erweiterte Suche
Freitag, 07.04.2017

Forscher hinter Senckenbergs Kulissen

Am Sonntag öffnet das Naturkundemuseum in Görlitz seine Sammlungen in sechs Gebäuden. Auch Raritäten sind zu sehen.

Diana Jeschke hat schon etliche Schädel für die zoologische Sammlung des Naturkundemuseums präpariert. Zum Beispiel diesen Biberkopf.
Diana Jeschke hat schon etliche Schädel für die zoologische Sammlung des Naturkundemuseums präpariert. Zum Beispiel diesen Biberkopf.

© nikolaischmidt.de

Diana Jeschke zieht einen der vielen Schübe in der zoologischen Sammlung des Senckenberg Naturkundemuseums auf. In jedem davon liegen reingewaschene Tierschädel, Gewebeproben, oft auch Tüten voller Knochen und Tierhäute. Alles fein säuberlich sortiert und beschriftet, damit es auch in 100 Jahren noch der Forschung nützt. Behutsam nimmt die Präparatorin einen Biberschädel aus einer Tüte. „Der wurde in Ludwigsdorf gefunden“, sagt sie. „Er ist einer der fünf Exemplare, die wir besitzen. Und etwas Neues.“ Dass der Biber vor einigen Jahren auch an der Neiße angekommen ist und hier nun langsam heimisch wird, können die Forscher an den seit fünf Jahren zwar seltenen, aber regelmäßigen Funden ablesen.

Diana Jeschke forscht jedoch nicht, ihre Kollegen und sie präparieren die Tiere für die umfangreiche zoologische Sammlung des Museums. Am Sonntag, wenn die Forschungslabore anlässlich des 200. Jahrestags der Senckenberg Gesellschaft ihre Türen öffnen, können die Besucher sich hier umschauen und erfahren, was zoologische Präparation bedeutet. Es ist nämlich nicht nur das „Ausstopfen von Tieren“, also das Herstellen sogenannter Standpräparate. Sondern alle Wildtiere der Region werden hier gesammelt.

Pro Jahr bereiten die Präparatoren 500 Säugetiere und 100 Vögel dafür vor. „Wir bekommen sie von der Bevölkerung, den Jägern, aus dem Tierpark, dem Biosphärenreservat oder von Naturschutzstationen“, sagt Diana Jeschke. „Die meisten Tiere sind Verkehrsopfer.“ Was bei Senckenberg mit ihnen geschieht, von der ersten Lagerung in der Tiefkühltruhe bis zum Aufbewahren in einem Schub oder der Präsentation in einer Ausstellung, werden die Präparatoren am Sonntag erklären.

Der Tag der offenen Tür hat aber noch viel mehr zu bieten. Im Keller des Hauptgebäudes am Marienplatz beschäftigt sich Dr. Hans-Jürgen Schulz mit der Erforschung von Insekten wie dem berühmt gewordenen Springschwanz. Der Biologe betrachtet die Tiere durch ein Rasterelektronenmikroskop, das die Augen einer Ameise, den Fühler einer Stubenfliege oder den Giftstachel einer Wespe dreidimensional, in 1 000-facher Vergrößerung zeigt.

Tag der offenen Tür zu 200 Jahre Senckenberg

1 von 9

Forschungslabore geöffnet: Sonntag, 9. April, von 14 bis 17 Uhr

Naturkundemuseum: Marienplatz 2 13 bis 18 Uhr Ausstellungen, ab 14.30 Uhr Rasterelekronenmikroskop

Bibliothek: Am Museum 2 Lesesaal, ab 14.15 Uhr Führung durch die Büchersammlung

Humboldthaus: Platz des 17. Juni 2, ab 14 Uhr Braunkohlewälder, Vulkane, Wölfe, Präparation, Wirbeltiere

Peckhaus: Grüner Graben 28 (HH) ab 14.10 Uhr botanische Forschung, Führung durch die Pflanzensammlung

Dungerhaus: Sonnenstraße 19.15 Uhr Führung Insekten

Sonnenplan: Finanzamtsgebäude, ab 14 Uhr Moose und Flechten, Pilze, Hornmilben, Bärtierchen, Fadenwürmer, Zecken und Raubmilben

Informationen/Veranstaltungszeiten: www.senckenberg.de/einblicke

Eintrittskarten: Sonntag ab 13.30 Uhr an den Gebäuden

Die Vorbereitung dafür sei sehr aufwendig, sagt er, weil er die Insekten unter anderem mit einer metallischen, leitenden Schicht überziehen und unter einem Stereomikroskop aufkleben muss. Erst am Ende kann er die Tiere am Computer betrachten, ausmessen, erforschen und vergleichen. Für seine Gäste am Sonntag hat er eindrucksvolle Bilder ausgesucht. Sie zeigen, dass Bienen behaarte Augen, Wespen scharfe Raspelzähne und Schwebfliegen Gesichter haben, wie wir sie nie vermuten würden, wenn sie uns zu Hause in der Küche begegnen.

Im Keller des Humboldthauses lädt Dr. Olaf Tietz ein, mehr über die Fossilien zu erfahren, die einst auf dem Gebiet des Berzdorfer Sees lagerten. Der Geologe wird fossile Blätter, Früchte, Samen und Hölzer zeigen, von denen manche eine Rarität sind. „Wir haben zum Beispiel 600 körperlich erhaltene Blätter, deren Struktur noch sehr gut sichtbar ist“, sagt er. „Solche Funde sind ganz selten auf der Welt.“ Er wird aber auch über die Entstehung der Braunkohle in 22 Millionen Jahren sprechen, „die der Mensch in nur 50 Jahren verheizt hat.“

Lebende Tiere kann man bei der Bodenzoologin Dr. Karin Hohberg am Sonnenplan erleben. Die Fadenwürmer und Bärtierchen, mit denen sich die Forscherin beschäftigt, sind zwar klein, aber wichtig, weil sie Algen, Pilze und Bakterien im Boden vertilgen. Die Bärtierchen sind so widerstandsfähig, dass sie sogar im Weltraum überleben. Und die Fadenwürmer so zahlreich und verbreitet, dass die Form der Erdkugel immer noch erkennbar wäre, wenn alle andere Materie unsichtbar wäre.

Doch auch in die Erforschung von Pilzen, von Zecken und Milben, von Wölfen, Vulkanen und vielem mehr bei Senckenberg kann man am Sonntag eintauchen.

Gleich welchen der rund 40 Wissenschaftler man zu seiner Arbeit befragt, jeder spricht sichtlich gern darüber. So werden die Besucher am Sonntag nicht nur viel sehen und hören, sondern auch erleben können, wie viel Begeisterung hinter den Kulissen dieses Museums steckt.