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Montag, 02.10.2017

Fellbach trinkt auf Meißen

Eine Delegation aus der Partnerstadt gerät beim Gang über das Weinfest ins Schwärmen – und vergleicht mit Zuhause.

Die Delegation aus der baden-württembergischen Partnerschaft um Bürgermeister Günter Geyer (Mitte) und Stadtrat Harald Rienth (links) ließ sich auf dem Meißner Weinfest nicht nur vom Proschwitzer Rosé überzeugen.
Die Delegation aus der baden-württembergischen Partnerschaft um Bürgermeister Günter Geyer (Mitte) und Stadtrat Harald Rienth (links) ließ sich auf dem Meißner Weinfest nicht nur vom Proschwitzer Rosé überzeugen.

© Claudia Hübschmann

Meißen. Rosig schimmert der Wein in dem auf Hochglanz polierten Glas, das Günter Geyer in der Hand hält. Der 58-Jährige schwenkt den Rosé kurz, dann nimmt er einen Schluck und schaut seine Begleiter fast ein wenig überrascht an. „Oh, der isch gudd, gell?“

Impressionen vom Radebeuler Herbst- und Weinfest

Impressionen vom Meißner Weinfest

Ein Lob nicht nur für die Winzer von Schloss Proschwitz, die ihren Stand direkt am Markt auf- und den Rosé ausgebaut haben, sondern auch für das Meißner Weinfest selbst, das seine Besucher am Sonnabend mit bestem Spätsommerwetter erfreut. Darunter: eine achtköpfige Delegation aus der Partnerstadt Fellbach in Baden-Württemberg, der „Stadt der Weine und Kongresse“.

Günter Geyer ist ihr Erster Bürgermeister und bereits zum vierten oder fünften Mal beim Meißner Weinfest. Doch dieses Jahr ist besonders: Die beiden Städte feiern das 30. Jubiläum ihrer Partnerschaft. Für Geyer und Harald Rienth, Stadt- und Kreisrat aus Fellbach, heißt das aber erst einmal auf die Sonne verzichten. Die Städtepartnerschaftskonferenz, an der auch Gäste aus Arita, Korfu, Leitmeritz und Vitry-sur-Seine teilnehmen, zieht sich bis zum Mittag. Erst um 13 Uhr verlassen die Politiker den Ratssaal. Das Programm ist straff, um 15 Uhr steht bereist eine Führung im Theater an, zwei Stunden später ein Gottesdienst im Dom.

Doch jetzt ist endlich Zeit für einen privaten Gang über das Fest und Gelegenheit, Eindrücke zu sammeln – und vielleicht sogar ein paar Ideen mit nach Hause zu nehmen. In Fellbach findet das Weinfest, der „Fellbacher Herbst“, genau eine Woche später statt. Beim Proschwitzer Rosé und einem anschließenden Haselnuss-Schnaps – „Schmeckt wie Nutella“, findet Geyer – stellen die Baden-Württemberger auch schnell Unterschiede fest.

In Fellbach gehe es beim Weinfest zum Beispiel traditioneller zu und gebe es strenge Rituale. In einer feierlichen und manchmal auch etwas politischen Rede eröffnet die Oberbürgermeisterin das Fest. Vor dieser Eröffnungsrede durfte früher nicht einmal ein Karussell fahren. „Die Kinder saßen oft schon in den Fahrgeschäften und warteten darauf, dass der Knopf gedrückt wurde“, erzählt Harald Rienth lachend.

Der 64-Jährige zieht ein winziges, schon ganz abgegriffenes Stück Papier aus der Tasche. Darauf steht das „Fellbach-Lied“. Refrain: Lasst uns darum fröhlich singen, / lasst uns froh und dankbar sein, / lasst der Gläser Klang erklingen, / funkle, Fellbachs edler Wein! „Mit einer Inbrunst wird das gesungen“, schwärmt Rienth und steckt das kleine Papier sofort wieder ein, bevor es im Trubel verloren geht.

Auch auf dem Markt wird gerade musiziert, Mercurius-Musik spielt einen Walzer, auf anderen Bühnen wird an diesem Tag noch Swing, Blues, Rock 'n' Roll und Tanzmusik erklingen. Hier haben die Meißner den Fellbachern viel voraus, findet Geyer. „Die Musik ist so abwechslungsreich. Bei uns muss sie um 23 Uhr schon aus sein, das ist alles viel strenger.“

Auch das kulinarische Angebot in Meißen beeindruckt ihn. „Die Vielfalt ist toll!“ Dasselbe gilt für die Getränke: „Bei uns gibt es wirklich nur Wein“, sagt Rienth. „Hier bekommt man von Caipirinha bis Schwarzbier ja wirklich alles.“

„Nur Wein“ haben auch die Fellbacher Weingärtner mitgebracht, die seit Jahren ihren Stand am Heinrichsplatz haben. Der nächste Anlaufpunkt für die Delegation aus Fellbach und Möglichkeit zum direkten Vergleich. Der 2016er-Kerner und Trollinger Rosé aus demselben Jahr überzeugen und die Preise sind im Vergleich zu den Sachsenweinen unschlagbar.

Harald Rienth will plötzlich unbedingt an einem Espresso riechen, den sich die Mitarbeiter am Stand eingeschenkt haben. Er lächelt, denn er hatte recht mit seiner Vermutung: Der kleine Kaffee enthält einen guten Schuss Grappa. Ein Ritual, das vor etwa zehn Jahren aus Spaß entstanden ist, erzählt einer der Weingärtner. Die Männer heben die Tassen in die Luft und singen aus voller Kehle, sodass sich mehrere Weinfest-Besucher lachend zu ihnen umdrehen: „Dem Spender sei ein Trulala, Trulala, Trulala ...“

Wenn er etwas aus Meißen mitnehmen könnte, sagt Bürgermeister Geyer, dann wäre es die historische Innenstadt mit den schönen alten Gebäuden. „Die Atmosphäre hier ist einzigartig.“ Was er stattdessen mitnehmen wird, ist eine blaue Krawatte aus der Kollektion der Manufaktur Meissen, die seine Frau ihm bei einer Führung dort gekauft hat.

Derweil hat sich am Stand der Weingärtner ein weiterer Spender gefunden und die sangesfreudigen Schwaben heben noch einmal die winzigen Tassen.