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Montag, 24.12.2012

„Glück gehabt!“

Die Familie von Michael Jung entgeht im August nur knapp einer Katastrophe. Ihr Auto wird im Kirnitzschtal von Bäumen begraben. Heute sind die Jungs dankbar.

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Feuerwehrleute räumen das Auto der Familie Jung von Stämmen und Ästen frei. Der Wagen hat Totalschaden.Archivfoto: Steffen Unger
Feuerwehrleute räumen das Auto der Familie Jung von Stämmen und Ästen frei. Der Wagen hat Totalschaden.Archivfoto: Steffen Unger
  • Feuerwehrleute räumen das Auto der Familie Jung von Stämmen und Ästen frei. Der Wagen hat Totalschaden.Archivfoto: Steffen Unger
    Feuerwehrleute räumen das Auto der Familie Jung von Stämmen und Ästen frei. Der Wagen hat Totalschaden.Archivfoto: Steffen Unger
  • Bis auf die Kopfstützen ist das Dach des VW Passat eingedrückt – dass dabei niemand zu Schaden kam, grenzt an ein Wunder.Foto: Marko Förster
    Bis auf die Kopfstützen ist das Dach des VW Passat eingedrückt – dass dabei niemand zu Schaden kam, grenzt an ein Wunder.Foto: Marko Förster
  • Der Unternehmer Michael Jung mit seinen Kindern Felix (links) und Melina. Die Familie kann wieder lachen.Foto: privat
    Der Unternehmer Michael Jung mit seinen Kindern Felix (links) und Melina. Die Familie kann wieder lachen.Foto: privat

In seinen Träumen verfolgen die Bilder Michael Jung noch heute. Dann hört er wieder das Knacken im Gehölz, sieht die Bäume aufs Auto fallen – muss hilflos mitansehen, wie seine Familie darin verschwindet. Für einen Augenblick sieht der 42-jährige Unternehmer aus Süd-Baden sein Leben zerbrechen. Doch es wird ihm zurückgeschenkt. Das Auto ist Schrott, aber seine Frau und die Kinder entgehen der Katastrophe wie durch ein Wunder und bleiben unversehrt, bis auf ein paar Schrammen.

Das alles passiert im Sommer während eines Unwetters in der Sächsischen Schweiz. Michael Jung, seine Frau Melanie und die beiden Kinder Melina (9) und Felix (6) machen 14 Tage Urlaub im Elbsandsteingebirge. Sie wohnen bei einem Privatvermieter in Königstein-Halbestadt, wollen die Gegend erkunden, wandern gehen, ein bisschen durch die Felsenwelt kraxeln – Natur erleben.

Das Naturerlebnis, das sie am 22. August an der Lichtenhainer Mühle im Kirnitzschtal haben, wird sie wohl ein Leben lang begleiten, auch wenn Michael Jung heute sagt, sie hätten den Schicksalsschlag inzwischen verarbeitet und zurück in die Normalität gefunden.

An jenem Vormittag wollen die vier mit dem Auto nach Hinterhermsdorf, zur Oberen Schleuse runterlaufen und Kahn fahren. Das Wetter stellt sich quer, es gießt wie aus Kübeln. Aber Michael Jung und seine Familie sind beim Wandern hart im Nehmen, fiese Wolkenbrüche gibt es auch im heimatlichen Schwarzwald oder im Pfälzerwald, wo sie oft herumstromern. „Von so etwas lassen wir uns nicht aufhalten“, sagt Jung. Als sie in Bad Schandau ins Kirnitzschtal abbiegen, sieht es für einen Moment sogar aus, als habe der Himmel ein Einsehen. Doch dann kommt die Regenwand mit Macht zurück.

An der Lichtenhainer Mühle passiert es: Links kommt der Hang ins Rutschen, eine Schlammlawine wälzt sich durchs Unterholz bis ins Tal. Die Straße verschwindet unter einem Brei aus Geröll und Erde, 30 Zentimeter hoch liegt der Matsch auf der Fahrbahn. Ein orangefarbener Unimog, der vor Michael Jungs Auto herfährt, kämpft sich dank seiner breiten Räder noch wacker hindurch – aber für Jungs VW Passat gibt’s kein Weiterkommen.

Michael Jung steigt aus, will einen Mann in Arbeitskluft, der an der Straße steht, gerade fragen, ob es noch andere Wege nach Hinterhermsdorf gibt – just da gerät am Hang noch mehr in Bewegung. Jung hört den Mann schreien: Weg da!, weg da! – er springt zur Seite und sieht noch, wie gegenüber eine ganze Baumreihe ins Kippen kommt.

Papa! Papa!

Gleich mehrere Stämme treffen vor seinen Augen mit einem dumpfen Aufschlag aufs Auto, zertrümmern Dach und Fenster, begraben den Passat unter einem Regen aus Ästen und Blättern. Dann ist es still. Michael Jung steht da – ihm stockt das Herz.

Es sind die schlimmsten Sekunden in seinem Leben. Dann hört er plötzlich die Rufe aus dem Auto: Papa! Papa! Wie von Sinnen rennt er zum Wagen, reißt mit aller Gewalt Äste zur Seite – der Mann in der Arbeitskluft zaubert irgendwoher eine Kettensäge herbei, dann hält Jung plötzlich seinen Sohn in den Armen, kurz darauf auch seine Tochter. Seine Frau klettert alleine aus dem Wrack. Ihnen allen ist gottlob nichts passiert.

Es sind Minuten, die sich gedanklich nicht mehr sortieren lassen, die aneinanderhängen wie eine Salve aus Erinnerungsfetzen. Anders kann Michael Jung die Sache auch nicht erzählen. Hastig. Ohne Atempause. Riesenglück gehabt! Das ist die einzige Klammer, die es gibt. Glück für die Familie. Glück auch für ihn selbst, dass er nicht mit im Auto saß. Die Bäume haben das Dach bis auf die Kopfstützen eingedrückt – und Jung ist 20 Zentimeter größer als seine Frau. „Ich hätte das nicht überlebt“, sagt er heute.

Als Michael Jung von diesem Unfall berichtet, sitzt er wieder im Auto – hat die Freisprechanlage eingeschaltet und während der Heimfahrt von seinem letzten Termin ausnahmsweise eine Dreiviertelstunde zum Reden. Der Alltag hat ihn längst wieder im Griff. Jung handelt mit Hörgeräten, betreibt im Raum Offenburg, in der Stadt Kehl und Umgebung drei Fachgeschäfte. Er hat acht Mitarbeiter. Da bleibt wenig Zeit zum Nachdenken.

In der Dresdner Frauenkirche und der Königsteiner Kirche haben sie damals aus Dankbarkeit Kerzen angezündet. Anfangs mit den Kindern viel über den Vorfall geredet. Gemeinsam gebetet. Den Urlaub haben sie nicht abgebrochen – waren sogar noch Kahnfahren auf der Kirnitzsch. Das Leben wartet nicht.

Dankbar ist Michael Jung auch seinem zertrümmerten Firmenwagen. Schweren Herzens ließ er ihn verschrotten, hat aber ein identisches Auto gekauft – wieder einen Passat, wieder in Weiß. Ein anderes Auto wollte er nicht. „Das alte“, sagt er, „hat uns so gut beschützt.“