sz-online.de | Sachsen im Netz

Fakten, Fakten und sonst nichts?

Sie schreiben, die Zeitung ist nicht interessengesteuert. Die Meinung von Journalisten hat in einer Tageszeitung nichts zu suchen! Die eigene Meinung können Sie am Stammtisch äußern oder in einer Sparten-Zeitung! Von einer Tageszeitung verlange ich Fakten und Objektivität, weiter nichts. F. Funke

07.05.2016

Sehr geehrter Herr Funke,

ein Nachrichtenmagazin hat mal mit dem Spruch „Fakten, Fakten, Fakten“ geworben. Erinnern Sie sich? Na klar, der Slogan hat was und trifft auf Tageszeitungen genauso zu. Journalisten der SZ haben Tatsachen zu recherchieren und sie handwerklich sauber aufzuschreiben. Der größte Teil der Zeitung umfasst Nachrichten und Tatsachenberichte, von der Titelseite bis in die Lokalausgaben. Das dürfen Sie als Leser von ihrer Zeitung erwarten, daraus schöpfen Sie Erkenntnisgewinn. Soweit sind wir beide völlig einig. Aber Meinung gehört nicht in die Zeitung? Da bin ich anderer Auffassung.

Ich möchte das am Beispiel der SZ-Berichte über den AfD-Parteitag am vergangenen Wochenende erklären. Der Aufmacher auf der Titelseite fasste nachrichtlich korrekt die Fakten zusammen. Wichtig, klar. Daneben stand ein Kommentar von unserem Berichterstatter, der begründete, warum der Parteitag seiner Meinung nach ein „Fahrplan in ein anderes Deutschland“ ist. Fand ich interessant und sachkundig, der Autor hatte ja den ganzen Parteitag vor Ort erlebt. Ob ich die Auffassung teile oder nicht, steht auf einem anderen Blatt. Und der Journalist schrieb auch einen Report auf Seite Drei. Dort trug er die Fakten ausführlich zusammen und ergänzt sie mit seinen Eindrücken. Wer diese drei Texte gelesen hat, konnte ein rundes Bild bekommen.

Meinungsbeiträge sind eine wichtige Ergänzung faktenorientierter Artikel, sie bringen zudem Würze ins Blatt. Lesen Sie montags nicht auch die Tatort-Rezension? Ein Meinungsbeitrag. Oder die „Berliner Luft“ auf Seite 2? Oder die Dynamo-Spielerbewertungen? Oder die Schaller-Kolumne? Alles Meinungsbeiträge.

Journalisten müssen aber aufpassen, dass sie Tatsachen und Meinung nicht vermischen. Leser machen uns manchmal auf Wertungen in Nachrichtentexten aufmerksam. Das soll nicht sein, wir sind dankbar für solche Hinweise.

Aber wie kann man Meinungsbeiträge erkennen? Viele leicht. Kommentare sehen aus wie dieser Artikel, meist einspaltig und in der rechten Spalte, immer mit Foto des Autors. Das trifft auch auf Kolumnen zu, sie stehen meist ganz unten auf der Seite. Fast alle Feuilleton-Artikel sind Meinungsbeiträge. Hier geht es darum, wie ein Autor das neueste Theaterstück findet oder wie er sich Sachsen im Jahr 2040 vorstellt. Auch Reportagen und Porträts zählen dazu, die sind nicht so leicht zu erkennen. Hier schildern Reporter ihre Auffassung vom Geschehen. Aber stellen Sie sich ein Porträt ohne Meinung vor. Es wäre ein trockener Lebenslauf. Und wer will den schon lesen?

Ihr Olaf Kittel

Alle Fragen, alle Antworten: www.sz-link.de/leserfragen