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Mittwoch, 03.01.2018

Geschreddert, zerrissen, vernichtet

Sind zerstörte Stasi-Akten noch zu retten? Die massenhafte Rekonstruktion per Computer kommt nicht voran.

Von Jutta Schütz, Berlin

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Dezember 1989 in der früheren Dresdner Stasi-Bezirkszentrale: Bürgerrechtler begutachten das, was von den Akten übriggeblieben war. Stasi-Mitarbeiter hatten bis zuletzt Berge von Akten vernichtet. Die Papierfetzen wurden gesichert und später in mühevoller Kleinarbeit wieder zusammengesetzt.
Dezember 1989 in der früheren Dresdner Stasi-Bezirkszentrale: Bürgerrechtler begutachten das, was von den Akten übriggeblieben war. Stasi-Mitarbeiter hatten bis zuletzt Berge von Akten vernichtet. Die Papierfetzen wurden gesichert und später in mühevoller Kleinarbeit wieder zusammengesetzt.

© picture-alliance/ ZB

  • Dezember 1989 in der früheren Dresdner Stasi-Bezirkszentrale: Bürgerrechtler begutachten das, was von den Akten übriggeblieben war. Stasi-Mitarbeiter hatten bis zuletzt Berge von Akten vernichtet. Die Papierfetzen wurden gesichert und später in mühevoller Kleinarbeit wieder zusammengesetzt.
    Dezember 1989 in der früheren Dresdner Stasi-Bezirkszentrale: Bürgerrechtler begutachten das, was von den Akten übriggeblieben war. Stasi-Mitarbeiter hatten bis zuletzt Berge von Akten vernichtet. Die Papierfetzen wurden gesichert und später in mühevoller Kleinarbeit wieder zusammengesetzt.
  • Roland Jahn sorgt sich um die Erhaltung der Akten.
    Roland Jahn sorgt sich um die Erhaltung der Akten.

Fieberhaft hatten Stasi-Offiziere im Herbst 1989 versucht, Akten verschwinden zu lassen. Es wurde geschreddert, zerrissen und vernichtet. Doch ein großer Teil der Stasi-Papiere konnte gerettet werden. Was ist aus der Hinterlassenschaft geworden?

Mehr als 28 Jahre nach dem Mauerfall liegen noch immer Millionen Schnipsel zerrissener Stasi-Akten ungenutzt in Säcken. Das werde vorerst so bleiben, die massenhafte Rekonstruktion per Computer komme nicht weiter voran, sagte der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Roland Jahn, der dpa. Das Fraunhofer Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik habe eine leistungsfähige Software entwickelt, doch es gebe keine entsprechenden Scanner. Das Projekt sei vorerst gestoppt. „Die technischen Voraussetzungen reichen nicht“, so Jahn.

Vor zehn Jahren war ein Vorhaben gestartet, mit dem die Papiere in großem Stil virtuell zusammengesetzt werden sollten. Etwa sieben Millionen Euro flossen in das Projekt. Erschlossen wurde der Inhalt von 23 Säcken, was 91 000 Seiten entspricht, wie Jahn erläuterte. Das Computerprogramm konnte bereits Risskanten, Schrift- und Papierarten zuordnen. Doch die Schnipsel mussten per Hand in herkömmliche Scanner eingelegt werden.

Auch das Zusammenfügen von Stasi-Papieren per Hand im bayerischen Zirndorf wurde Ende 2015 beendet. Abgeordnete Mitarbeiter wurden wieder im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge gebraucht. Seit 1995 war der Inhalt von etwa 500 Säcken per Hand gepuzzelt worden. Das seien etwa 1,6 Millionen Blätter.

Die Schnipsel aus rund 15 500 Säcken seien bislang nicht erschlossen, sagte Jahn. Im Herbst 1989 wollten Stasi-Offiziere massenhaft Akten vernichten. Nachdem die Reißwölfe heiß liefen, wurden die Unterlagen auch per Hand zerfetzt. Bürgerrechtler stoppten später die Aktion. Die zerrissene Hinterlassenschaft wurde in mehr als 16 000 Säcken gelagert. Daneben blieben 111 Regal-Kilometer unversehrte Papiere erhalten.

Die Behörde werde sich nun darauf konzentrieren, zum Beispiel Säcke aus der Stasi-Hauptverwaltung Aufklärung, die für die Auslandsspionage zuständig war, sowie Schnipsel aus der Abteilung zur Verfolgung von DDR-Oppositionellen mit eigenen Mitarbeitern per Hand zusammenzusetzen. „Die Stasi darf nicht im Nachhinein bestimmen, was wir lesen können und was nicht“, unterstrich der frühere DDR-Oppositionelle Jahn.

Die bereits am Computer zusammengesetzten Papiere sollen bis zum Frühjahr ins Archiv einsortiert werden. „Erst dann können sie auch genutzt werden“, so der Bundesbeauftragte. Lücken in Schicksalen und Lücken für Forscher könnten geschlossen werden.

Die Schnipsel seien Teil des Archivs, ihr Zerfall drohe nicht, sagte Jahn. Die Papiere seien angemessen gelagert. Ganz aufgeben will der Bundesbeauftragte das virtuelle Vorhaben aber nicht. Ein neuer Vertrag mit dem Fraunhofer Institut solle ausgehandelt werden. (dpa)

Leser-Kommentare

Insgesamt 2 Kommentare

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  1. Berg

    Diese Puzzle sind längst nur noch eine politische Illustration in der Geschichtsbetrachtung über die DDR. Wieviele wirklich bedeutungsvolle Dokumente werden wohl damit wieder hergestellt neben unzähligen bedeutungslosen? - Man müsste es lieber so sehen: da hatte also die Stasi angesichts des Endes des Staates, den sie sichern sollte, in weiser Voraussicht friedlich und ohne Aufhebens damit begonnen, die angelegten Datensammlungen von Freunden und Feinden des Staates zu vernichten. Denn auch die Bestätigungen der zuverlässigen DDR-Bürger stammten aus Stasi-Datensammlungen. In unzähligen betrieblichen Leistungseinschätzungen, Beurteilungen wurde Werktätigen die Staatstreue bestätigt - für viele nach der Wende peinlich. Also, alles weg damit. - Nee, hieß es dann aber: alles weiterleben lassen. - Wenn nur die heutigen elektronischen Datensammlungen auch gelegentlich mal gelöscht würden!

  2. Hundling

    23 Säcke per Computer, 500 Säcke per Hand: Ich würde da mal Prioritäten setzen. Was in D gut funzt, ist das Ehrenamt. Hier würden sich bestimmt zigtausend Freiwillige kostenfrei beteiligen...

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