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Samstag, 19.04.2008

Fast jeder Vierte arbeitet zu einem geringen Lohn

Eine neue Studie belegt, dass Niedriglöhne seit 1995 um 43 Prozent zugenommen haben – vor allem für Minijobber.

Von Peter Weißenberg

Dresden/Frankfurt am Main. Jahrzehntelang war Deutschland für seine ausgeglichene Einkommensstruktur bekannt: Verhältnismäßig wenig Groß- und Kleinverdiener, dazwischen eine große Mehrheit mit durchschnittlich guten Löhnen.Ein Erfolgsgeheimnis der sozialen Marktwirtschaft – und ein Unterschied zu vielen anderen Industriestaaten. Dort waren die Bürger entweder größere Unterschiede im sozialen Gefüge, harte Arbeitskämpfe und soziale Spannungen gewohnt. Oder völlig gleichmacherische Gesellschaften würgten den eigenen Antrieb des Individuums ab – mit der Folge: Niedriglöhne für alle, Unfreiheit inbegriffen.

Ende des Modells Deutschland?

Doch eine neue Studie zeigt nun, dass das Modell Deutschland so schon lang nicht mehr für alle Beschäftigten gilt: Unter fünf europäischen Staaten könnte der Niedriglohnsektor in Deutschland bald sogar größer sein als in den USA, prophezeien die Forscher des Instituts für Arbeit und Qualifikation (IAQ).

Bei den Gelsenkirchenern gilt im Westen bereits als Niedrigverdiener, wer weniger als 9,61 Euro pro Stunde verdient – das sind zwei Drittel des Gesamtlohn-Durchschnitts. Im Osten sind es wegen der um rund ein Drittel geringeren Gesamthöhe aller Löhne all jene Menschen, die unter 6,81 Euro nach Hause bringen.

So gemessen arbeiten laut IAQ bereits heute 6,5 Millionen Beschäftigte für wenig Geld – 4,7 Millionen im Westen, 1,9 Millionen im Osten. Innerhalb nur eines Jahrzehnts ist zudem der Anteil der eher wenig Verdienenden stark gestiegen. Gehörten 1995 noch 85 Prozent aller Arbeitnehmer entweder zu den Normal- oder Besserverdienern, so waren es 2006 nur noch 78 Prozent. Dazwischen gab es die Schröderschen Hartz-Reformen, verbunden mit größerem Druck auf Arbeitslose, auch weniger gut bezahlte Jobs anzunehmen.

Mehr Minijobs, mehr Minilöhne

Es fällt denn auch besonders auf, dass der Anteil der Minijobber oder Teilzeitbeschäftigten unter Geringverdienern rasant gestiegen ist: Die Zahl der geringfügig Beschäftigten etwa nahm seit 1995 um 163 Prozent zu – und 92 Prozent von ihnen erhalten nur kleine Löhne. Neue Beschäftigungschancen für niedrig Qualifizierte oder Langzeitarbeitslose werden also ebenso bescheiden entlohnt; wie in anderen Industrieländern schon lange üblich. Die Alternative hierzulande war vorher häufig nur Arbeitslosigkeit.

Deutschland liegt nun bereits fast auf dem britischen Niedriglohn-Anteil, sagt die Verfasserin der Studie Claudia Weinkopf. Die Leiterin der Forschungsabteilung Flexibilität und Sicherheit hat den Niedriglohnsektor in fünf europäischen Staaten untersucht. Demnach hat auch der gegenwärtige Aufschwung den Trend zur stärkeren Lohnspreizung nicht gestoppt. Die Forscherin sagt, dass dagegen in Frankreich die Quote der Niedriglöhne gerade einmal halb so hoch sei wie in Deutschland. In Dänemark sei sie sogar noch niedriger.

Fehlen Arbeiter, steigen Löhne

Allerdings hat Dänemark auch Arbeitskräftemangel – und damit kaum Bewerber, die mit weniger Einstiegslohn in neue Jobs drängen. In Frankreich dagegen drücken etwa jugendliche Berufsanfänger weniger oft den Lohn-Schnitt. Denn besonders viele von ihnen erringen erst gar keinen Job. Die Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland geht dagegen seit Jahren besonders stark zurück.

Die starke Ausbreitung der Billiglöhne führen die Wissenschaftler auch darauf zurück, dass der Einfluss der Tarifparteien geschwunden sei: Früher legten die Tarifparteien noch mit größerer Breitenwirkung die Lohnhöhen fest – damit allerdings auch die Eintrittsschwellen für alle, die einen Job suchten.

Arbeit war so schlicht zu teuer. Private Dienstleister arbeiteten daher oft schwarz – und fielen so aus dem offiziellen Lohn-Niveau. Gut war das eigentlich auch nur für die „ausgeglichene Einkommensstruktur“; statistisch gesehen.