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Donnerstag, 17.05.2018

Flucht in die Mega-Städte

Bis zur Mitte des Jahrhunderts werden mehr als zwei Drittel der Weltbevölkerung in urbanen Zentren leben.

Von Jan Dirk Herbermann, Genf

Die indische Wirtschaftsmetropole Mumbai steht wie ein Symbol für die Probleme, unter denen Mega-Citys leiden: Massenverelendung in den Slums, Verkehrsinfarkt, Umweltverschmutzung.
Die indische Wirtschaftsmetropole Mumbai steht wie ein Symbol für die Probleme, unter denen Mega-Citys leiden: Massenverelendung in den Slums, Verkehrsinfarkt, Umweltverschmutzung.

© imago/imagebroker

Zur Mitte des vorigen Jahrhunderts war es noch überschaubar: 1950 lebten rund 750 Millionen Menschen in den Städten rund um den Globus. Heute sind es fast sechsmal so viele. Etwa 4,2 Milliarden Kinder, Frauen und Männer drängen sich derzeit in den urbanen Gebieten von Los Angeles über London, Kairo und Neu-Delhi bis Schanghai. Das entspricht bereits mehr als der Hälfte der Weltbevölkerung.

Und bis zur Mitte des laufenden Jahrhunderts werden nach den jüngsten Berechnungen der Vereinten Nationen noch einmal 2,5 Milliarden Bewohner hinzukommen. Dann wohnen mehr als zwei Drittel aller Menschen in Städten. Möglich macht es das natürliche Wachstum der Menschen und die Landflucht.

Die Städte Asiens und Afrika werden den Großteil des Zuwachses bewältigen müssen, betont der Direktor der Uno-Bevölkerungsabteilung, John Wilmoth, in dem Bericht über die urbanisierte Zukunft.

In den großen Metropolen Indiens, Chinas und Nigerias dürfte es besonders eng werden. Die indischen Städte müssen einen Bevölkerungszuwachs von insgesamt über 400 Millionen Menschen verkraften. China muss sich auf einen Anstieg von 250 Millionen Personen einstellen. Auf Nigeria kommt ein Plus von 190 Millionen Männern, Frauen und Kindern zu.

Spitzenplatz bald für Neu-Delhi

Indiens Hauptstadt Neu-Delhi könnte schon bald die größte Stadt der Welt sein. Noch rangiert Delhi mit 29 Millionen Menschen auf Rang zwei der Liste der Mega-Citys. Der Großraum Tokio mit seinen 37 Millionen Einwohnern steht ganz oben. Doch möglicherweise schon in zwei Jahren könnte die japanische Metropole den Spitzenplatz verlieren. Als drittgrößte Mega-Stadt stufen die Uno-Experten derzeit Schanghai in China mit 26 Millionen Bewohnern ein. Es folgen Mexikos Hauptstadt Mexico City und Brasiliens Wirtschaftszentrum São Paulo mit jeweils 22 Millionen.

Nach den Berechnungen der Uno-Experten geht mit der Verstädterung der Erde eine Abnahme der Bevölkerung auf dem Land einher. Derzeit leben weltweit knapp 3,4 Milliarden Menschen in Dörfern und Kleinstsiedlungen. Zur Mitte des Jahrhunderts wird die Zahl der Landbewohner auf 3,1 Milliarden sinken – wenn die Prognosen zutreffen.

„Die Verstädterung bietet Menschen in armen Ländern die Chance auf einen höheren Lebensstandard – wenn eine geplante Stadtentwicklung erfolgt“, erklärt Renate Bähr, Geschäftsführerin der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung (DSW). „In den Metropolen lassen sich medizinische Versorgung, Schulen und andere öffentliche Dienstleistungen mit niedrigeren Pro-Kopf-Kosten als in ländlichen Gebieten bereitstellen.“ Aber die Realität sieht anders aus. Die meisten Städte sind weder auf den rasanten Zuwachs vorbereitet, noch haben sie ein Konzept für vernünftige Stadtplanung. So fehlt es den armen Zuwanderern an allem: an Wohnraum, an Strom-, Wasser- und Abwasserversorgung, einer funktionierenden Müllabfuhr.

Dass dennoch immer mehr Menschen in die großen Metropolen strömen, ist eine Folge des Bevölkerungswachstums. Auf dem Land gibt es nicht mehr genug Verdienstmöglichkeiten. Durch den Klimawandel sinken die Erträge aus Ackerbau und Viehzucht. Und zur wirtschaftlichen Perspektivlosigkeit kommt noch die Bedrohung durch Bürgerkriege und den Terrorismus.