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Geburtsstation Albertbrücke

Nick Kroschwald ist nicht das erste Mandaubaby. Vor über 50 Jahren kam an dieser Stelle schon mal ein Kind auf die Welt.

07.10.2017
Von Elke Schmidt

ation Albertbrücke
Gisela Landrock zeigt ein Foto ihrer fünf Kinder. Sohn Holger ist nicht nur ihr einziger Junge, auch seine Geburt war etwas ganz Besonderes. Das war lange Zeit ein beliebtes Thema bei Familienfeiern.

© Rafael Sampedro

Als sie in der Sächsischen Zeitung die Geschichte von Nick Kroschwald aus Olbersdorf liest, steht ihr der Geburtstag ihres Sohnes wieder vor Augen, als wäre er gestern gewesen, sagt Gisela Landrock. Denn Nick wurde genau wie ihr Sohn Holger an derselben Stelle auf der Zittauer Albertbrücke geboren. Nur eben 52 Jahre später. Die ersten Artikel über das Mandaubaby Nick hat sie zwar übersehen, aber als von Nicks Schuleintritt berichtet wird, sei ihr das aufgefallen, erzählt Gisela Landrock. In der Zeitung steht jedoch, dass Nick das erste Baby auf der Brücke war. Weil sie es besser weiß, will sie diesen Irrtum geraderücken und wendet sich an die Zeitung. Es sei doch bemerkenswert, dass sich ausgerechnet auf dieser doch recht kurzen Brücke zweimal exakt das Gleiche zugetragen hat. Diesem Zufall könnte man doch einen weiteren Artikel widmen, findet sie – und fängt an, zu erzählen.

Es ist ein Tag vor Silvester, mitten im Winter 1958. Um diese Zeit liegt tatsächlich Schnee, es ist bitterkalt. Knapp zwei Stunden vor Mitternacht setzen bei Gisela Landrock in Olbersdorf die Wehen ein. Weil es bereits ihre dritte Geburt ist, bleibt sie gelassen. Die werdende Mutter weiß, alles verläuft normal. Die Familie wohnt damals im Ziegelviebig. Ihr Mann geht los Richtung Gemeindeamt, denn dort steht das Telefonhäuschen. Dafür braucht er rund zehn Minuten, dann schildert er dem Rettungsdienst die Situation, macht es dringend. Die Helfer sind recht schnell da und nehmen Gisela Landrock mit.

Sie sind noch nicht ganz in Zittau, da merkt Gisela Landrock, dass es nun nicht mehr lange dauern kann. Als der Krankenwagen gerade auf die Albertbrücke fährt, kommt wieder eine Wehe. Diesmal stärker und sie spürt, dass das Köpfchen schon halb draußen ist. Ihr drittes Kind will nicht mehr warten. Nun geht alles rasend schnell. „Gott sei Dank hatte ich keine Hose an“, sagt sie rückblickend. So konnte sie schnell noch ihren Rock hochraffen. Den dicken Wintermantel, den sie gegen die Kälte dabei hat, legt ihr Mann geistesgegenwärtig auf den Boden des Krankenwagens. Dann klopft er an die Scheibe und informiert den Fahrer. Der stoppt sofort und kommt mitten auf der Albertbrücke zum Stehen. Doch da ist der kleine Holger schon geboren und liegt warm und geborgen in Mutters Mantel. Die Sanitäter leisten im wahrsten Sinne Erste Hilfe und versorgen Gisela Landrock so gut es geht vor Ort.

Dann fahren sie zur Geburtsklinik, die damals noch in der Schillerstraße ist. Ihr Mann hat keine Zeit, das Erlebte zu verdauen. Vor der Klinik packt er mit an und hilft, die Trage mit seiner Frau in den ersten Stock zu bekommen, denn einen Fahrstuhl gibt es noch nicht. Dann drücken ihm die Klinikmitarbeiter die schmutzigen Sachen seiner Frau in die Hand und er ist entlassen. Er läuft nach Hause, an ein Taxi ist um diese Zeit zu Silvester nicht zu denken. Für ihn war das ein einschneidendes Erlebnis, sagt Gisela Landrock. Schließlich sei er überhaupt nicht darauf vorbereitet gewesen, bei der Geburt dabei zu sein. Das war damals für Väter nicht üblich. In den Kreißsaal hätte er definitiv nicht hineingedurft. Trotz allem habe er die Situation sehr gut gemeistert, sagt Gisela Landrock.

Trotz des ungewöhnlichen Starts hat Holger Landrock ein recht normales Leben. Die Mutter ist unheimlich stolz auf ihren Sohn. Er habe seinen Weg gemacht, sagt sie. Wie alle in der DDR geht er zehn Jahre lang zur Schule und wie damals durchaus üblich, musste auch er nach Schulschluss zu Hause oft mit anpacken. Die Familie baute sich damals ein Umgebindehaus aus und dabei haben alle helfen müssen, besonders der einzige Sohn war auf der Baustelle gefragt. Das habe er immer ohne zu murren getan, erinnert sich die Mutter.

Nach der Schule lernt er Chemiefacharbeiter bei fit in Hirschfelde, geht danach für drei Jahre zur NVA. Doch schon früh kommt seine Liebe zur Musik zum Vorschein. Zwischen der 9. und der 10. Klasse geht er in den Ferien arbeiten und kauft sich von dem Geld sein erstes Schlagzeug. „Das stand dann bei uns in der Wohnstube und wurde oft und laut geschlagen“, erinnert sich die Mutter. Diese Leidenschaft lässt ihn nicht mehr los. Auch nicht, als er einen Ausreiseantrag stellt und bald darauf in die BRD übersiedelt. Er hat danach wechselnde Berufe, macht aber nebenbei immer Musik. Bis er vor gut zehn Jahren selbstständig wird und nun ganz und gar sein Hobby zum Beruf macht. Als Alleinunterhalter sorgt er bei Feiern aller Art für die richtige Stimmung. Obwohl er heute in Köln lebt, ist vor allem der telefonische Kontakt zur Mutter und den vier Schwestern noch gut. Holger Landrock ist der Mittelste der Geschwister und der einzige Junge. Auf Familienfeiern wird besonders in den ersten Jahren nach seiner Geburt oft von seinem Eilstart ins Leben gesprochen. Die Familie macht oft Späße darüber. Aber heute sei das vorbei, inzwischen sei auch dieser Geburtstag ein ganz normaler wie die anderen auch, sagt Gisela Landrock.