Montag, 10.12.2012

Ex-Sportreporter Oertel wird 85 - „Gekonnt großkotzige Reden"

Heinz Florian Oertel war d i e Stimme des DDR-Sports. Seine unterhaltende, bildhafte Sprache machte ihn berühmt. Aber er hatte auch harte Kritiker. Am Dienstag begeht der prominenteste Sport-Kommentator des DDR-Fernsehens seinen 85. Geburtstag.

Von Frank Thomas

Heinz Florian Oertel am 05.12.2012 in Berlin. Foto: dpa
Heinz Florian Oertel am 05.12.2012 in Berlin. Foto: dpa

Berlin. Die Hüfte zwickt, die Stimme klingt ein wenig belegt, aber der Wortwitz ist ihm geblieben. Heinz Florian Oertel war im Osten überaus beliebt, vom Westen wurde er nach der Wende ignoriert. Am Dienstag wird der prominenteste Sportreporter des DDR-Fernsehens 85.

Oertel war von den 50er Jahren bis zum Mauerfall fast überall dabei, wo DDR-Sportler um Gold, Silber und Bronze kämpften - bei 17 Olympischen Spielen, Weltmeisterschaften im Radsport und der Leichtathletik sowie bei 25 Welt- und Europameisterschaften im Eiskunstlauf. Acht Fußball-Weltmeisterschaften kommentierte Oertel für das DDR-Fernsehen, obwohl die Staatsamateure des Ostens dort bis auf 1974 in der Bundesrepublik nur durch Abwesenheit glänzten.

„Ich wollte immer mehr als informieren, ich wollte unterhalten", meinte der Jubilar jetzt in Berlin. Oertel galt nicht nur als profunder Sportkenner, sondern auch als Entertainer. Er schreckte auch nicht davor zurück, die „Schlager einer großen Stadt" via Bildschirm zu präsentieren oder Prominenz aller Couleur im „Porträt per Telefon" - der ersten Live-Talkshow des DDR-Fernsehens - Geheimnisse zu entlocken. Im Hörfunk fanden seine Sendungen „7-10 Sonntagmorgen in Spreeathen" oder „He-he-he, der Sport an der Spree" ein riesiges Publikum. „Ich war eher ein Mehrkämpfer am Mikrofon als ein Spezialist", bekannte er unlängst.

Detailwissen und Emotionalität

Zu seinem Geburtstag ehrten ehemaligen Top-Athleten aus Ostdeutschland ihren „HFO" in der Hauptstadt mit einer Talkshow. „Während ich mich auf der Straße gequält habe, hat er aus dem Auto gekonnt großkotzig großartige Reden geschwungen", erinnerte sich der zweimalige Rad-Weltmeister „Täve" Schur mit einem Schmunzeln. Es gibt kaum einen, der zu DDR-Zeiten den kahlköpfigen Reporter nicht kannte. Gründe seiner Popularität bei den Hörern und Zuschauern waren sein ausgeprägtes Detailwissen und vor allem der emotionale Stil seiner Berichte.

Beschreibungen des Wetters, der Stimmung vor Ort oder der Kleidung, Gestik und Mimik der Top-Sportler gehörten zum Repertoire Oertels, der aber auch stark polarisierte. Nicht jeder mochte seinen geschwollenen Sprachstil, dennoch wurde er vom Publikum 17 Mal zum „Fernsehliebling des Jahres" gewählt. Zeichen setzte er anfangs mit Hörfunk-Reportagen von der Friedensfahrt, aber auch der Rad-WM 1960 auf dem Sachsenring, die Bernhard Eckstein vor Schur gewann.

Einen denkwürdigen Moment der DDR-Sport- und Fernsehgeschichte schuf Oertel mit seinem Ausruf „Liebe junge Väter oder angehende, haben Sie Mut! Nennen Sie Ihre Neuankömmlinge des heutigen Tages ruhig Waldemar! Waldemar ist da!", mit dem er live im Fernsehen den zweiten Marathon-Olympiasieg des Hallensers Waldemar Cierpinski bei den Olympischen Sommerspielen 1980 in Moskau kommentierte.

40 Jahre Rundfunk und Fernsehen

Der am 11. Dezember 1927 in Cottbus geborene Reporter hat in über 50 Berufsjahren die Welt bereist. Nach dem Zweiten Weltkrieg war er Schauspielanfänger im dortigen Stadttheater und arbeitete als Lehrer, ehe er 1949 sein Reporter-Debüt beim „Sender Cottbus" mit dem Endspiel um die brandenburgische Meisterschaft im Frauenhandball gab. Dank seines für DDR-Verhältnisse ungewöhnlich lockeren und unterhaltsamen Plaudertons nahm hier eine rasante Entwicklung ihren Lauf. Von 1951 bis 1991 arbeitete Oertel beim Berliner Rundfunk, seit 1955 auch beim DDR-Fernsehen.

Nach dem Mauerfall fand sich für Oertel trotz seiner unstrittigen Fähigkeiten keine Anstellung in öffentlich-rechtlichen Medienanstalten des vereinten Deutschland. Nicht nur hinter vorgehaltener Hand wurde ihm eine zu große Nähe zu den diktatorischen Führern des DDR-Sports vorgeworfen. Alle Unterstellungen, auch die, für die Stasi gearbeitet zu haben, wies Oertel zurück. Die Stasi-Unterlagen-Behörde habe ihm geschrieben, „dass eine Zusammenarbeit mit dem Staatssicherheitsdienst nach Aktenlage nicht ersichtlich ist", betonte Oertel.

Ein überzeugter DDR-Bürger sei er aber bis zuletzt gewesen, bestätigte Oertel stets. „Ich habe mich über jeden Sporterfolg in diesem meinem Heimatland gefreut. Und es hat mich gegrämt, wenn ein Sportler die DDR verlassen hat." Seit 1958 veröffentlichte Oertel Reportage-Bände, die schnell vergriffen waren. Nach der Wende konzentrierte er sich auf die Herausgabe von Olympia-Büchern. (dpa)

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