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Geteilter Sozialismus

Von Transparenten in der DDR lebten Maler und Politiker. Losungen waren Alltag. Dagegen kam kein Reporter an.

07.10.2017
Von Ralph Schermann

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 Sozialismus
Unverhofft traf TV-Reporter Hans-Joachim Wolle 1979 in Görlitz Mitarbeiter der PGH „Der Maler“ mit nur einem Losungs-Teil. Daraus...

© Bildschirmfotos: R. Schermann

Die von 1972 bis 2011 von Hans-Joachim Wolfram über 367 Folgen geleitete Sendereihe „Außenseiter – Spitzenreiter“, Unterzeile „Kundendienst für Neugierige“, war in der DDR Kult. Hier wurde Kurioses und Hintergründiges vorgestellt und dabei so manche Kritik am Sozialismus derart liebenswürdig auf die Schippe genommen, dass man am Ende über sich selber lachte. Nicht selten waren Wolfram und sein erster Reporter Hans-Joachim Wolle auch in Görlitz zu Gast – sei es, um die am lautesten quietschende Straßenbahn einer DDR-Stadt für eine Sendung zu dokumentieren oder aber auch nur, um als Gäste einer Stadthallen-Veranstaltung aufzutreten. Mitte Oktober 1979 hatte Wolle mal wieder eine Reportage beendet, und der Barkas-Kleinbus mit seinem Team wollte die Rückfahrt antreten, als am Karl-Marx-Platz (heute Wilhelmsplatz) zwei Männer mit einem halben Transparent ihren Weg kreuzten. „Es lebe die Situationskomik“, sagte Hans-Joachim Wolle, ließ an- und den Kameramann draufhalten.

„Vorwärts zum 30. Jahrestag der DDR“ stand auf dem Transparent, dessen erstes Stück mit „Vorwärts bis zum 30. Ja“ die Männer in ihren blauen Kitteln trugen. Der Jubeltag war mit dem 7. Oktober bereits vorbei, daher „geht es nun also nicht mehr vorwärts“. Und darum „tragen wir das wieder zu uns“, sagten die Herren dem Reporter. Nämlich zur PGH „Der Maler“ auf der Salomonstraße. Und „das dicke Ende kommt dann noch. Irgendwann wird dann alles mit was Neuem überpinselt.“

Klar, dass diese launige Episode 1979 nie gesendet werden durfte. Erst in der Wendezeit, nämlich in der Folge von „Außenseiter – Spitzenreiter“ vom 21. Dezember 1989, flimmerte dieses Stück Zeitgeschichte über die Bildschirme. Die Kulisse hatte sich da noch nicht viel verändert. Im Film gut zu erkennen waren zum Beispiel im Hintergrund der Volltuch-Industrieladen, der IFA-Autosalon und der Jakobstraßen-Eingang zur HO-Passage, die kurz darauf wieder nach Straßburg hieß.

Mit dem richtigen Augenzwinkern hielt Reporter Wolle also fast wie nebenbei der Transparente-Gesellschaft den Spiegel vor. Denn Plakate, Banner, Schaufenstersprüche und große Losungen gehörten in der DDR zum täglichen Stadtbild. Politische Aussagen zu Festtagen waren nichts Besonderes, sodass eine kleine Rückschau auf solche Ansichten heute schon wieder mit Erstaunen wahrgenommen wird. Dabei helfen Parolen keinem, was erst der jüngste Wahlausgang so manchem Plakatierer wieder bescheinigte. Denn politisch geworben wird auch heute noch. Auch die Hans-Joachims Wolfram & Wolle würden da wieder hinschauen. Wie hieß doch ihr steter Rat: „Bleiben Sie schön neugierig!“