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Mittwoch, 16.03.2016

Für drei Stunden Schlossherr

Den Vorfahren der Familie Thormaehlen hat das Schloss Bremenhain einst gehört. Nun haben sie das gut erhaltene Herrenhaus besucht und die SZ bei dem exklusiven Rundgang mitgenommen.

Von Katja Schlenker

Einblick ins Schloss

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Wolfgang Sieber (links) gehört derzeit das Schloss Bremenhain. Johannes-Theodor Thormaehlen (rechts) und sein Sohn Frederik (im Hintergrund) haben es vor wenigen Tagen besucht. Die Mutter von Johannes-Theodor Thormaehlen hat einst in dem Herrenhaus gelebt.
Wolfgang Sieber (links) gehört derzeit das Schloss Bremenhain. Johannes-Theodor Thormaehlen (rechts) und sein Sohn Frederik (im Hintergrund) haben es vor wenigen Tagen besucht. Die Mutter von Johannes-Theodor Thormaehlen hat einst in dem Herrenhaus gelebt.

© André Schulze

  • Wolfgang Sieber (links) gehört derzeit das Schloss Bremenhain. Johannes-Theodor Thormaehlen (rechts) und sein Sohn Frederik (im Hintergrund) haben es vor wenigen Tagen besucht. Die Mutter von Johannes-Theodor Thormaehlen hat einst in dem Herrenhaus gelebt.
    Wolfgang Sieber (links) gehört derzeit das Schloss Bremenhain. Johannes-Theodor Thormaehlen (rechts) und sein Sohn Frederik (im Hintergrund) haben es vor wenigen Tagen besucht. Die Mutter von Johannes-Theodor Thormaehlen hat einst in dem Herrenhaus gelebt.
  • Auf dem  Foto ist sie, Hilde Tillgner, mit ihrem Vater Eduard zu sehen.
    Auf dem Foto ist sie, Hilde Tillgner, mit ihrem Vater Eduard zu sehen.

Bremenhain. Das hier ist Realität, sagt Frederik Thormaehlen bei dem Rundgang durch das Bremenhainer Schloss. Immer wieder schweift sein Blick umher, bleibt staunend an den Details in den Räumen hängen. Unzählige Fotos macht er unterwegs. Als Erinnerung an diesen Augenblick. Der 46-Jährige ist gemeinsam mit seinem Vater Johannes-Theodor auf einer Reise in die Vergangenheit. Hilde, seine Großmutter, ist 1912 im Herrenhaus des Anwesens geboren worden. Ihr Vater ist der Jurist Eduard Tillgner. Er ist von 1903 bis 1924 der Eigentümer des Rittergutes gewesen. Nun ist die Familie für einen Nachmittag in die Heimat der Vorfahren zurückgekehrt.

Einblick ins Schloss

„Es ist ein besonderer Besuch, weil hier alles original ist. Etwas zu sehen, das mit der Geschichte meiner Familie zu tun hat und so gut erhalten ist“, sagt Frederik Thormaehlen begeistert. Das Rittergut Bremenhain gibt es seit ungefähr 500 Jahren. Otto von Nostitz gehörte es und der Familie von Martin. Beide Familien haben die Region geprägt. Das Herrenhaus ist zwischendurch allerdings einmal abgebrannt und neu errichtet worden. Das war 1910, als Eduard Tillgner Besitzer gewesen ist. Aus einem kleinen barocken Herrenhaus ist so das villenartige Gebäude entstanden, das heute noch in Bremenhain steht.

Nach dem Verkauf erlebt das Haus eine wechselvolle Geschichte. 1937 war Wilhelm-Egon von Schwake als Eigentümer eingetragen. Der Besitzer wurde 1945 enteignet, daraufhin 18 schlesische Flüchtlingsfamilien dort untergebracht, die alle Zimmer füllten. Anschließend kam das Gemeindeamt in dem Herrenhaus unter. Ende der 1980er Jahre strebte der VEB Feinoptik Görlitz an, in dem Gebäude zu produzieren. Nach der politischen Wende wurde das Anwesen zunächst an einen westdeutschen Investor verkauft. 1996 schließlich geht das Schloss in den Besitz von Wolfgang Sieber über. Der frühere Generaldirektor des volkseigenen Kombinats Robotron in Dresden beginnt, das Anwesen Stück für Stück zu sanieren. Und das mit viel Liebe zum Detail. Von der originalen Inneneinrichtung sind über die Jahre hinweg lediglich zwei Kachelöfen geblieben, darunter einer mit Hundeornamenten. Der Rest ist nach historischen Vorbildern neu zusammengetragen worden.

Kurz bevor Wolfgang Sieber das Anwesen gekauft hat, ist Johannes-Theodor Thormaehlen mit seiner Mutter noch einmal in Bremenhain gewesen. Viele Erinnerungen werden wach, da zum Beispiel die Holzverkleidung im Treppenhaus noch wie früher gewesen ist. „Zu sehen, was aus dem Haus geworden ist, war etwas, das sie zufriedenstellte“, sagt der frühere Oberstudienrat. „Damals ist die Stallung noch einigermaßen intakt gewesen, aber auch schon verfallen.“ Hilde Thormaehlen, geborene Tillgner, ist 2000 im Alter von fast neunzig Jahren gestorben.

Seine Mutter habe viel über Schlesien erzählt, sagt Johannes-Theodor Thormaehlen. Das habe ihn neugierig gemacht. Bis zur Neiße ist Hilde Tillgner über die Felder gelaufen, hat sie immer erzählt. Seit 1954 geht das nicht mehr – der Flugplatz liegt zwischen Bremenhain und der Neiße. Sehr getrauert habe die Mutter, dass sie das Anwesen verlassen musste. „Sie hat sich hier sehr wohl gefühlt“, sagt der 75-Jährige. „Und auch den Kontakt zu den Leuten gewahrt, Pakete geschickt.“ Hilde Tillgners Vater Eduard hat das Rittergut zur Hochzeit mit Ella Malm 1903 geschenkt bekommen. Sieben Kinder sind dort geboren worden. 1924 hat die Familie das Anwesen verkaufen müssen. Das Glück ist ihnen nicht hold geblieben. Verschiedene Probleme verursachten Kosten, die bezahlt werden mussten.

Heute ist die rheinland-pfälzische Stadt Bad Kreuznach Dreh- und Angelpunkt der Familie. Johannes-Theodor Thormaehlen hat dort 1998 eine Stiftung gegründet, kurz bevor er in den Ruhestand gegangen ist. Deren Ziel ist es, künstlerische Begabung zu fördern und humanistische Bildung zu bewahren. Eine gewisse künstlerische Begabung gibt es über die Generationen hinweg in der Familie. So hat zum Beispiel der deutsche Dichter Stefan George die Familie geprägt. Über diese Stiftung finden der Bremenhainer Heimatforscher Hans-Joachim Wergien und Frederik Thormaehlen zueinander. Er ist Vorstandsvorsitzender der Stiftung und sucht nach der Geschichte seiner Familie. Hans-Joachim Wergien im Gegenzug sucht Informationen über Hilde Tillgner.

Denn das Schloss ist über viele Jahre hinweg auch das kulturelle Zentrum von Bremenhain gewesen. Neben der Gemeindeverwaltung war in dem Gebäude auch ein großer Tanzsaal untergebracht. Da haben sich Bremenhainer dann getroffen, um zu tanzen, erzählt Hans-Joachim Wergien. Im vorigen Jahr hat der Ort, der seit dem 1. April 1974 zur Stadt Rothenburg gehört, sein 625-jähriges Bestehen gefeiert. Daher arbeitet Hans-Joachim Wergien an einer Chronik. Nach einem Jahr Kontakt auf verschiedenen Wegen besuchen Johannes-Theodor und Frederik Thormaehlen das frühere Familienanwesen.

Vor wenigen Tagen gibt es dann noch einen weiteren Anlass. In Görlitz wird die erste Frauenausstellung im Gerhart-Hauptmann-Theater eröffnet. Unter dem Motto „Görlitzer Frauenspuren“ zeigt diese 18 weibliche Persönlichkeiten, die in Görlitz gelebt oder gewirkt haben. Darunter ist mit Katharina von Woikowsky-Tillgner eine Verwandte der Familie Thormaehlen. Sie ist Bildhauerin, Malerin und Lyrikerin gewesen. Im Alter von achtzig Jahren ist sie 1970 in Hamburg-Harburg gestorben. Mit Görlitz hat Katharina von Woikowsky-Tillgner verbunden, dass sie bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges die Krankenpflege im Haus Bethanien erlernt hat. Da ist die Entscheidung rasch getroffen herzukommen. Auch Dresden und Görlitz haben sich die beiden Männer angeschaut.

Ebenso das Rittergut Krischa, heute Buchholz, das einst zum Familienbesitz gehört hat. Von dort gibt es noch zahlreiche Bilder. Sie stammen aus dem Jahre 1943. Darauf zu sehen ist, wie das Gebäude und dessen Inneres einst ausgesehen haben. Heute ist dort alles anders. Das ist enttäuschend. „Es ist nichts mehr wiederzuerkennen“, sagt Frederik Thormaehlen. Bevor er nach Bremenhain gekommen ist, hat er sich das Anwesen gemeinsam mit seinem Vater angesehen. In Bremenhain fühlt er sich in die Zeit von damals zurückversetzt, weil hier vieles noch erhalten oder zumindest dem Original nachempfunden ist.

Nach Bremenhain zurückkehren wird die Familie aber nicht. Dabei würde es sich anbieten, denn das Schloss steht zum Verkauf – samt vier Hektar Grundstück dazu. Fast eine Million Euro müsste der neue Besitzer für das Anwesen zahlen. Wolfgang Sieber hat noch ein Haus in Görlitz. Das Anwesen in Bremenhain macht mittlerweile zu viel Arbeit für ihn und seine Frau. „Wenn es in Baden-Württemberg stehen würde, gerne“, sagt Frederik Thormaehlen begeistert. „Aber so ist es schwierig.“ Seine Heimat ist dann doch an anderer Stelle. „Aber ich bin sehr froh, dass es in einem so schönen Zustand ist“, sagt er. Die Fotos, die er an diesem Tag gemacht hat, will er seinen Kindern zeigen. Damit auch diese sich an ihre Vorfahren erinnern können.

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