erweiterte Suche
Mittwoch, 13.09.2017

Ex-OB rettet einen echten Weber

Vor 26 Jahren noch als Müll entsorgt, bringt das Gemälde des berühmten Zittauers jetzt Kindern die Kunst näher.

Von Mario Heinke

Zittaus ehemaliger Oberbürgermeister Arnd Voigt (rechts) übergibt ein Bild des Zittauer Malers Karl Wolfgang Weber (links) an die Kindertagesstätte „Querxenhäusl“. in der Juststraße. Der Ex-OB hat das Ölbild vor 26 Jahren aus dem Müll geholt.
Zittaus ehemaliger Oberbürgermeister Arnd Voigt (rechts) übergibt ein Bild des Zittauer Malers Karl Wolfgang Weber (links) an die Kindertagesstätte „Querxenhäusl“. in der Juststraße. Der Ex-OB hat das Ölbild vor 26 Jahren aus dem Müll geholt.

© matthias weber

Der Zittauer Maler Karl Wolfgang Weber hat im großen Garten der Kindertagesstätte „Querxenhäusl“ in der Juststraße ein Gemälde aufgebaut. Neugierig umringen die Kinder das Ölbild und stellen dem Künstler allerlei Fragen.

Auch Zittaus ehemaliger Oberbürgermeister Arnd Voigt ist am Dienstagvormittag in die Kita gekommen. Sein Erscheinen hat einen triftigen Grund, denn er ist der Retter des Bildes. Die Geschichte trug sich folgendermaßen zu: Vor 26 Jahren bekam Voigt, der damals noch Handwerksmeister war, den Auftrag, in der Betriebsambulanz des Robur-Werkes in der Gerhart-Hauptmann-Straße die Telefone abzuklemmen. Das Verwaltungsgebäude auf dem Gelände des zu DDR-Zeiten als Fertigungsbereich 4 bekannten Areals wurde 1991 nämlich geräumt. Den Fahrzeugbauer Robur ereilte das gleiche Schicksal, wie viele andere volkseigene Betriebe, die damals von der Treuhandanstalt kurzerhand „abgewickelt“ wurden.

Während des Abklemmens der Telefonleitungen beobachtete Voigt wie ein Mitarbeiter der Räumbrigade – offenbar ein Kunstbanause – das Ölgemälde in den Müllcontainer warf. „Ich habe bis zum Feierabend gewartet, das Bild aus dem Container geholt und es mit nach Hause genommen“, erzählt der Ex-OB. Zu Hause verpackte er das Kunstwerk und lagerte es in der Abstellkammer ein. Das Gemälde mit dem Titel „Familie im Garten“ sollte einen würdigen Platz erhalten, statt auf dem Müllhaufen der Geschichte zu landen, so der Plan des Hartauer Handwerksmeisters, der den Künstler Weber damals schon gut kannte, weil dessen Bilder auch in öffentlichen Gebäuden in Hartau hingen. Die Jahre vergingen, das Gemälde geriet wohl in Vergessenheit, bis Rentner Voigt sich erinnerte und sich auf die Suche nach einem neuen Standort begab.

Nach einem Gespräch mit Raik Urban, dem Geschäftsführer der Zittauer Kindertagesstätten gGmbH, war schnell klar, das Gemälde soll im Foyer des „Querxenhäusl“ einen Platz finden, erzählt Voigt. Die Leiterin der Kita, Gisela Brendler, verschönert ihre Einrichtung gern mit Kunstwerken. So zieren schon eine Plastik und verschiedene Leihgaben das kleine Foyer. Die 90 Kinder der Kita und deren Eltern passieren mehrmals täglich den Durchgangsraum, können sich an den Kunstwerken erfreuen.

Karl Wolfgang Weber ist die Freude darüber anzusehen, dass eines seiner frühen Werke aufgetaucht ist und wieder einen festen Platz in der städtischen Kindereinrichtung gefunden hat. Das Bild entstand 1980 im Auftrag der Robur-Werke Zittau. „Die „Familie im Garten“ zeigt Webers Ehefrau und Kinder aus der Nachbarschaft. „Unsere eigenen Kinder kamen erst später zur Welt“, erinnert sich der Zittauer, der damals erst 29 Jahre alt war. Auch ein Triptychon mit Stahlarbeitern für die Olbersdorfer Gießerei entstand in diesen Jahren. Weber lobt die Förderpolitik der DDR für junge Absolventen der Kunsthochschulen. Viele Werke, die den Arbeitsalltag zeigen, sind so in seinen ersten Jahren als junger Künstler entstanden. „Realismus ohne Schnickschnack und Propaganda“, bezeichnet er seinen Stil. Das wieder aufgetauchte Ölbild ist nicht das einzige Werk, das nach der politischen Wende aus den ehemals volkseigenen Betrieben verschwand, erzählt der Maler. Bei der Auflösung der Betriebe interessierten sich die neuen Besitzer und Nachfolgeorganisationen meistens überhaupt nicht für die Kunstbestände, die deshalb herrenlos blieben oder als Müll entsorgt wurden. Es sei deshalb ein Glücksfall, dass Arnd Voigt den Begriff „Volkseigentum“ wortwörtlich genommen und das Bild gerettet habe, sagt der Künstler und bestätigt dem ehemaligen Oberbürgermeister, die Malerei fachmännisch gelagert zu haben.

„Ich habe es nur gereinigt, noch einmal mit Schlussfirnis überzogen und neu gerahmt“, sagt Karl Wolfgang Weber, der ein großes Atelier in der Görlitzer Straße 1 sein Eigen nennt. „In dem Zustand halten Farbe und Leinwand noch über hundert Jahre“, scherzt der 67-Jährige. Eine „Lückendorfer Landschaft“, die damals ebenfalls in der Betriebsambulanz hing, ist bis heute nicht wieder aufgetaucht.