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Samstag, 10.10.2015

Gewalt in Prohlis

Vor der geplanten Asylunterkunft in einer Prohliser Grundschule standen sich Fürsprecher und Gegner gegenüber. Am Abend eskaliert die Lage.

Am frühen Abend war die Situation noch entspannt - später wurden Steine und Böller auf Polizisten geworfen.
Am frühen Abend war die Situation noch entspannt - später wurden Steine und Böller auf Polizisten geworfen.

© SZ

Als es Freitagabend bei der Pro-Asyl-Demo in der Boxberger Straße in Prohlis zu dämmern begann, ging zuerst das Herz verloren, später eskalierte die Situation. Das Herz, aufgemalt von Prohliser Bürgern auf einem Stoffbanner mit den Worten „Herz statt Hetze“ als Zeichen der Solidarität mit Flüchtlingen. Es wehte während der Demo seit 18 Uhr vorm Eingang der 89. Grundschule. Schwarz Vermummte rannten hin, rissen das Banner runter und rannten damit davon. Anwohner im benachbarten Hochhaus applaudierten.

Das war kurz vor 20 Uhr. Bis zu diesem Zeitpunkt waren etwa 70 Bürger dem Aufruf von Margot Gaitzsch (Linke) und Benjamin Schöler vom Bürgerbündnis Flüchtlingshilfe Südost gefolgt. Diese hatten die Demonstration in Anlehnung an den zum Pegida-Jubiläum angekündigten Dresdner Sternmarsch unter dem Motto „Herz statt Hetze – Prohlis miteinander“ angemeldet.

Polizisten mit Steinen beworfen

Mit dabei war Veronika Gottmann, Quartiersmanagerin in Prohlis: „Wir wollen ein Zeichen für eine Willkommenskultur in Prohlis setzen. Ich will mit den Leuten reden und vermitteln: Flüchtlinge sind Menschen wie du und ich.“ Welch anstrengende Aufgabe das sein kann, zeigte sich bei Gesprächen mit einigen der ebenfalls etwa 70 Anwohner, die gestern gegen die Einrichtung einer Flüchtlingsunterkunft im stillgelegten Teil des Schulgebäudes mit Plakaten protestierten. Ein älterer Herr warf im Gespräch mit einem syrischen Flüchtling ebendiesem vor, Frau und Kind in der Heimat zurückgelassen zu haben. Der Flüchtling hatte zuvor erzählt, dass das Geld seiner Familie nur für einen zur Flucht gereicht hatte und er sich bemühe, seine Familie nachzuholen.

Der Ton wurde rauer. Anfangs schallte den Herz-statt-Hetze-Teilnehmern von den Gegendemonstranten Rufe wie „Ihr könnt nach Hause gehen“ entgegen. Später flogen aus dieser Richtung Böller. „Frei, sozial und national“, wurde skandiert, die Nationalhymne gesungen. Mittlerweile war die Polizei mit der Besatzung mehrerer Mannschaftswagen vor Ort. Gegen 20.30 Uhr hatte sie die beiden Lager getrennt. Aufseiten der Asylgegner standen nun weniger Ältere wie anfangs noch. Stattdessen mehr junge Männer, zum Teil deutlich alkoholisiert. Eine Stunde später flogen Bierflaschen aus den Reihen in Richtung Pro-Asyl-Demo. Das Zeichen für die Polizisten, ihre Helme aufzusetzen. Nach 22 Uhr nahm die Zahl der Asylgegner zu, unter ihnen Männer in Dynamo-Dresden-Jacken. Bengalos wurden abgefackelt, Böller und Flaschen flogen.

Vier Tatverdächtige festgenommen

Die feindselige Stimmung richtete sich zunehmend gegen Polizisten. Parolen wie: „Wir sind das Volk“ und „ACAB“ wurden gebrüllt. Kurze Zeit später räumten Polizisten den Platz vor der Schule, drängten die Asylgegner mit Lautsprecheransagen Richtung Haltestelle an der Prohliser Allee. Was diese mit Steinwürfen auf Polizeiautos beantworteten. Ein SZ-Journalist wurde von einem Stein getroffen, aber nicht verletzt. Verstärkung der Polizei rückte an, unter anderem ein Wasserwerfer. Der Platz vorm Netto-Discounter wurde ausgeleuchtet. Polizisten durchsuchten im Licht des Scheinwerfers mehrere Personen. Die Beamten nahmen vier Tatverdächtige vorläufig fest. Gegen drei von ihnen wird wegen Landfriedensbruch ermittelt. Gegen den anderen wurde ein Ermittlungsverfahren wegen Körperverletzung eingeleitet. Zudem nahmen die Polizisten Personalien von 52 Personen auf.

Prüfung läuft

Am Tage hatte Rathaussprecher Kai Schulz auf SZ-Anfrage mitgeteilt, es werden nun beide Gebäudeteile der früheren 118. und 119. Polytechnischen Oberschule gerade in bautechnischer Hinsicht geprüft, damit dort Flüchtlinge untergebracht werden können. Sobald der Freistaat der Stadt Asylbewerber zur Unterbringung zuweist, sollen die Gebäude an der Boxberger Straße bezogen werden. Auch die alte Turnhalle an der Übigauer Thäterstraße werde dann zur Unterbringung von Flüchtlingen genutzt. „Wir wissen nicht wann, aber wir werden diese belegen, sobald sie gebraucht werden“, sagt Schulz. Außerdem werden die Brandschutzeinrichtungen in der Boxberger Straße unter die Lupe genommen – im Hinblick auf mögliche Schäden durch den Brandanschlag in der Nacht zu Mittwoch.

Bislang unbekannte Täter hatten vier Molotowcocktails, also Flaschen mit angezündetem Brandbeschleuniger, auf das Schulgebäude geworfen. Das für Extremismus zuständige Operative Abwehrzentrum (OAZ) der Polizei ermittelt mit Hochdruck und hält einen rechtsextrem motivierten Hintergrund für höchstwahrscheinlich.

Klage abgewiesen

Unterdessen wurde vom Verwaltungsgericht die Klage des Vaters eines betroffenen Kindes abgewiesen. Der Mann, dessen Kind bis vor wenigen Tagen im Nachbargebäude an die Boxberger Straße unterrichtet wurde, war gerichtlich gegen die Unterbringung von Schülern und Asylbewerbern in einem Komplex vorgegangen. „Dabei stand für mich nicht eine möglicherweise von Flüchtlingen ausgehende Gefahr für die Kinder im Vordergrund, sondern vor allem die Gefahr durch gegen diese Flüchtlingsunterkunft gerichteten „Demonstrationen“ vergleichbar mit denen in Heidenau und Freital“, ließ der Vater über seinen Anwalt Jens Hänsch mitteilen. Die Stadt hatte immer wieder betont, dass beide Einrichtungen klar voneinander getrennt werden. Mittlerweile wurden die Schüler in ein Gebäude am Terrassenufer verlegt.

„Aufgrund dieser Entscheidung wurde mein Antrag durch das Gericht auf meine Kosten zurückgewiesen“, so der Vater. Er selbst will anonym bleiben, um seine Familie zu schützen. Durch die Verlegung der Schüler sei zwar die unmittelbare Gefahr für die Kinder verringert, sie bedeute aber große Schwierigkeiten für sie, weil die Kinder zwei Mal täglich 45 Minuten länger mit dem Bus unterwegs seien.

Hinweis: In einer früheren Version dieses Artikel hieß es, ein Journalist wurde von einem Stein verletzt. Richtig ist, dass der SZ-Reporter von einem Stein getroffen wurde, aber unverletzt blieb.