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Samstag, 18.10.2014

Fertighäuser auf dem Weg nach oben

Hochhäuser aus Holz erobern den Markt. In Sachsen fehlt es der Branche aber vor allem an Breite.

Von Michael Rothe

Siebengeschosser als Fertigbau: Hoffnungsträger oder Holzweg?
Siebengeschosser als Fertigbau: Hoffnungsträger oder Holzweg?

© Kaden + Partner

Wenn die Architekten Tom Kaden und Markus Lager über sieben- und noch mehr geschossige Holzhäuser referieren, staunen die Zuhörer oft Bauklötze. Nicht so am Freitag beim „Forum intelligentes Bauen“ in Dresden als Teil des Jahrestreffens der deutschen Fertigbau-Verbands BDF. Für dessen 45 Mitgliedsbetriebe ist Holz der wichtigste Rohstoff – und der Weg möglichst weit nach oben auch der nach vorn.

Nach der Wende in der DDR euphorisch gestartet, fristet die Branche 25 Jahre später vor allem dort ein Nischen-Dasein. „Elf Musterhaussiedlungen gab es mal im Osten, heute sind es noch fünf, drei davon in Sachsen“, sagt Thomas Haubold, der das Quintett der Unger-Parks managt. Vom einstigen Ziel, jedes vierte Haus in Deutschland solle via Tieflader zum Besitzer kommen, ist man in der einstigen Boom-Region weit entfernt. Hatten Fertighäuser 1997 in Sachsen fast 28 Prozent Marktanteil, sind es jetzt noch elf Prozent. Statt der damals 3 235 Baugenehmigungen stehen 2013 nur 430 in der Statistik. Auch im Bundesmittel liegt der Marktanteil der „Häuser vom Haken“ unter 16 Prozent. Letztes Indiz, dass die Branche hierzulande rudert: Selbst Häuser Marke Ikea, bei Skandinaviern und Briten beliebt, floppten. Doch warum ist gerade Sachsen so ins Hintertreffen geraten? BDF-Präsident Johannes Schwörer führt die demografische Entwicklung mit der Abwanderung gen Westen an.

„Wir wachsen stärker als der Bau insgesamt“, trösten sich die Hersteller. Die meisten seien bis nächsten Sommer ausgelastet. Und in seiner Heimat Baden-Württemberg habe man das Viertel vom Geschäft erreicht, sagt Schwörer. Der 47-Jährige ist Chef gleichnamigen Fertighausanbieters im schwäbischen Hohenstein, mit 1 800 Beschäftigten und 280 Millionen Jahresumsatz eine der großen Nummern am Markt.

Der stemmt sich nach Wegfall der Eigenheimprämie bei gestiegenen Rohstoff- und Energiepreisen sowie ausufernder Regelungswut gegen die Flaute. Trotz niedriger Bauzinsen. Zwar steigt der Umsatz von Bien-Zenker, Finger-, Weber-, Huf-, Haas-, Lux-Haus und Co – aber nicht die Stückzahl. Die Häuser sind demnach deutlich teurer geworden. Schwörer sagt „hochwertiger“. Die Branche habe viel investiert: vor allem in verbesserten Brand- und Schallschutz, und das schlage sich im Preis nieder. Dennoch gebe es seriöse schlüsselfertige Einfamilienhäuser ab 200.000 Euro: in kürzester Bauzeit, mit minimiertem Witterungsrisiko, abgestimmter Haustechnik.

Forscher der Uni Leipzig, welche die Holztafel- und Holzrahmenbauweise seit den 1960er-Jahren untersucht haben, bescheinigen modernen Holzhäusern eine Lebensdauer von 100 Jahren. Sie genügten den Anforderungen an Wärme-, Feuchte-, Brand- und Schallschutz oder übertreffen sie sogar, sagt BDF-Chef Dirk-Uwe Klaas.

Aber auch die Nachteile liegen auf der Hand: so die eingeschränkte Planung und Materialwahl, meist niedriger Wiederverkaufswert, trockenes Raumklima. „Die Hersteller haben erkannt, dass sie sich weiterentwickeln müssen“, sagt BDF-Präsident Schwörer. Preistreibende technische Neuerungen hätten es aber schwer. Das mitdenkende Domizil, das Beleuchtung, Heizung, Rollläden oder Kaffeemaschine steuert, sei kaum gefragt – schon gar nicht in der Hauptzielgruppe: jungen Familien.

Die Branche muss es selbst richten. Staatshilfen, wie die wieder gestrichene Eigenheimzulage, hält BDF-Präsident Schwörer für Illusion. Auch eine Halbierung der Mehrwertsteuer auf Bauleistungen wie anderswo in Europa habe wohl keine Chance.

Da kommen Architekten wie Tom Kaden mit Wow-Projekten gerade recht: als Hoffnungsträger und Wegweiser. Der gebürtige Karl-Marx-Städter (heute Chemnitz) schickt sich an, mit seinem Partner Markus Lager in Flensburg das höchste Holz-Wohnhaus der Welt zu bauen: mit zehn Etagen – eine mehr als der Rekordhalter in London. 2016 könnte der Komplex mit 53 Wohneinheiten im 33-Meter-Riesen und noch drei Häuser stehen. Preis: 2.000 Euro je Quadratmeter. „Wir bereiten gerade das Genehmigungsverfahren vor“, sagt Kaden. Sein 17-Mann-Büro in Berlin, von dem dort schon Siebengeschosser stehen, ist in Deutschland noch ein Einzelkämpfer. Dennoch sieht Fertigbau-Präsident Schwörer im Hochhausbau eine Chance für die Branche. Innovationen seien gefragt.

Und was entgegnet der 52-jährige Holzfetischist Kaden Bedenkenträgern in Sachen Brandschutz: „Wir bauen gerade ein Holzhaus für eine Berliner Feuerwehr.“

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