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Donnerstag, 10.03.2016

Fitness im Festsaal

Heike Drechsler erzählt beim Schlossgespräch in Bad Muskau von ihrer Karriere – und sorgt für Bewegung im Saal.

Von Alexander Buchmann

Heike Drechsler und Eberhard Gienger haben sich beim Schlossgespräch in Bad Muskau nicht nur über Sport unterhalten.
Heike Drechsler und Eberhard Gienger haben sich beim Schlossgespräch in Bad Muskau nicht nur über Sport unterhalten.

© Joachim Rehle

Bad Muskau. Das 13. Muskauer Schlossgespräch am Dienstag steht ganz im Zeichen des Sports. Das gilt nicht nur für die Bühne, auf der die ehemalige Leichtathletin Heike Drechsler über ihre 27 Jahre andauernde Karriere als Spitzensportlerin spricht, sondern auch für das Publikum. Das wird von Heike Drechsler nämlich gleich vor Ort zu einigen Bewegungsübungen animiert.

Auch zwölf Jahre nach dem Ende ihrer sportlichen Karriere ist das Interesse der Menschen an Heike Drechsler groß. Dementsprechend voll besetzt ist am Dienstag auch der Festsaal des Neuen Schlosses gewesen. In dem knapp anderthalbstündigen Gespräch Drechslers mit dem CDU-Bundestagsabgeordneten und ehemaligen Kunstturner Eberhard Gienger erfahren die Besucher einen mit persönlichen Anekdoten gespickten Einblick in Drechslers sportlichen Werdegang in der DDR, die damalige Sportförderung und den Weg in die Leichtathletik. Befragt nach etwaigen Ritualen oder Maskottchen erzählt Drechsler beispielsweise, dass sie mit 17 oder 18 Jahren die langen Socken der Hochspringer toll fand, weshalb ihre Oma ihr solche gestrickt habe. Da diese aber mit drei Streifen – ähnlich denen eines bekannten deutschen Sportartikelherstellers – verziert waren, habe sie die Socken nicht anziehen dürfen, erzählt Heike Drechsler. „Ein frühes Plagiat“, scherzt Eberhard Gienger.

Im Gespräch zieht Heike Drechsler auch einen Vergleich der Sportförderung in der DDR, in der Bundesrepublik nach der Wende und heute. Ihr Fazit: Früher sei es einfacher gewesen, Schule und Sport unter einen Hut zu bringen. Das sei auch einer der Gründe, warum ihrer Einschätzung nach dem Leistungssport in Deutschland heute viele Talente verloren gehen. „Karriere und Sport sind schwer zu vereinbaren“, sagt Heike Drechsler. Deshalb müssten andere Strukturen geschaffen und Sportler mehr gefördert werden. Was bei der Talentförderung möglich sei, sehe man am Fußball, wo viel Geld dahinter stehe.

Auch heikle Themen wie der aktuelle Dopingskandal um den russischen Leichtathletikverband oder die Korruption im Sport sind an diesem Abend angesprochen worden. Heike Drechsler spricht sich dabei für mehr Transparenz und den „gläsernen“ Sportler aus. Das deutsche System könne da international ein Vorbild sein. Verstöße gegen die Regeln müssen im Gegenzug harte Sanktionen zur Folge haben, so die ehemalige Weitspringerin und Sprinterin. Nur so bestehe eine Chance, Glaubhaftigkeit zurückzubekommen.

Aber nicht nur der Leistungssport ist an dem Abend Thema, sondern auch die Bedeutung sportlicher Betätigung für die Gesellschaft. „Wir entwickeln uns zu einer adipösen Gesellschaft“, so die Einschätzung Drechslers, die im betrieblichen Gesundheitsmanagement einer Krankenkasse arbeitet. Dabei würden schon 30 Minuten Sport pro Tag reichen, so Drechsler. Das sei auch ein Weg, den Alltagsstress zu bewältigen. Sie selbst habe über den Sport Charaktereigenschaften entwickelt, die ihr auch im beruflichen Leben weiterhelfen. Zum Beispiel sich neuen Herausforderungen zu stellen oder mit Kritik umzugehen und sich einzugestehen, wenn es nicht laufe. Dem Plädoyer für mehr Bewegung folgen kurz darauf auch Taten. So steht das gesamte Publikum von seinen Stühlen auf, kreist mit den Schultern, geht in die Hocke, bewegt die Arme und massiert den vorderen Sitznachbarn.

Nach einer Fragerunde sind Heike Drechsler und Eberhard Gienger von Lothar Bienst verabschiedet worden. Und das nicht mit leeren Händen. Neben dem obligatorischen Buch, das alle Gäste des Schlossgesprächs bekommen, haben beide noch jeweils eine in Bad Muskau gezüchtete Ananas erhalten. Diese standen während des Gesprächs im Abstand von 7,48 Metern auf der Bühne – also jener Weite, mit der Heike Drechsler 1988 den noch heute gültigen Deutschen Rekord im Weitsprung aufgestellt hat. Nach einem Besuch in Görlitz am Mittwoch ist Drechsler nach Karlsruhe gereist, wo sie seit einiger Zeit lebt.