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Dienstag, 28.03.2017

Görlitzer wollen endlich klare Aussagen

Zur Bombardier-Aufsichtsratssitzung in Berlin fahren am Donnerstag auch Görlitzer. Hinter den Kulissen indes brodelt es heftig.

Von Daniela Pfeiffer

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Die Landskronbrauerei beteiligt sich an der Banner-Aktion für das Görlitzer Bombardier-Werk.
Die Landskronbrauerei beteiligt sich an der Banner-Aktion für das Görlitzer Bombardier-Werk.

© pawel sosnowski/80studio.net

  • Die Landskronbrauerei beteiligt sich an der Banner-Aktion für das Görlitzer Bombardier-Werk.
    Die Landskronbrauerei beteiligt sich an der Banner-Aktion für das Görlitzer Bombardier-Werk.
  • Beim Tag der Ausbildung im Oktober erlebten die Besucher noch eine intakte Welt im Görlitzer Bombardierwerk – wie hier bei den Konstruktionsmechaniker-Azubis in der Schweisswerkstatt. Doch schon da war längst klar, dass auch ein Job bei Bombardier kein sicherer mehr ist.
    Beim Tag der Ausbildung im Oktober erlebten die Besucher noch eine intakte Welt im Görlitzer Bombardierwerk – wie hier bei den Konstruktionsmechaniker-Azubis in der Schweisswerkstatt. Doch schon da war längst klar, dass auch ein Job bei Bombardier kein sicherer mehr ist.

Der Banner-Zaun nimmt Gestalt an. Um ihre Solidarität mit den vom Stellenabbau bedrohten Bombardier-Beschäftigten zu zeigen, hat die Bürgerinitiative „Ruf aus Görlitz“ sich eine besonders gut sichtbare Aktion überlegt. Firmen, Vereine, Initiativen – jeder, der möchte – kann ein Banner bedrucken lassen. Zusagen gibt es inzwischen von der Landskronbrauerei, der Seilerei Goltz, KommWohnen, der Tanzschule Matzke, Lausitz Matrix, Volkshochschule, Musikschule, Parkeisenbahn.

Der Besitzer des Schlachthofes hat zugestimmt, dass die Banner am Zaun entlang der Christoph-Lüders/Cottbuser Straße angebracht werden dürfen. „Ziel ist, mit dieser Aktion die breite Solidarität der Görlitzer optisch im Stadtbild darzustellen und so zu verdeutlichen, dass es eben doch ein Problem aller ist“, sagt Eric Kittelmann von der Initiative. Diese folgt damit ihrem Motto, mit einer aktiven und kreativen Öffentlichkeitsarbeit auf den Stellenabbau und die drohende Schließung des Görlitzer Bombardier-Standortes aufmerksam machen.

Man sehe sich ergänzend zur Arbeit von Betriebsrat und Gewerkschaft und sei mit diesen in gutem Kontakt, sagt Kittelmann. Dass die Banner seit Montag angebracht werden, ist zeitlich kein Zufall. Denn in dieser Woche steht ein wichtiger Termin an. Der Aufsichtsrat von Bombardier tagt am Donnerstag in Berlin. Man erhofft sich endlich klare Ansagen, wie der Stellenabbau vonstatten gehen soll und vor allem, an welchen Standorten.

Für Görlitz könnte jeder vierte Arbeitsplatz auf dem Spiel stehen. So ist nach wie vor nicht klar, wie es mit der Teile- und Komponentenfertigung weiter geht. So soll Anfang März ein möglicher Übernahmeinteressent im Werk gewesen sein. Angesichts der bedrohlichen Lage findet morgen bundesweit ein Aktionstag statt. Obgleich die Situation nirgends so dramatisch sein dürfte wie in Görlitz. Seinen Status als Entwicklungsstandort soll das traditionsreiche Werk verlieren, künftig nur noch der Produktion dienen. Und auch das abgespeckt.

So soll für Görlitz nur die Fertigung von Wagenkästen bleiben, inklusive der niedrigen Ausbaustufe. „Dies passiert allerdings nicht aus Gutmütigkeit oder Wertschätzung uns gegenüber, sondern aus dem Zwang heraus, die aktuellen Projekte abarbeiten zu müssen“, heißt es vom Görlitzer Betriebsrat in einem Schreiben an die Belegschaft.

Allen voran ist das der Schweiz-Auftrag. Mit einem Volumen von 1,9 Milliarden Schweizer Franken hatte die Schweizer Bundesbahn (SBB) im Juni 2010 bei Bombardier 62 neue Twindexx Doppelstockzüge bestellt. Ihre Auslieferung war für die Jahre 2013 bis 2019 vorgesehen. Doch Bombardier ist schwer in Verzug. Aus 2013 wurde 2015, jetzt Ende 2017, aber auch dieser Termin wankt. Inzwischen fahren immerhin die ersten Testzüge in der Schweiz.

Um zu demonstrieren, dass die Görlitzer Belegschaft nicht alles still hinnimmt, sind morgen nicht nur die Mitarbeiter aufgerufen, in einen der Busse nach Berlin zu steigen. Vielmehr hat der Betriebsrat vergangene Woche mehrere Betriebsvereinbarungen gekündigt, unter anderem die Rufbereitschaft außerhalb des Werkes, und die sogenannte Rollende Woche bei Rohbau und Farbgebung. Spürbar wird das erst in drei Monaten – wegen der Kündigungsfrist. Man sei aber jederzeit zu Verhandlungen mit der Konzernführung bereit, so der Betriebsrat.

Mit politischem Beistand kann die Belegschaft jedenfalls weiterhin rechnen. Schon bei der Demonstration am 4. März hatten mehrere Redner ihre Teilnahme an der Berlin-Fahrt zugesagt. Besondere Unterstützung kommt zudem von den Grünen. Der Bundestagsabgeordnete Stephan Kühn und die Landtagsabgeordnete Franziska Schubert haben mit einem Brief Bundeswirtschaftsministerin Zypries und Bundesverkehrsminister Dobrindt aufgefordert, die Wettbewerbsbedingungen für die Schiene zu verbessern.

„Der Bund muss sich stärker als bisher am Infrastrukturausbau im Nahverkehr beteiligen. Mit jährlich einer Milliarde Euro für die Nahverkehrssysteme könnte nicht nur aus und neu gebaut, sondern auch die Nachfrage nach Schienenfahrzeugen spürbar angekurbelt werden“, sagt Franziska Schubert.