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Donnerstag, 15.02.2018

Geschichtenonkel und Etepetete-Tante

Die Kinderbücher von Hans-Christian Schmidt haben es bis nach China geschafft. Jetzt macht der Lehrer auch Musik.

Von Henry Berndt

Kreativ in Wort und Ton: Im Dachgeschoss in Dresden-Plauen ersinnt Hans-Christian Schmidt all seine bunten Geschichten und Lieder.
Kreativ in Wort und Ton: Im Dachgeschoss in Dresden-Plauen ersinnt Hans-Christian Schmidt all seine bunten Geschichten und Lieder.

© Sven Ellger

Mama Huhn ist verzweifelt. Sie hat ihr Ei verloren und sucht nun überall. Doch welches Ei sie auch findet, immer schlüpft ein anderes Tier aus der Schale. Ein Reiher, ein Pinguin, ein Krokodil. Blättert man um zur nächsten Seite, hört man die Eischale richtig knacken. Das ist einer der kleinen großen Coups von Hans-Christian Schmidt und seinem Freund und allerliebstem Illustratoren, Andreas Német.

Geschätzte 100 000 Mal wurde das Buch von Mama Huhn seit seinem Erscheinen 2005 schon verkauft. Für seinen Dresdner Schöpfer Hans-Christian Schmidt war es der Dosenöffner, der aus dem Lehrer mit kreativem Hobby einen Lehrer mit kreativem Nebenerwerb machte. Am St.-Benno-Gymnasium lehrt der 45-Jährige Deutsch und Geschichte. Doch wenn daheim in seiner Wohnung in Plauen die letzte Klausur korrigiert und der nächste Schultag vorbereitet ist, dann wird Schmidt zum Geschichtenonkel. Bei verschiedenen Verlagen hat er schon mehr als 70 Pappbücher mit allerlei herzerwärmenden Geschichten veröffentlicht. Sein Erstling „Der kleine Valentin“ von 2003 erzählte von einer Maus, die die Natur entdeckt.

„Ich habe mich einfach über viele Kinderbücher geärgert, die ich lieblos fand“, sagt der Vater zweier Söhne. Was lag da näher, als selbst zum Literaten zu werden. Der Weg zu einem in Verlagskreisen bekannten und geschätzten Kinderbuchautoren war lang und steinig. Daran änderte zunächst auch der kleine Valentin nichts. Jahr für Jahr fuhren Schmidt und Német mit ihren neusten Ideen zur Buchmesse nach Frankfurt – und nie kamen sie mit Zählbarem zurück. „Wir waren echt deprimiert und kurz davor, aufzuhören“, sagt Schmidt. Der allerletzte Schuss war dann ein Treffer: „Mama Huhn sucht ihr Ei“ überzeugte einen Verlag.

Ideen, nicht von Pappe

„Seit diesem Moment ist alles anders“, sagt Schmidt. Statt sich in lange Illustratoren-Schlangen bei der Buchmesse einzureihen, bekommt er jetzt Termine bei den Verlagen. Jedes Jahr setzt er fünf bis sechs Ideen um und lebt sich kreativ aus. In einem Buch namens „Tooor!“ sagte er kurz vor der WM 2014 sogar Deutschland als Sieger voraus – mit 1:0 im Finale. Einige seiner Bücher wurden in Dutzende Sprachen übersetzt. Sogar chinesische Ausgaben stehen daheim in Schmidts Bücherregal.

Das auffälligste Plus der Werke aus der Feder von Schmidt und Német sind die Spezialeffekte, mit denen sie gern arbeiten. Ob Klappen, Ausstanzungen, sich auffaltende Papp-Blumen oder Magnete – kaum eine Seite ist einfach nur eine Seite.

Hundertausende verkaufte Bücher, jedes Jahr Neuerscheinungen. Man könnte meinen, Hans-Christian Schmidt würde nur noch mit goldenen Stiften schreiben. Doch weit gefehlt. „Reich wird man damit leider nicht, obwohl ich mehr Bücher rausgebracht habe als Goethe und Schiller zusammen“, sagt Schmidt und lacht. Das Geschäft mit den Pappbüchern sei schnelllebig. Meist würden die Werke schon nach zwei Jahren wieder aus dem Programm genommen. Außerdem seien die Produktionskosten, vor allem bei den Spezialeffekten, vergleichsweise hoch und die Gewinnmargen entsprechend klein. „Allzu teuer dürfen die Bücher ja auch nicht sein.“

Zu allem Überfluss hätten Pappbücher in Deutschland bislang keinen besonders guten Stand. „Sie werden als Literatur nicht sehr geschätzt und sind auch in den meisten Buchläden kaum präsent.“ In Frankreich sehe das ganz anders aus.

Hätte Schmidt nicht seinen Lehrerjob in der Hinterhand – allein als Autor würde er kaum über die Runden kommen. Auch deswegen besann er sich gemeinsam mit Andreas Német zuletzt noch auf eine andere Leidenschaft, die sie einst zueinander brachte: die Musik.

Zeit für Firlefanz

Damals noch in Meißen, spielten die beiden in einer Band namens „Kein Mitleid“. Nun, nach jahrelanger Pause, wollte Schmidt wieder ins Studio und auf die Bühne gehen. „Meine ursprüngliche Idee war, die Kinderbücher zu vertonen“, sagt er. „Es hat eine Weile gedauert, bis ich Andreas überzeugen konnte.“ 2015 holten sich die beiden weitere Musiker und eine Sängerin dazu und gründeten die Gruppe Firlefanz und Grete. Hans-Christian Schmidt komponierte wild drauflos. Die erste Platte „Von Hühnern, Äpfeln und anderen Fahrzeugen“ produzierten sie zunächst auf eigene Faust, ganz ohne Label. Zu hören gibt es eine Mischung aus frisch arrangierten bekannten Kinderliedern und eigenen Songs wie „Tatütata“ und „Etepetete-Tante Ann“. Kaufen konnte man die CD lange nur bei den Konzerten. „Es sollte ja eigentlich nur eine Promo-CD sein.“ Unterdessen nahm die Live-Karriere schnell an Fahrt auf. Die Gruppe spielte in Dresden in der Scheune und in der Johannstadthalle, aber auch schon in München und Stuttgart. „Oft haben wir kaum mehr geprobt, als wir Auftritte hatten.“

Vor wenigen Tagen nun der musikalische Durchbruch: Das Label Timezone Records nahm Firlefanz und Grete unter Vertrag und brachte ihr Debütalbum in den Handel. „Ziel kann jetzt nur noch der Weltruhm sein, wenigstens in Deutschland“, unkt Schmidt, der schon wieder weiterdenkt. Interaktive Lesestunden für Schulklassen hat er schon im Programm. Bald könnten ein musikalisches Kabarettprogramm und ein Puppentheaterstück folgen. Der Geschichtenonkel läuft heiß.

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