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Donnerstag, 07.12.2017

Frühstück mit „Popeye“

Ein Frühstück mit dem Auftragskiller von Pablo Escobar gehört zu den ungewöhnlichen Terminen. Drei Stunden mit „Popeye“ erzählen viel über Kolumbiens Gesellschaft, über den eher lockeren Umgang mit dem Töten.

Von Georg Ismar

Jhon Jairo Velásquez alias „Popeye“, früherer Auftragsmörder von Kolumbiens Drogenboss Escobar.
Jhon Jairo Velásquez alias „Popeye“, früherer Auftragsmörder von Kolumbiens Drogenboss Escobar.

© dpa

Medellín. Wie begegnet man einem Menschen, der mehr als 250 Menschen getötet hat? Vielleicht waren es auch noch mehr. „Aber ich will mich jetzt nicht über die genaue Zahl streiten“, sagt Jhon Jairo Velásquez alias „Popeye“ später, während er ein Croissant in Erdbeermarmelade tunkt. Per WhatsApp hatte er sich im Hotel Dann Carlton im kolumbianischen Medellín für 09.00 Uhr angekündigt.

Einen Tag vor dem Treffen ist er nicht zu erreichen. Er hat mal wieder die Nummer gewechselt - dann sitzt er pünktlich um neun im Sessel neben dem Piano. Es ist eines meiner ungewöhnlichsten, irritierendsten Interviews, ein Versuch, Kolumbien zu verstehen.

Der 55 Jahre alte „Popeye“ hat dabei: ein Buch über sein Leben, geschrieben in der über 23-jährigen Haft - und ein Fahndungsplakat, das ihn mit Pablo Escobar zeigt, dem berüchtigten Boss des Medellín-Kartells, 1993 erschossen. Er war Escobars Auftragskiller. Der Händedruck ist fest, der Blick kalt. Aber „Popeye“, über den es eine Netflix-Dokumentation gibt, hat beste Manieren.

In den folgenden Minuten passieren Dinge, die viel über Kolumbien und seine Gesellschaft veranschaulichen. Er wird nicht geächtet, wie man es erwarten könnte; in Europa bekommen Mörder nach der Haft schon einmal eine neue Identität. „Popeye“ hingegen wird hofiert, er vermarktet seine Geschichte - und bezahlt Escobars Grabpflege.

Er verkörpert das Recht des Stärkeren. Männer erheben sich ehrfürchtig, als „Popeye“ den Salon betritt. Er schüttelt Hände, lacht, auf beiden Armen steht groß eintätowiert: „El General de la Mafia“. Medellins Bürgermeister Federico Gutiérez ist davon gar nicht begeistert: „Das Land braucht einen Pakt, damit die Leute nicht weiter hofiert werden, die uns so viel Leid zugefügt haben, keine weitere Verherrlichung des Verbrechens“, sagt er.

2018 will „Escobars Mörder des Vertrauens“, wie er sich nennt, für einen Sitz im Senat kandidieren, bei Twitter bezeichnet er Staatspräsident und Friedensnobelpreisträger Juan Manuel Santos als „korrupte Ratte“, er hält nichts vom Friedensvertrag mit der Farc-Guerilla. „Popeye“ unterstützt den Hardliner Álvaro Uribe, man weiß nicht genau, in welchem Auftrag er handelt. Ihm folgen bei Twitter Zehntausende Menschen. Er bezeichnet sich dort als „Ex-Bandit auf der Suche nach einer neuen Chance in der Gesellschaft“. Er sei ein „politischer Aktivist und Verteidiger der Menschenrechte“.

Er geht nach draußen zu den Tischen am Pool, eine junge Frau kommt. Sie bittet, leicht nervös, um ein Foto. Er nimmt sie für das Foto in den Schwitzkasten und grinst. Er weicht keiner noch so kritischen Frage aus - aber er hat immer seine eigene Wahrheit.

Er kooperierte mit der Justiz, packte aus, sagt, dass er gebüßt und bei Angehörigen von Opfern um Verzeihung gebeten habe - aber nach echter Reue klingt es nicht. Und er beklagt sich über die Unsicherheit in Medellín - er sei letztens im Auto von bewaffneten Gangstern überfallen worden, Uhr und Sonnenbrille seien weggewesen.

In „Popeyes“ Zelle hing ein Bild von Jesu Mutter Maria - und er hat auch ein Jesus-Bildnis auf dem Arm eintätowiert - der Mann ist voller Widersprüche, mit dem Gebot „Du sollst nicht töten“ nahm er es nicht so genau. „Esto es el tropico“, sagt er lachend - das sei die Karibik. Heute rät er jungen Leuten, andere Wege einzuschlagen. „Dem Banditen stehen nur drei Türen offen: Gefängnis, Krankenhaus oder der Friedhof.“

Er kann detailliert erklären, wie man Drogen in die USA und nach Europa schmuggelt. Nach einem Schluck Orangensaft zeigt er, wie er tötete, mit Schüssen in die Stirn. Er erzählt das so laut, dass es alle Leute an den anderen Tischen hören können. Weil seine Geliebte angeblich eine Spionin des Cali-Kartells war, ließ er sie auf Wunsch Escobars töten. Er bestellte sie in eine Kneipe und rief sie dort an. Als sie zum Hörer gerufen wurde, wurde sie erschossen.

Er redet über Verbrechen wie bei der Bilanzpressekonferenz eines Unternehmens. „Wir ließen 250 Bomben im Land hochgehen, haben 540 Polizisten getötet und 800 verletzt.“ Der 55-Jährige will unbedingt das mitgebrachte Buch signieren. Dann holt er aus der Tasche ein Stempelkissen heraus, um seinen Fingerabdruck daneben zu drücken, ein bizarrer Moment. Nach drei Stunden muss er los - er hat viel erzählt - aber „Popeye“ bleibt ein schwer zu begreifender Mensch. (dpa)