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Mittwoch, 24.02.2016

Fachkräftemangel gibt Sachsens Gewerkschaften Kraft

Der Schrumpfkurs ist vorbei: IG BCE und IG Metall gewinnen in ostdeutschen Betrieben neue Mitglieder. Das liegt nicht nur an originellen Flugblättern.

Von Georg Moeritz

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© Symbolfoto: dpa

Dresden. Große rote Buchstaben waren immer schon ein Kennzeichen von Gewerkschaften. Die zieren immer noch die Flugblätter der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) in Sachsen. Doch dazugekommen sind klare Fotos fast wie in der Margarinewerbung: „Lass Dir nicht die Butter vom Brot nehmen!“ steht da über einer dick bestrichenen Bemme. Gewerkschafter wie der Dresdner IG-BCE-Bezirksleiter Gerald Voigt verteilen solche Werbeblätter für Tarifverträge, wenn sie in sächsischen Papier- oder Plastefabriken unterwegs sind. Sie haben Zulauf.

Voigt hat voriges Jahr ein Wachstum um 285 Berufstätige unter seinen Mitgliedern verbucht. 8 803 zahlen nun Beiträge im Bezirk Dresden-Chemnitz. Dazu kommen noch Rentner und andere nicht berufstätige Mitglieder – insgesamt ist die Mitgliedschaft trotz Sterbefällen um 83 auf rund 17 000 gewachsen. Damit ist Voigt rechnerisch erfolgreicher als seine Kollegen von der IG Metall. Die konnten zwar auch voriges Jahr einen Zuwachs bei den Mitgliedern in Betrieben vermelden, aber der glich den Schwund bei Rentnern und Arbeitslosen nicht ganz aus. Im Bezirk Berlin, Brandenburg und Sachsen stieg die Zahl der betrieblichen IG-Metall-Mitglieder voriges Jahr um 1 502 auf 98 319. Die Gesamtmitgliedschaft allerdings schrumpfte laut Pressesprecher Bodo Grzonka leicht um 0,2 Prozent auf 154 348, davon in Sachsen 89 386 Metaller. Das Wachstum der Gewerkschaften in der Industrie hat nach Ansicht Voigts vor allem einen Grund: Mitarbeiter vergleichen die Löhne und Arbeitsbedingungen und wollen sich nicht „die Butter vom Brot nehmen“ lassen.

Selbst in Großbetrieben, die jahrelang keinen Betriebsrat hatten, findet sich bei internen Problemen ein Wahlvorstand. Vor fünf Jahren bescherte Dresdens größte Chipfabrik Globalfoundries auf diese Weise der IG BCE einen starken Zulauf. Im vergangenen Jahr wählte die Belegschaft von Siemens Insulation in Zwönitz einen Betriebsrat, im Herbst gründete sich auch eine Arbeitnehmervertretung beim Kosmetikhersteller Li-il in Dresden.

Zwei Euro mehr als die Konkurrenz

Die Wahl eines Betriebsrates bedeutet noch nicht, dass die Beschäftigten auch Lohnerhöhungen durchsetzen können. Der Betriebsrat ist für interne Fragen wie Ordnung im Betrieb und richtige Eingruppierung zuständig. Über Tarifverträge dagegen verhandeln die externen Gewerkschafter, die auch vergleichbare Betriebe kennen. Laut Voigt ist die IG BCE voriges Jahr in mehreren wachsenden Betrieben zum Abschluss gekommen. Sein Lieblingsbeispiel: der Autozulieferer Veritas Sachsen in Neustadt. Die über 200 Beschäftigten profitieren laut Betriebsbetreuer Stephan Ullrich von einem Stufenplan, der in vier Jahren das Niveau des Tarifvertrags für die Kautschuk-Industrie erreichen soll. Dann sollen auch angelernte Mitarbeiter nach rund drei Jahren im Betrieb auf Bruttolöhne um 2 100 Euro sowie ein 13. Monatsgehalt sowie Urlaubsgeld kommen.

Die Fabrik hat laut Gewerkschaft jetzt mehr Bewerber. „Dort fragen jetzt Leute aus anderen Betrieben an“, sagt Voigt. In Ostsachsen seien Arbeitskräfte zunehmend schwieriger zu finden. Ein Tarifvertrag mit rund zwei Euro höheren Stundenlöhnen als bei der Konkurrenz sei da ein wichtiges Werbeargument. Die Fluktuation gerade bei Autozulieferbetrieben sei hoch; so mancher habe vor Einführung des Mindestlohns noch weniger als 8,50 Euro pro Stunde bezahlt.

Tarifverträge hat die IG BCE auch bei der Fluorchemie Dohna und bei Dresden Papier Heidenau abgeschlossen. Bei Optiplan in Oelsnitz im Vogtland laufen Verhandlungen. Nun möchte Voigt gerne einen der größeren Arbeitgeber in Ostsachsen auf das Niveau des Flächentarifs bringen: B. Braun Avitum in Radeberg und Bad Gottleuba-Berggießhübel. Der Medizinprodukte-Hersteller mit fast 800 Beschäftigten baut derzeit in Wilsdruff seine dritte Fabrik. Ein Tarifvertrag ist abgeschlossen, allerdings noch nicht auf dem Niveau des Flächentarifvertrags für die Chemie-Industrie. Doch Voigt gibt sich zuversichtlich: „Sie haben jetzt Urlaubs- und Weihnachtsgeld.“

Leser-Kommentare

Insgesamt 2 Kommentare

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  1. schlussmitlustig

    Klingt ja schön für alle, die davon profitieren. Ich frage mich schon lange, woran der Wert von Arbeit in Deutschland bemessen wird. Offenbar in erster Linie daran, was sich je nach Wirtschaftslage maximal für die eigene Zielgruppe rausschlagen lässt. Die genannten Bruttolöhne + Urlaubs- und Weihnachtsgeld für ANGELERNTE Beschäftigte dürften etlichen anderen Berufsgruppen, vor allem Freiberuflern (vergesst Ärzte usw., denkt an Redakteure, Fotografen, Logopäden, Autoren, Restauratoren, Architekten, Hebammen) den Wutschaum vor den Mund treiben. Die haben häufig eine vieljährige Ausbildung mit entsprechenden Eignungstests durchlaufen und dümpeln trotz Vollzeitarbeit sogar unter genanntem Betrag herum. Die Gewerkschaften müssen aufpassen, welche gesellschaftlichen Folgen sie mit ihren "Erfolgen" zeitigen. Alles sehr kurz gedacht.

  2. tschle

    Auch hier bestimmt Nachfrage den Preis, bei einigen Berufsgruppen auch gern mal das Erpressungspotential. Die Lohnentwickung wird auch Einfluss auf den Automatisierungsgrad und die Preisentwicklung nehmen. Die Prozedur ist doch von Tarifvertrag zu Tarifvertrag identisch. Beide Tarifparteien werden für ihre Berufsgruppen eine Lösung finden müssen. Mehr sorgen macht mir, das der Staat sich schon im Hintergrund die Hände reibt weil die Abgaben locker 50% der Erhöhungen fressen. Mit 4.400€ ist man heutzutage im Spitzensteuersatz, in DM Zeiten waren dies 10.000 DM im Monat. Preise und Einkommen haben sich durch die Inflation fast 1:1 entwickelt, das Steuerrecht ist bei der alten Formel geblieben. Und genau deshalb kann der Staat immer neue Einnahmerekorde vermelden.

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