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Freitag, 18.01.2013

Fliegende Spätzle und steigende Mieten: Kulturkampf am Kollwitz-Platz

In Berlin-Prenzlauer Berg tobt eine besondere Integrationsdebatte: Einheimische gegen Zugezogene, Geringverdiener gegen Sanierer und Individualisten gegen Kampfmütter. Jetzt fordern Aktivisten auch noch ein autonomes „Schwabylon“.

Von Emily Wabitsch und Klaus Peters

Berlin. In einer Ritze des Denkmals der Berliner Künstlerin Käthe Kollwitz steckt noch ein einsames Spätzle. „Käthe Kollwitz mit Spätzle zu bewerfen, finde ich unmöglich. Sie steht nicht für reiche Zugezogene, gegen die sich diese Aktion wohl richten sollte“ meint Ferdinand, der in der Nähe des Kollwitz-Platzes zur Grundschule ging. Der 21-Jährige lebt nun nicht mehr im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg, sondern in Hohenschönhausen. „Aber die Erhöhung der Mieten, die nicht so gut Verdienende zwingt, in Außenbezirke zu ziehen, stört mich stark.“

Unbekannte hatten das Denkmal für die von den Nationalsozialisten verfolgte Grafikerin und Bildhauerin in der vergangenen Woche mit Spätzle beworfen. Eine Replik auf den Ex-Bundestagspräsidenten und Anwohner Wolfgang Thierse (SPD), der die Schwaben aufgefordert hatte, sich besser an das Berliner Leben anzupassen.

Doch im Kiez sind sich viele gar nicht so sicher, ob die Spätzle-Attacke wirklich auf das Konto der Süddeutschen geht oder sich eher gegen diese richten soll. Denn die Schwaben, die man leichter als andere Zugezogene an ihrem Dialekt erkennt, stehen nur stellvertretend für einen grundlegenden Wandel im Viertel. „Im Grunde geht es um eine soziale Frage, die Erhöhung der Mieten und die Veränderungen, die im Kiez dadurch stattfinden, die sich im Schwabenhass ausdrückt“ meint auch Bianca, die am Kollwitz-Platz in einer Kneipe kellnert. Doch die 25-jährige Berlinerin fügt hinzu: „Es ist eine Anpassungsfrage. Wenn wir in Bayern sind, müssen wir auch Semmeln sagen und nicht Schrippen.“

Auf einer neuen Internetseite „Free Schwabylon“ bekennen sich angebliche Schwaben zu der Spätzle-Aktion. Augenzwinkernd fordern sie ein Ende ihrer Diskriminierung: „Lange genug hat die schwäbische Bevölkerung Berlins unter Fremdherrschaft und Diskriminierung gelebt. Lange genug mussten sie ihre Weckle als „Schrippen“ kaufen und ihre Fleischküchle als „Buletten“.“ Ihre Klage gipfelt in der Forderung nach einem autonomen Bezirk „Schwabylon“ rund um den Kollwitz-Platz und die Ausweisung von Thierse.

Philipp Strube, Gründer des beliebten Wochenmarkts am Kollwitz-Platz, sitzt trotz der bitteren Kälte auf der Terrasse der Kneipe „Kollwitz 25“ und raucht. „Um Gottes Willen nicht mit Berlinern alleine sein“, antwortet er auf die Frage, ob die schwäbische Bevölkerung Überhand ergreife. Sein Markt wird mitunter auch „Schwabenmarkt“ genannt. Strube stört dies nicht. „So viele Schwaben gibt es hier gar nicht. Persönlich kenne ich keinen einzigen.“

„Die Gegend ist zu einem Nachtjackenviertel geworden“

Dokumentarfilm-Regisseur Peter Voigt geht am Kollwitz-Platz spazieren. Vor 60 Jahren ist er aus Dessau nach Berlin gezogen und wohnt seitdem in der Nachbarschaft. „Die Gegend hier ist zu einem Nachtjackenviertel geworden“, sagt der 80-Jährige. So nennt man triste Gegenden, wo nachts die Bürgersteige hochgeklappt werden. Er bedauert, dass nach zahlreichen Klagen wegen Ruhestörung viele Clubs und Lokale schließen mussten. „Es geht nicht um die Schwaben, sondern um das Klima, das sich verändert hat.“

Denn nach der Wende war der Prenzlauer Berg gerade wegen seiner vielen wilden Bars und Clubs für junge Menschen ein Magnet. Jetzt, wo sie mit Kindern in ihren Eigentumswohnungen sitzen, wollen viele ihre Ruhe haben.

Eine Familie aus Frankreich betrachtet das Denkmal ausgiebig von allen Seiten. Das Ehepaar und ihr Sohn suchen nach Spuren der Verunstaltung an der Statue und finden sie schließlich im Schnee, zu Klumpen gefrorene Spätzle. „Ich finde das total bescheuert. So viele Nudeln, das hätten einige Mahlzeiten sein können“, meint Petra, die aus dem Saarland kommt und seit mehr als 30 Jahren in Paris lebt. „Die Mieterhöhungen sind natürlich ein Problem. Aber das sind sie überall. Doch Lebensmittel so zu verschwenden, ist eine Untat.“

Thierse muss sich nun schon seit zwei Wochen für seine Bemerkung rechtfertigen, die Schwaben könnten sich in Berlin an die Bezeichnung „Schrippe“ statt „Weckle“ gewöhnen. Doch das eigentliche Problem im Kiez drehe sich um Zuzug und Vertreibung, sagt die 43-jährige Anwohnerin Kathrin. „Ob es jetzt Italiener, Schwaben oder Franzosen geht: Das Problem ist, dass durch reiche Investoren die Mieten steigen und der Kiez stirbt.“ (dpa)

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