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Mittwoch, 19.04.2017

Geschichten, die Mut machen

Ein Moment verändert das ganze Leben. Nach solchen Geschichten sucht das Team des Projektes „Umbrüche“.

Von Maria Fricke

Patricia Geyer aus Altenhof hat es gewagt: Nach dem Studium hat sie einfach ihre Sachen gepackt und ist nach England gereist. Ihre Erlebnisse schilderte sie dem Projekt „Umbrüche“.
Patricia Geyer aus Altenhof hat es gewagt: Nach dem Studium hat sie einfach ihre Sachen gepackt und ist nach England gereist. Ihre Erlebnisse schilderte sie dem Projekt „Umbrüche“.

© Dietmar Thomas

Region Döbeln. Einfach mal raus. Diesen Gedanken hatte Patricia Geyer, als sie nach dem Studium beschloss, für zwei Monate das Weite zu suchen. Allein machte sich die studierte Landschaftsarchitektin auf die Reise nach London. Dort entdeckte sie, was es heißt, zu leben. „Ich sitze hier in einem Zimmer in einem Haus in einer europäischen Hauptstadt und bin zugleich Teil der Weltgemeinschaft. Ich fühle jetzt sehr intensiv, wie es ist, lebendig zu sein“, schildert die 48-Jährige ihre Erfahrung. „Ich habe mich einfach dem Leben gestellt“, sagt die Altenhoferin über ihren Umbruch.

Nachzulesen ist die Geschichte im Internet auf der Seite des Projektes „Umbrüche“, das vor einigen Tagen offiziell gestartet ist. Das Team, zu dem unter anderem Autorin Sylvia Eggert, Künstler Jens Ossada sowie Kalligraph und Grafiker Frank Niemann gehören, ist auf der Suche nach „Stehaufgeschichten“. „Jeder von uns ist schon einmal in eine Umbruchsituation gekommen“, sagt Cathleen Diedrich, Geschäftsführerin des Vereins Müllerhof in Mittweida, unter dessen Dach das Projekt ansässig ist.

Was der Umbruch gewesen ist und was er bewirkt hat, das sollen die Menschen erzählen. Dabei gibt es zwei Möglichkeiten, die Geschichten festzuhalten. Entweder die Teilnehmer schreiben sie selbst auf, schicken sie per E-Mail oder werfen den Ausdruck in einen von rund 60 Briefkästen, die in ganz Mittelsachsen zu finden sind. In der Region Döbeln stehen zum Beispiel jeweils einer in den Stadtbibliotheken Döbeln und Leisnig sowie im Kaffee Batavia an der Sattelstraße in Döbeln und dem Café am Markt in Leisnig. Schüler aus Milkau und Seelitz haben die Briefkästen gestaltet.

Formal gibt es für die Geschichten keine Vorgaben, erklärt Cathleen Diedrich. Inhaltlich sollten sich die Autoren an den Leitfragen „Warum sind wir gestürzt? Wie haben wir uns wieder aufgerappelt? Wer oder was hat uns geholfen, wieder aufzustehen? Hatte das alles einen (tieferen) Sinn? Wenn ja, welchen?“ orientieren. Wer seine Geschichte selbst nicht aufschreiben kann, den interviewt ein Vertreter des Projektteams auch, wie Diedrich sagt.

Die Geschichten werden anschließend im Internet veröffentlicht. Auf Wunsch auch anonym. Dazugestellt wird ein Foto von den Füßen des Autoren. „Schließlich haben die am ehesten mit dem Thema Aufstehen zu tun“, begründet die Müllerhof-Chefin. Die Fotos können die Autoren mit einreichen oder vom Team machen lassen.

Bis zum 21. Juni nimmt das die Geschichten an. Dann erfolgt eine Auswertung. „Es wird eine Form der Dokumentation geben“, sagt Diedrich. Wie genau, ist derzeit noch offen.

Die Idee zu dem Projekt hatten Elisabeth Schwerin und Sylvia Eggert. Ihr Ansinnen war es, die Geschichten der Menschen festzuhalten. „Es bringt den Menschen unheimlich viel, wenn sie erzählen, was sie erlebt haben. Es steigert ihren Selbstwert“, hat Sylvia Eggert bei ihrer eigenen Arbeit festgestellt. Die freie Autorin schreibt unter anderem Trauerreden.

Finanziert wird das Projekt über die Richtlinie zur Förderung der Chancengleichheit durch das Sächsische Verbraucher- und Sozialministerium. Rund 6 000  Euro Eigenanteil muss der Verein aufbringen. Über 3 600 Euro sind in Form von Spenden bereits eingegangen.

www.stehaufgeschichten.de