erweiterte Suche
Samstag, 23.01.2016

Explosiver Fund neben der Yenidze

Bauarbeiter entdecken in Dresden eine Fliegerbombe. Stundenlang wird evakuiert. Erst am Abend gibt es Entwarnung.

Von Alexander Schneider, Tobias Wolf, Nina Schirmer, Stefan Becker, Sarah Grundmann und Johanna Braun

6 Der Blindgänger in der Friedrichstadt

Bild 1 von 4

Das ist der Heckzünder der US-Fliegerbombe, der den Experten Kopfzerbrechen bereitete.
Das ist der Heckzünder der US-Fliegerbombe, der den Experten Kopfzerbrechen bereitete.

© Sven Ellger

  • Das ist der Heckzünder der US-Fliegerbombe, der den Experten Kopfzerbrechen bereitete.
    Das ist der Heckzünder der US-Fliegerbombe, der den Experten Kopfzerbrechen bereitete.
  • Der Fundort der Bombe liegt an der Baugrube für die neue Multifunktionshalle der Dresdner Handballer an der Magdeburger Straße.
    Der Fundort der Bombe liegt an der Baugrube für die neue Multifunktionshalle der Dresdner Handballer an der Magdeburger Straße.
  • Mitarbeiter des Roten Kreuzes betreuen Senioren in Notunterkünften.
    Mitarbeiter des Roten Kreuzes betreuen Senioren in Notunterkünften.

Es wird wohl auch künftig ein Rätsel bleiben, wieso Fliegerbomben in Dresden stets am Ende einer Arbeitswoche ausgebuddelt werden. Am Freitag ist es wieder so weit. Bauarbeiter haben gegen 10.30 Uhr auf einem Gelände an der Weißeritz-/Ecke Magdeburger Straße eine drei Zentner schwere Bombe US-amerikanischer Herkunft aus dem Zweiten Weltkrieg aus der Erde gezogen. Sie liegt einen Steinwurf von der Yenidze entfernt, dort, wo seit Dezember eine neue Sporthalle der Handballer von Dresden Elbflorenz entsteht.
Schnell ist den Bauarbeitern klar: Von dem stählernen Körper geht auch heute noch, fast 71 Jahre nach dem Abwurf, eine Gefahr aus. Sie werden heute wohl früher Schluss machen dürfen. Sprengmeister Daniel Großer-Scholz des Kampfmittelbeseitigungsdienstes der Polizei bestätigt mittags die böse Ahnung. Einer der Zünder sei noch intakt, die Bombe scharf, auch wenn der Metallkörper teilweise aufgerissen sei und Sprengstoff offenliegt. Sie muss an Ort und Stelle entschäft werden. Ein Transport nach Zeithain, wo die sächsische Polizei Fundmunition und Sprengstoff aller Art vernichtet, wäre zu gefährlich. Wieder packen Polizei und Feuerwehr ihre Pläne für solche Evakuierungsfälle aus. Neu ist nur, dass es dieses Mal die Friedrichstadt trifft. Zuletzt, am 12. November vergangenen Jahres, einem Donnerstag, musste eine ähnliche Bombe auf dem Gelände der Stasi-Gedenkstätte in der Radeberger Vorstadt entschärft werden.
Die gute Nachricht ist, dass ein Großteil des gefährdeten Bereichs Richtung Ostragehege bis zur Elbe liegt, wo nur wenige Wohnhäuser stehen. Die schlechte Nachricht ist: Auch vergleichsweise wenige Anlieger wie etwa nördlich der Friedrichstraße müssen Wohnungen und Arbeitsstellen verlassen. Vier Pflegeheime, fünf Hotels und zahllose Firmen befinden sich dort. Auch die Mitarbeiter der Redaktionen der Sächsischen Zeitung und der Morgenpost an der Ostra-Allee erhalten von der Polizei die unmissverständliche Ansage, ihre Büros am Nachmittag zu verlassen.

Der Blindgänger in der Friedrichstadt

Im Hotel Holiday Inn in der Ostra-Allee geht um 15 Uhr der Räumungsaufruf ein. Eine Stunde bleibt, um 160 Gäste aus den Zimmern zu holen. Sie kommen alle ein paar Straßen weiter im Holiday Inn Express unter, sagt Holiday-Inn-Verkaufsdirektorin Janine Freisberg.

Patienten und Mitarbeiter im Friedrichstädter Krankenhaus haben Glück, sie müssen die Klinik nicht verlassen. Doch die Fliegerbombe „sprengt“ die Geburtstagsparty von Maritta Weickert gegenüber. Mit Partner und Gästen aus Bayern und Hessen wollte die Nürnbergerin ihren 60. im Café und Hotel Friedrichstadt feiern. „Aber wir müssen gleich wieder umziehen wegen der Evakuierung“, sagt sie.

Lange ist unklar, wie viele Menschen evakuiert werden müssen. Laut Melderegister, heißt es bei der Polizei, etwa 800. Die Betreiber der Eis- und Turnhallen haben ihre Einrichtungen schnell geschlossen, junge Sportler und Eisläufer mussten wieder gehen. Feuerwehr und Hilfsdienste bereiten den Transport von 237 Bewohnern der Pflegeheime vor. Im Haus „An der Yenidze“ etwa müssen 36 Männer und Frauen mit Krankenwagen in andere Einrichtungen gebracht werden. Sie kommen in ein neues Heim an der Kaitzer Straße, wo noch eine ganze Etage frei ist.

„Ich lasse mich jetzt von meinem Neffen aus Meißen abholen, weil ich meine Dresdner Verwandten nicht erreiche“, sagt Gerda Schwenk, die nebenan im Betreuten Wohnen „An der Yenidze“ wohnt. Doch daraus wird nichts mehr. Wegen der Straßensperrungen kommt der Neffe nicht mit dem Auto durch. Die Tante verbringt den Abend mit ihren Mitbewohnern in der Notunterkunft in einer Turnhalle an der Pfotenhauerstraße. Die Senioren hören Radio, um zu erfahren, wann sie wieder nach Hause können. Andere kommen in einer Turnhalle am Terrassenufer unter. Wie Jürgen und Sarah Huber aus dem österreichischen Kitzbühel. Sie besuchen eine Tagung und wollen ins Maritim Hotel. Nach einer Stadtrundfahrt versperrt ein Polizist ihnen den Weg ins Zimmer.

Am Seniorenzentrum Kathrin Lingk in der Friedrichstraße fährt ein Bus der Verkehrsbetriebe vor, bringt die Bewohner, darunter 48 Rollstuhlfahrer, in eine andere Pflegeeinrichtung. Die benachbarte Kita Lisa ist zu diesem Zeitpunkt schon leer. Die Eltern haben ihre Kinder abgeholt.

Im Wohngebiet am Bramschkontor schließen die Güldners gerade ihr Haus ab. Elena Güldner ist extra früher von Arbeit gekommen, um zu packen. „Es ist nicht schlimm“, sagt sie. Statt Notunterkunft besucht das Paar die Oma in Chemnitz.

Bei der nächsten Entschärfung in der Friedrichstadt – hoffentlich wird es nie so weit kommen – könnten die Betroffenen schon hier unterkommen: Wo nun die Bombe ausgegraben wurde, entsteht eine Multifunktionshalle für 3 000 Zuschauer. Uwe Saegling, Chef des Handballclubs Elbflorenz und Unternehmer, errichtet sie privat. Für 15 Millionen Euro. Erst am 8. Dezember war Grundsteinlegung. Anfang 2017 soll die Halle neue Heimat für Dresdner Spitzenhandball sein. Die Planer hatten wohl mit einem solchen Fund gerechnet. Kampfmittel-Experten der Dresdner Bohrgesellschaft hatten beim Erdaushub die Hand an der Schaufel, um das Risiko für Baggerfahrer zu minimieren. Die Fläche liegt direkt in der Einflugschneise der Bombardierungen Dresdens.

Leser-Kommentare

Seite 1 von 2

Insgesamt 6 Kommentare

Alle Kommentare anzeigen

  1. ritle

    Dank an alle im Einsatz gewesenen Kräfte. Wie immer haben sie eine gute Arbeit geleistet.

  2. Christian

    Warum wurde die Marienbrücke bereits 17 Uhr gesperrt? 19:45 Uhr erfolgte erst die Entschärfung, da hätte der Feierabendverkehr locker bis 18:45 Uhr fließen können.

  3. blackdodge

    hast Du den Ticker gelesen und verstanden ? anscheinend nicht. Die Entschärfung sollte gg 18.00 Uhr beginnen und musste dann mehrfach verschoben werden da es anscheinend Probleme bei der Evakuierung eines Heimes gab.

  4. zum Glück vorbeigebohrt

    Respekt für die Einsatzkräfte und die erfolgreiche Entschärfung. Was einen jedoch etwas gruseln lässt ist die Tatsache, dass die Bombe ganz offenbar erst nach Fertigstellung der Gründung der Halle aus Großbohrpfählen gefunden wurde - nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn das Bohrgerät die Bombe getroffen hätten. Die Kampfmitteluntersuchung erfasst eben im Vorfeld doch nicht alles.

  5. Christian

    #3: Genau das habe ich, es ist immer das gleiche: Die Evakuierung von Gebäuden, insbesonder Pflegeheimen, dauert IMMER länger als geplant. Inzwischen dreht sich 3 h kein Rad mehr ... Man hätte locker die Marienbrücke nach der Evakuierung des Heimes schließen können ... Egal.

Alle Kommentare anzeigen

Seite 1 von 2

Ihr Kommentar zum Artikel

Bitte füllen Sie alle Felder aus.

Verbleibende Zeichen: 1000
Text Bitte geben Sie die abgebildete Zeichenfolge ein