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Montag, 24.12.2012

Gefährliche Idylle auf Rügen

Vor einem Jahr starb die kleine Katharina bei einem Kreideabsturz. Das Risiko bleibt.

Von Martina Rathke

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  • Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich die Ostsee auch die Nebelsignalstation über der Steilküste Rügens holt. Vor einem Jahr kostete ein Kreideabbruch einem zehnjährigen Mädchen das Leben. Heute warnen Schilder vor der Gefahr.Fotos: dpa (2)
    Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich die Ostsee auch die Nebelsignalstation über der Steilküste Rügens holt. Vor einem Jahr kostete ein Kreideabbruch einem zehnjährigen Mädchen das Leben. Heute warnen Schilder vor der Gefahr.Fotos: dpa (2)

Die Grablichter und Blumen sind ein Jahr nach dem verhängnisvollen Tod der kleinen Katharina am Kap Arkona verschwunden. Doch das Unglück an der Nordspitze Rügens, bei dem das zehnjährige Mädchen bei einem plötzlichen Kreideabbruch am Steilküstenkliff verschüttet wurde, ist in den Köpfen der Inselbewohner und Beteiligten noch immer präsent. „Kein Kamerad wird diesen Einsatz vergessen können“, sagt Daniel Hartlieb, der damalige Einsatzleiter der Rettungskräfte.

Es sollte ein netter Urlaubsspaziergang der Familie aus dem brandenburgischen Plattenburg werden, als sich urplötzlich am Nachmittag des zweiten Weihnachtsfeiertags Tausende Kubikmeter aus dem 40 Meter hohen Kliff lösten. Während die Mutter und ihre 14-jährige Tochter ins Wasser der Ostsee gedrückt werden und überleben, bleibt Katharina wie vom Erdboden verschluckt. Rettungskräfte suchten in den ersten Stunden nach dem Unglück nach einem Lebenszeichen, in den Tagen danach nur noch nach dem Leichnam.

Sturm und die tobende Ostsee zwingen die Helfer zwei Wochen später zum Abbruch der Suche. Erst am 31. Januar wird endlich der Leichnam gefunden – freigespült vom starken Ostwind. Erst mit der Beerdigung der kleinen Katharina in ihrem Heimatort können die Feuerwehrleute und THW-Helfer loslassen. „Das Unglück ist verarbeitet, aber nicht vergessen“, sagt Hartlieb heute.

Abschnitt bleibt gesperrt

In der kleinen, vorrangig vom Tourismus lebenden Gemeinde Putgarten, zu der das Kap Arkona gehört, löste der tödliche Kreidesturz tiefe Betroffenheit aus. Der Abgang, der noch vor einem Jahr Spaziergänger zum Klifffuß führte, ist gesperrt. „Der Abschnitt ist geschlossen, weil die Bewegung des Hanges noch nicht abgeschlossen ist“, sagt der Bürgermeister der Gemeinde, Ernst Heinemann. Trotzdem gebe es immer wieder Unverbesserliche, die sich über die Verbote hinwegsetzten. Eine große Informationstafel warnt vor den Gefahren und erinnert mit einem Foto vom Kreidesturz an den 26. Dezember 2011. Auch an anderen Stellen stehen nun Schilder, Pensionen und Hotels informieren ihre Urlauber mit Flyern. Außerdem wurde ein Küstenweg vorsichtshalber verlegt.

Dass das Unglück die Tourismusbilanz des Kaps nachhaltig negativ beeinflusst hat, glaubt der Gemeindechef dennoch nicht. Rund 600 000 Tagestouristen besuchten jährlich das Kap Arkona. Die Zahlen für 2012 liegen noch nicht vor. „Wenn es einen Rückgang gibt, dann nur, weil die allgemeinen Urlauberzahlen auf Rügen sanken“, schätzt Heinemann.

Jedes Jahr nimmt sich die Ostsee durchschnittlich rund 20 Zentimeter von der Steilküste. Doch Küstenabbrüche sind nicht vorhersehbar. Jahrelang passiert überhaupt nichts, dann können unvermittelt mehrere Meter in die Tiefe stürzen. „Alle Steilküsten in Mecklenburg-Vorpommern bestehen aus Lockergestein – Kreide, Sand, Geschiebemergel. Überall dort können Rutschungen generiert werden“, erklärt Ralf-Otto Niedermeyer vom Landesamt für Umwelt, Naturschutz und Geologie.

Auf Rügen wird inzwischen intensiv diskutiert, wie mit neuen Bebauungsvorhaben in unmittelbarer Steilküstennähe umzugehen ist. Nach einer Pause im vergangenen Jahr sollen diesmal zu Silvester über dem Kap wieder Raketen steigen. Tausende Urlauber werden erwartet. Bei der traditionellen Sturmwanderung zum Jahreswechsel will Heinemann auch an das Unglück erinnern. (dpa)

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