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Donnerstag, 07.12.2017

„Gewinner der Energiewende ist bisher die Kohle“

Erdgas-Lobbyist Timm Kehler über Fehler beim Klimaschutz und Konkurrenz um das Auto der Zukunft.

Timm Kehler ist Chef von Zukunft Erdgas e.V. und vertritt damit auch die Interessen von Gazprom, VNG und Stadtwerken.
Timm Kehler ist Chef von Zukunft Erdgas e.V. und vertritt damit auch die Interessen von Gazprom, VNG und Stadtwerken.

© Robert Michael

Herr Dr. Kehler, Sie vertreten die Erdgas-Branche. Freuen Sie sich aufs Abschalten der Braunkohle-Kraftwerke?

Es ist ja kein Geheimnis: Die energiepolitischen Diskussionen, die Klimaschutz in den Mittelpunkt stellen, laufen in Richtung Gaskraftwerke. Erdgas ist vergleichsweise sauber und -arm gegenüber der Braunkohleverbrennung …

… aber die Braunkohlelobby sagt, der Unterschied beim schrumpfe auf ein Drittel, wenn man die ganzen Umstände der Erdgasförderung in den Ursprungsländern mitrechne.

Da sollten wir die Fakten sprechen lassen, es gibt große Studien dazu. Auch das Märchen von großen Methanverlusten auf dem Weg hierher ist entkräftet worden. Die Kollegen aus der Braunkohle müssen mit reellen Zahlen operieren. Unterm Strich fallen für jede Einheit Erdgas über 40 Prozent weniger -Emissionen an als bei Braunkohle. Wenn man dann noch die höheren Wirkungsgrade der Gaskraftwerke berücksichtigt, ist derzeit eine Kilowattstunde Strom aus Gas fast 70 Prozent -ärmer als aus Braunkohle.

Rechnen Sie nicht damit, dass Klimaschützer nach der Kohle als nächstes das Erdgas angreifen? Auch Erdgas trägt zum -Ausstoß bei …

… das ist richtig, davor dürfen wir uns auch nicht verschließen. Doch Erdgas wird sehr langfristig eine Rolle dabei spielen, die Energieversorgung zu dekarbonisieren, also den -Ausstoß insgesamt zu verringern. Schließlich hat Deutschland das Ziel, 80 bis 95 Prozent weniger zu erzeugen. Dazu wird Erdgas beitragen, auch dank der wertvollen Infrastruktur, die wir haben, der Gasleitungen und Speicher. Außerdem ist Erdgas erneuerbar, es lässt sich auch aus Biomasse oder Ökostrom herstellen und speichern. Wir nennen das grünes Gas.

Bisher ist Erdgas aber hauptsächlich Methan, das importiert wird, zum Beispiel von Ihrem Mitgliedsunternehmen Gazprom oder aus Norwegen. Dabei gab es politische Konflikte, etwa wegen der Durchleitung durch die Ukraine oder die Ostseepipeline. Sollte sich Deutschland nicht unabhängig machen?

Deutschland als rohstoffarmes Land ist auf den globalen Energiehandel angewiesen. Den müssen wir aufrechterhalten. Durch technologische Entwicklungen hat der Wettbewerb zwischen den Erdgas-Förderländern zugenommen. Länder wie die USA werden Erdgas-Exporteure, auch Australien. Man kann Erdgas verflüssigen und per Schiff liefern. Es gibt immer mehr Importterminals in den Seehäfen, allerdings sind sie nicht ausgelastet. Die EU hat viel dafür getan, ihre Marktmacht als größter Energiemarkt der Welt zu Geltung zu bringen.

Spätestens 2040 ist Schluss mit fossilem Erdgas – so steht es in einem Gastbeitrag von Greenpeace Energy in Ihrem Jahresbericht. Glauben Sie nicht daran?

Ich glaube nicht an solche Jahreszahlen, auch nicht bei der Kohle. Wir möchten den Klimawandel wirksam stoppen, dafür ist das verbleibende -Budget die entscheidende Zahl. Wir suchen im Wettbewerb nach den besten -armen Lösungen. Wenn konventionelles Gas nicht mehr wettbewerbsfähig sein sollte, müssen wir in Richtung grünes Gas gehen. Ich weiß nicht, ob das 2040 sein wird oder früher oder später.

Wird es sogar neue Gaskraftwerke in Deutschland geben?

Zurzeit haben wir viele Kapazitäten, die nicht genutzt werden. Im September waren die deutschen Gaskraftwerke zu 13 Prozent ausgelastet, die Braunkohlekraftwerke zu 75 Prozent. Wir haben noch Reserven, aber wir müssen die Versorgungssicherheit im Auge behalten. In sieben bis zehn Jahren werden wir eine ganze Reihe neuer Kapazitäten brauchen. Die konventionellen Kraftwerke müssen effizienter werden. Interessant wird sein, wie wir den Energiemarkt organisieren. Werden wir dirigistische Eingriffe sehen, oder werden marktwirtschaftliche Lösungen gefunden? Wir sollten nicht in Kategorien denken wie Kohle ja oder nein, sondern: Wie können wir Klimaschutz zur Leitgröße der Energiewende machen, wie sparen wir am meisten pro Euro ein?

Es gibt viele Versuchsanlagen, die mit Strom Gas herstellen, in Dresden bei Sunfire auch flüssigen Kraftstoff. Ist dabei noch nicht genug erforscht?

Mehr als 30 Anlagen in Deutschland erforschen Power-to-Gas. Da gibt es ein breites Spektrum, manche produzieren Wasserstoff, andere Methan, beides lässt sich ins vorhandene Erdgasnetz einspeisen. Gerade habe ich in Österreich eine Anlage mit Mikroben in Sandstein besichtigt, die und Wasserstoff zu Methan verdauen. Die schaffen im Zeitraffertempo, wofür die Natur bei der Erdgasproduktion Millionen Jahre gebraucht hat.

Aber werden mal relevante Mengen Gas aus solchen Anlagen kommen?

Definitiv. Die Frage wird sein, wie wir zukünftig erneuerbare Energie speichern und transportieren. Sonnenstrom fällt vor allem im Sommer an, aber wir wollen im Winter heizen. Wir brauchen saisonale Speicher. Das ist mit Power–to-Gas denkbar. Batteriespeicher dagegen sind für den eher kurzfristigen Ausgleich.

Beim Heizen von Wohnungen ist Erdgas in Deutschland der meistgenutzte Rohstoff. Wird Strom zum Heizen wichtiger, wie in Dänemark?

Wir sehen das nicht als Konkurrenz. Heizen mit Wärmepumpen funktioniert in gut gedämmten Gebäuden mit Flächenheizungen, das wird bei Neubauten zunehmen. Aber in einer Stadt wie Dresden müsste man dafür den Großteil der Gebäude grundlegend sanieren oder abreißen und neu bauen. Wir rechnen damit, dass in den nächsten 30 Jahren Wärmepumpen einen Anteil von 10 bis 15 Prozent am Heizen haben. Der Anteil von Erdgasheizungen wird in der Größenordnung von heute bleiben, bei 50 Prozent. Die Geräte werden immer effizienter. In vielen Haushalten ist die Heizung der größte Energieverbraucher und sollte gegen eine moderne ausgetauscht werden. Es sind auch schon 1500 erdgasbetriebene Brennstoffzellen installiert, die Wärme und Strom zugleich liefern.

Ob es sich finanziell lohnt, hängt doch von der Preisentwicklung ab. Gas ist heute billiger als 2010, aber bei Öl war die Preissenkung stärker. Können Sie in die Zukunft blicken?

Da kann ich gerne weiterhelfen. Die Bedeutung der -Emissionen wird auch im Heizungskeller zunehmen, und Öl ist da schlechter als Gas. Auf den globalen Gasmärkten sehen wir den Wettbewerb weiter zunehmen. Seit fünf bis zehn Jahren sehen wir eine Seitwärtsbewegung beim Gaspreis, das wird sich so weiterentwickeln. Gas ist nicht solchen Preisschwankungen ausgesetzt wie Öl.

Werden die Gaspreise zum neuen Jahr eher steigen oder sinken?

Ich kann nicht für einzelne Versorger sprechen. Viele haben die Preise in den letzten zwölf Monaten gesenkt, oft lässt sich auch mit einem Tarifwechsel sparen. Ich wohne in Berlin, dort kann ich zwischen 200 Anbietern und noch mehr Tarifen wählen.

Haben Erdgasautos noch eine Zukunft, wenn jetzt E-Autos gefördert werden?

Ja! Wenn ich sehe, was alleine der VW-Konzern jetzt auf die Beine stellt, um Erdgasautos wieder in die Diskussion zu bringen, muss ich mir darum keine Sorgen machen. Da gibt es Umweltprämien bis 9 500 Euro für Erdgasautos, und Fahren mit Erdgas halbiert die Spritkosten.

Gibt es denn genügend Erdgastankstellen in Deutschland?

Es sind fast 900. Je mehr Nachfrage es gibt, desto stärker werden die Hersteller die Vertriebsmaschine anwerfen. Das Preisniveau für Erdgasfahrzeuge liegt etwa auf dem Niveau der Dieselfahrzeuge. Der Aufpreis bei Elektrofahrzeugen ist dagegen erheblich. Auch bei Lastwagen ist Erdgas im Kommen, das wird auch durch die EU forciert.

Weichenstellungen aus der Politik spielen eine große Rolle. Gehören Sie zu den Lobbyisten, die angeblich manche Gesetze für Politiker vorformulieren?

Wer eine solche Meinung vertritt, hat keinen Respekt vor unserer Politik, die ausgewogen agiert. Wir haben ein funktionierendes politisches System, in dem Interessen abgewogen werden. Unsere Aufgabe ist es, Interessen zu vertreten, andere vertreten Gegenmeinungen. Die Politik hat daraus volkswirtschaftlich sinnvolle Lösungen zu entwickeln.

Sind die Klimaziele, die Ziele der Energiewende erreichbar?

Die Energiewende ist machbar – mit den richtigen Technologien. Welche das sein sollen, muss der faire und offene Wettbewerb entscheiden. Wir dürfen nicht den Fehler machen, heute die Gewinnertechnologie des Jahres 2050 bestimmen zu wollen. Die Energiewende war bisher zu planwirtschaftlich organisiert, da wurde zu wenig auf das Endergebnis Klimaschutz geschaut. Deutschland wird daher die Klimaziele 2020 verfehlen, denn Gewinner der Energiewende ist bisher außer den erneuerbaren Energien die Kohle. Wir müssen den Strommix verändern, hin zu weniger , also rein in erneuerbare Energien und Gas. Und wir müssen uns auch um den Energieverbrauch beim Heizen und um den Verkehr kümmern.

Das Gespräch führte Georg Moeritz.

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