So hat sich etwa die schwedische Firma Doro auf Senioren-Smartphones spezialisiert. Rein äußerlich unterscheiden sich diese kaum von „normalen“ Handys. Doch die Bedienung des Smartphones ist einfach gehalten, beispielsweise stehen unter den jeweiligen Symbolen die entsprechenden Verben wie telefonieren oder senden. „Da Senioren Angst haben, etwas kaputt zu machen, gibt es außerdem einen Hilfeassistenten, der bei Bedarf von Schritt zu Schritt führt“, erklärt van Putten. Zudem besitzt das Doro eine Hörgerätekompatibilität (HAC). Für Sicherheit im Freien sollen eine Notruftaste und GPS-Ortung sorgen.

Einen ähnlichen Ansatz verfolgt auch das Asina-Tablet der Dresdner Firma Exelonix. Das Gerät verfügt über eine extra übersichtlich gehaltene Benutzeroberfläche, die die für Senioren wichtigsten Funktionen auf einen Blick zeigt. Das Besondere ist der Service, der es ermöglicht, dass das Tablet jederzeit und von jedem Ort der Welt – etwa von Angehörigen – an die Bedürfnisse des Seniors angepasst werden kann. Doch Experte Bart-Jan van Putten warnt vor zu viel Aktionismus: „Produkte, nur für Senioren zu entwickeln, ist gefährlich.“ Zwar wolle jeder alt werden, aber keiner will sich auch alt fühlen. „Auch ältere Menschen wollen nicht stigmatisiert werden. Alt sind immer die, die noch älter als man selbst sind.“ Nur die wenigsten erzählen freimütig überall herum, dass bei ihnen eine Einstiegshilfe für die Badewanne eingebaut wurde. Deswegen gebe es auch kaum Produkte, die nur für Senioren geeignet sind. „Ganz im Gegensatz zu Produkten für Babys“, wie van Putten anmerkt.

So haben Produkte für Senioren oft Probleme, sich auf dem Markt durchzusetzen. Der Schuh mit eingebautem GPS-System, das den Aufenthaltsort des Trägers verrät, ist bis heute kein Verkaufsschlager geworden. Dabei wäre er besonders für Menschen mit Demenz eine Hilfe. „Viel Potenzial haben besonders Entwicklungen im Bereich der Telemedizin“, glaubt Bart-Jan van Putten auch mit Blick auf den Ärztemangel gerade in ländlichen Gebieten. So könnten beispielsweise Gesundheitswerte automatisch an den Arzt weitergeleitet werden, der so Abweichungen von der Norm schneller erkennen kann. Schon auf dem Markt sind intelligente Medikamentenschachteln, die den Nutzer daran erinnern, Pillen rechtzeitig einzunehmen.

Produkte für Senioren setzen sich durch, wenn sie allen Generationen nutzen. Das Navigationsgerät wurde einst für Ältere entworfen. Ebenso Parkhilfen und SUV, in die es sich leichter einsteigen lässt.

››› Dieser Beitrag ist Teil der Senioren-Serie „Was geht, Alter?!“

››› Mitmachen und gewinnen bei der SZ-Umfrage