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Freitag, 22.09.2017

Frau Weidel und die Möglichkeitsform

Ihre Überschrift heißt „Weidel ließ Asylbewerberin für sich arbeiten“. Mit journalistischer Sorgfalt hat dies sehr wenig zu tun. Im Text wird aus dem Fakt wahrheitsgemäßer eine Möglichkeit formuliert. Mit vollem Recht kreiden Sie „Asylkritikern“ an, wenn diese aus Vermutungen Fakten formulieren. Leider arbeiten sie hier nicht anders. MfG, Jonas Weiß

Sehr geehrter Herr Weiß,

unbestätigte Meldungen sollen als solche erkennbar sein. Dies verlangt der Deutsche Presserat in seinem Pressekodex von allen Journalisten. Hat sich die SZ im vorliegenden Fall daran gehalten? Ja und nein.

Ja, weil im Text der Nachrichtenstand korrekt wiedergegeben wurde. Frau Weidel „soll“ demnach eine Asylbewerberin aus Syrien im Haushalt schwarz beschäftigt haben. Nach einigen Details zum Vorgang wird ebenfalls korrekt darauf hingewiesen, dass Weidel den Bericht der Wochenzeitung Die Zeit als inhaltlich falsch zurückgewiesen hat. So weit, so richtig. Nicht korrekt, da haben Sie recht, ist die Überschrift. Unbestätigte Meldungen sollten auch in der Überschrift als solche erkennbar sein. Die Zeile hätte vielmehr lauten müssen: „Weidel soll Asylbewerberin schwarz beschäftigt haben“.

Wie kommt so etwas zustande? Redakteure bemühen sich sehr, den mehr oder weniger langen, mehr oder weniger komplizierten Inhalt einer Nachricht in einer kurzen, knappen und verständlichen Überschrift zu fassen. Dies ist gar nicht so einfach. Eine Möglichkeitsform verkompliziert aber eine Überschrift. Es kann auch sein, dass der Redakteur die Indizien bereits für ausreichend erachtete oder Die Zeit als eine der angesehensten deutschen Zeitungen für eine so gute Quelle hielt, dass er auf das „soll“ in der Überschrift verzichtete. Eine politische Absicht darf man aber getrost ausschließen, weil der Text ja absolut korrekt ist und die Diskrepanz jedem Leser sofort auffällt.

Dennoch ist es sehr richtig, Herr Weiß, dass Sie die SZ auf den Sachverhalt hinweisen, auch wenn es sich nur um eine kleine Meldung handelte. Gerade weil Zeitungen im öffentlichen Diskurs immer wieder auf Fehlentwicklungen in der Gesellschaft hinweisen und auf eine sachliche und korrekte Auseinandersetzung Wert legen, müssen Journalisten selbst auf eine jederzeit korrekte Berichterstattung achten. Öffentliche Kritik ist da hilfreich. Wir lernen daraus.

Ihr Olaf Kittel

E-Mail an Olaf Kittel

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