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Geweihte Räume

Am 8. November 1946 erteilte die sowjetische Militäradministration den Befehl Nr. 85. Fast 71 Jahre später werden in Moritzburg deshalb Märchenträume wahr.

06.10.2017
Von Dominique Bielmeier

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Räume
Der Speisesaal im Schloss Moritzburg heute: Der barocke Glanz von einst ist geblieben, die gedeckte Tafel wurde mithilfe des Freundeskreises des Museums finanziert.

© Schlösserland Sachsen

Moritzburg. Wenn die Geweihe an den Wänden im Speisesaal, im Stein- oder Monströsensaal sprechen könnten, sie würden wahrscheinlich gar nicht mehr aufhören zu erzählen. Denn ihre Geschichte umfasst nicht nur mehrere Hundert Jahre, sondern lässt auch die kuriosesten Gestalten auftreten: betrunkene Fürsten, fliehende Wettiner, alternde Soldaten, gestresste Kuratoren, streitende Staatschefs, erwachsene Bürger verkleidet als Hofdamen mit Reifröcken und Fürsten mit dreieckigen Hüten. Die Rothirsche, die Elche, der Riesenhirsch und der 66-Ender haben Kunstschätze kommen und gehen sehen, manche hastig verpackt in Kisten oder vergraben im Wald, andere so behutsam wie möglich aufgestellt und immer wieder abgestaubt.

Weil die Geweihe das eben nicht können, das Reden, übernimmt Schlosschefin Ingrid Möbius es für sie. Erst vor Kurzem, am 27. September, feierte das Schloss nämlich ein Jubiläum: Seit mittlerweile 70 Jahren ist es als Barockmuseum für die Bevölkerung geöffnet. Die Geschichte, wie es dazu kam, ist kurios, die Monate bis zur Eröffnung als Museum sind turbulent.

„Sendungen von Dresden hierher waren schwierig“, erklärt Möbius. „Schon allein Transportmittel zu finden, war nicht einfach. Es war immerhin die Nachkriegszeit.“ In den Archiven fänden sich Briefe von Professor Wolfgang Balzer, die im drängenden Ton versprochene Exponate aus Dresden anfordern. Die Eröffnung stand kurz bevor und die Zeit wurde knapp. Doch von vorn.

Bis Schloss Moritzburg zum Barockmuseum werden konnte, musste es die umwälzenden Monate nach Ende des Zweiten Weltkrieges überstehen. Die Gruppe Ortschronik Moritzburg und der Verein der Freunde des Museums Schloss Moritzburg haben die Geschichte recherchiert. Über die Zeit kurz vor der Museumseröffnung schreiben sie im Gemeindeblatt vom Juli dieses Jahres: „Bis 9. September 1945 diente das Schloss der Roten Armee der Sowjetunion zunächst als Entlassungslager für ältere Soldaten in ihre Heimat. Während bis dahin schon wertvolles Kunstgut des Schlosses in Mitleidenschaft gezogen oder gar vernichtet worden ist, setzte sich in der Folgezeit der Verlust von Einrichtungsgegenständen durch Plünderung, Versorgung von Flüchtlingen und von Bewohnern des Moritzburger Altenheimes sowie durch Verlegung in andere Museen fort.“

„Viele Möbel, Teppiche und Gemälde waren nicht mehr da“, bestätigt Schlosschefin Ingrid Möbius, „was auch immer ihr Schicksal war.“ Bei ihrer Flucht vor der Roten Armee in Richtung Sigmaringen habe die wettinische Fürstenfamilie außerdem die wertvollsten Stücke mitgenommen. Aber: Viele Schätze waren trotz allem erhalten geblieben, darunter die berühmte Dante-Bibliothek und 1 066 Gegenstände aus der historischen Schlossküche, „einer der bestausgestatteten in ganz Sachsen“, so Möbius.

Die Besatzer aus der Sowjetunion hatten die Bestände im Schloss in der Zeit als Entlassungslager zwar dezimiert, zugleich aber den Ausschlag in der Geschichte als Museum gegeben. Denn es war der Befehl Nummer 85, mit dem die sowjetische Militäradministration am 8. November 1945 festlegte, dass das Schloss Moritzburg zu einem Museum für die werktätige Bevölkerung werden sollte. „Aber schon vorher hat es vielfältige Bemühungen der Museumsleute der heutigen staatlichen Kunstsammlungen in Dresden gegeben, die Kunstschätze, die es noch gab, und die kostbare Barockausstattung zu einem Museum zusammenzuführen“, sagt Möbius.

Was nach dem Befehl vom 8. November begann, war ein Wettlauf gegen die Zeit. Die Eröffnung sollte in nicht einmal elf Monaten stattfinden. Zeit, in der ein Ausstellungskonzept erstellt werden musste und Exponate zu besorgen waren. Diese stammten beispielsweise aus der heutigen Dresdner Rüstkammer, der Kunstsammlung der Gemäldegalerie, aus der Porzellansammlung und dem damaligen Museum für Kunsthandwerk in Pillnitz. Wie schwierig sich allein der Transport erwies, hat Schlosschefin Möbius bereits beschrieben. Auch die Freunde des Museums und die Gruppe Ortschronik Moritzburg schreiben im Gemeindeblatt von einer „fortdauernden Suche nach verborgenem Kunstgut“ und „sich verzögernden Transporten von Ausstellungsstücken nach Dresden“.

Zusammengestellt wurden die Exponate von Professor Wolfgang Balzer, damals Leiter der staatlichen Museen in Dresden. Er war schließlich auch einer der Redner, die das Museum am 27. September 1947 feierlich eröffneten. Vier Säle hatte es damals, zehn Gemächer, 16 Turmzimmer und sieben eingerichtete Kabinette und Korridore.

Alte Fotos aus der Zeit zeigen den Monströsensaal mit einer großen Anzahl von japanischen Porzellanvasen aus dem 18. Jahrhundert. Diese sind in der aktuellen Ausstellung nicht mehr zu sehen. Was hat sich seitdem noch am Museum verändert? Ingrid Möbius lacht. „Haben Sie eine Woche Zeit?“ Dann zählt sie doch ein paar Neuerungen im Vergleich zur Anfangszeit auf: Seit 1980 gibt es eine Restaurierungswerkstatt für Lederwaren wie die berühmten Tapeten im Schloss. „Es gibt nirgendwo mehr in Europa einen so großen Originalbestand an einer Ausstattung eines Schlosses mit Ledertapeten“, sagt Möbius. Viele der jährlich rund 230 000 Besucher kämen extra ihretwegen nach Moritzburg.

Außerdem hat das Schloss mittlerweile natürliche ganz neue Ausstellungskonzepte. In den Wintermonaten lockt die Aschenbrödel-Ausstellung in das Museum. „Am Ende will man immer wissen, dass die Liebe siegt“, sagt Möbius. „Und Schloss impliziert ja immer Liebe und Märchen und Prinzen.“ Da müsse ein schlosseigenes Märchen natürlich sein.

Zum G6-Innenministertreffen vor zwei Jahren wurde das Schloss für kurze Zeit zur Festung. Die Sicherungsmaßnahmen nannte die Polizei intern „Corylus“, nach dem lateinischen Begriff für „Hasel“ – eine Anspielung auf das Märchen.

Wie ein Märchen mutete auch der Schatzfund der Wettiner von 1996 an, als im Wald vergrabenes Gold, Silber, Schmuck und andere Kostbarkeiten entdeckt wurden. Seit vergangenem Jahr ist der Schatz Teil der Barockausstellung.

„Wie hat man diese Anlage im 18. Jahrhundert genutzt, wie hat man hier gelebt – das Interesse daran ist ungebrochen“, sagt Möbius. Manchmal treibt das auch kuriose Blüten: Als das Museum eine Kostümführung für Kinder einführte, fragten auf einmal auch Erwachsene, ob sie nicht in historischen Roben durch das Schloss wandeln dürften. Nun dürfen sie.

Zurück ins Jahr 1947. Wie groß die Erleichterung nach rund elf turbulenten Monaten bis zur Eröffnung des Museums gewesen sein muss, können wir heute nur noch ahnen. Überliefert ist, dass es einen Festakt mit klassischer Musik und mehreren Reden von Politikern gab. Er fand statt in einem nicht näher bezeichneten „Geweihsaal“. „Ich nehme an, dass es der Monströsensaal war“, sagt Möbius.

Heute gibt es sowohl die Sowjetunion als auch die Politiker von damals nicht mehr. Geblieben ist ein Schloss voller Schätze, zu besichtigen für jedermann, und seine stummen, gehörnten Zeugen an den Wänden.