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Franz Marc und die Fertigknödel

Der wohl sensationellste Nazi-Raubkunstfund der vergangenen Jahre hat viel mit dem skurrilen Sohn des Dresdner Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt zu tun.

05.11.2013
Von Ulrich Wolf

c und die Fertigknödel
Auch aus der Franz-Marc-Reihe „Die großen blauen Pferde“ sollen in der Wohnung von Rolf Cornelius Gurlitt bislang unbekannte Bilder aufgetaucht sein.Foto: akg-images

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Schutt und Asche sollten sie sein. All die Werke von Picasso, Matisse, Marc, Klee, Munch oder Beckmann. Verbrannt im Dresdner Feuersturm im Februar 1945. Doch nun sind sie wieder aufgetaucht, in einer vermüllten Wohnung in München-Schwabing. 1 500 Gemälde, Skizzen und Grafiken. Kunst, die die Nazis als entartet bezeichnet haben.

Der Bilderschatz im Wert von einer Milliarde Euro – so hat es das Magazin Focus am Wochenende aufgedeckt – lag inmitten von Konservenbergen und Saftkartons. Die Haltbarkeitsdaten auf den Fertigknödeln sollen aus den 1980er-Jahren stammen. Der Mann, der dort offensichtlich so achtlos mit der Kunst umgegangen ist und vermutlich auch von ihr gelebt hat, ist 79 Jahre alt. Er heißt Rolf Cornelius Gurlitt.

Gurlitt – das ist ein klangvoller Familienname in Dresden. Es gibt sogar eine Cornelius-Gurlitt-Straße in der Stadt, benannt nach dem Begründer der sächsischen Denkmalpflege. Ausgerechnet dessen Enkel ist es, der in München einen der wertvollsten Schätze der Nazi-Raubkunst hortete. Stets hatte er behauptet, die Kunstsammlung seines 1956 gestorbenen Vaters Hildebrand Gurlitt sei im Dresdner Feuersturm zerstört worden, gestützt auf Aussagen seiner Mutter Helene.

Jetzt lagert der Gurlittsche Familienschatz in einem schmucklosen Betonbau in Garching bei München. Seit mehr als zwei Jahren schon. Das Gebäude gehört dem Zoll. Die Fahnder hatten Gurlitts Wohnung im Frühjahr 2011 durchsucht in der Hoffnung, jede Menge Bargeld zu finden. Bargeld deshalb, weil Gurlitt im September 2010 im Eurocity zwischen Zürich und München kontrolliert worden war. 18 neue 500-Euro-Scheine hatte er bei sich. Der ältere Herr geriet in Verdacht, Steuern hinterzogen zu haben. Die Hausdurchsuchung in Schwabing förderte dann den beispiellosen Bilderschatz zutage.

Nach Informationen Münchener Medien war Gurlitt in der bayerischen Landeshauptstadt nicht gemeldet und hat dort auch nie gearbeitet. Sein Pass jedenfalls ist österreichisch: Rolf Nikolaus Cornelius Gurlitt steht darin, geboren in Hamburg, wohnhaft in Salzburg.

Tatsächlich besitzt der alte Mann ein Haus im Salzburger Stadtteil Aigen. Gekauft hat er es im Mai 1960, vier Jahre nach dem Unfalltod seines Vaters. Ein kleines Haus, nicht mal 90 Quadratmeter groß. Das Grundstück macht einen verwahrlosten Eindruck. Ein Nachbar, der seit 40 Jahren gegenüber wohnt, erzählt am Telefon, er habe Gurlitt „seit mindestens einem Jahr nicht mehr gesehen“. Keiner in der Straße würde Gurlitt wirklich kennen, er habe sich „extrem menschenscheu“ verhalten. „Der Mann war wie nicht vorhanden“, sagt der Nachbar.

Das deckt sich mit den Schilderungen aus München, wo offenbar nur das Klingelschild von seiner Existenz zeugt. Nur sehr selten habe der etwa 1,80 Meter große Mann seine Eckwohnung in dem siebenstöckigen Apartmenthaus verlassen, schildert ein Nachbar. Mit einem kleinen Einkaufstrolley. Man erkenne ihn am schlohweißen Haar und einer etwas schiefen Haltung. „Und wenn man bei ihm klingelt, macht er nicht auf.“

Gelebt hat Gurlitt offensichtlich vom heimlichen Verkauf seiner Bilder. Zumindest hatten die Fahnder in seiner Wohnung leere Bilderrahmen entdeckt. Eine Sprecherin der Galerie Kornfeld in Bern, dem nach eigenen Angaben „bedeutendsten Auktionshaus in der Schweiz für die klassische Moderne“, bestätigt, dass Gurlitt dort Kunde war. Allerdings lägen die letzten geschäftlichen Kontakte mehr als 30 Jahre zurück. 1990 habe Gurlitt auf einer Aktion der Galerie „Arbeiten auf Papier von Künstlern“ verkauft, „die wohl aus dem Bestand der 1937 in deutschen Museen entarteten Kunst stammten“.

Der Erlös habe umgerechnet etwa 31 000 Euro betragen. Seit dieser Auktion habe die Galerie Gurlitt regelmäßig Kataloge an seine Münchener Adresse geschickt; seit 2006 seien die mit dem Vermerk „Annahme verweigert“ oder „unzustellbar“ zurückgekommen.

Fraglich ist, ob bei der Beschlagnahme tatsächlich alle Kunstwerke entdeckt wurden. Einige Monate nach der Durchsuchung ließ Gurlitt das Gemälde „Löwenbändiger“ von Max Beckmann versteigern, in Köln vom Kunsthaus Lempertz. „Das wirkte, als habe Herr Gurlitt als alter Mann sein Kronjuwel geholt, um für die letzten Jahre noch flüssiges Kapital zu haben“, sagte der Justiziar des Auktionshauses. Vor der Versteigerung fanden die Experten heraus, dass der „Löwenbändiger“ aus dem Nachlass des jüdischen Galeristen Alfred Flechtheim stammte. Nach einer Einigung mit dessen Erben sei das Bild daraufhin für 864 000 Euro versteigert worden.

Wegen der Brisanz des Fundes hielten die Behörden mehr als zwei Jahre lang dicht: Zoll, Steuerfahnder, zuständige Ministerien. Die zuständige Staatsanwaltschaft Augsburg wollte selbst gestern noch den Fund „weder dementieren noch bestätigen“.

Der Heidelberger Restitutionsrechts-Experte Kian Fatieh ist über den Fall „einigermaßen erstaunt“. Die Bundesrepublik habe schließlich die Washingtoner Erklärung über den Umgang mit NS-Raubkunst mit unterzeichnet. Darin sei zwar nicht ausdrücklich von Zeiträumen oder Fristen die Rede, aber aus naheliegenden Gründen – viele rechtmäßige Erben von Raubkunstwerken sind hochbetagt – bestehe an der Dringlichkeit kein Zweifel. „Sollte die Augsburger Staatsanwaltschaft wirklich ohne triftige Gründe Informationen über bereits identifizierte Kunstwerke zurückgehalten haben, wäre das in meinen Augen nicht nachvollziehbar“, sagt Kian Fatieh.

Die Herkunft der in Gurlitts Wohnung gefundenen Bilder zu klären, das ist der Job der Kunsthistorikerin Meike Hoffmann. Sie leitet die Forschungsstelle „Entartete Kunst“ an der Freien Universität Berlin. Nie kam von ihr ein Hinweis, dass sie an diesem großen Projekt arbeitet; dann, Anfang September dieses Jahres, ließ sie auf einer Konferenz zum zehnjährigen Bestehen ihrer Forschungsstelle durchblicken, dass sie über „bisher unbekannte Aktenbestände“ verfüge, die einen „profunden Einblick“ in die Persönlichkeit des Dresdner Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt ermöglichten.

Den Recherchen des Focus zufolge waren unter Gurlitts Bildern etwa 300, die Museen enteignet wurden. Weitere 200 Werke sollen auf Listen über „verlorene Kunst“ stehen. Das trifft wohl auch auf ein Frauenbildnis von Matisse zu, das dem Pariser Kunsthändler Paul Rosenberg gehörte. Erbin ist die französische Journalistin und Exfrau des ehemaligen Politikers Dominique Strauss-Kahn, Anne Sinclair. Auch Stücke aus Dresdener Privatsammlungen scheinen sich unter den beschlagnahmten Bildern von Gurlitt zu befinden.

Mehr Klarheit wird es wohl heute geben: Für den Vormittag hat die Kunsthistorikerin Hoffmann im Gebäude der ermittelnden Staatsanwaltschaft Augsburg zu einer Pressekonferenz geladen.