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Donnerstag, 20.08.2015

Essensretter wollen Restaurant in Berlin eröffnen

Kleine Portionen, einen kostenlosen Nachschlag und nur Lebensmittel, die nicht vermarktet werden können - das alles soll es künftig in einem Berliner Restaurant geben. Die Gründer wollen ein Zeichen gegen die Verschwendung von Lebensmitteln setzen.

Von Anja Sokolow und Gisela Gross

Aline (l.-r.), Leoni, Stefan, Wiebke, Lena und Anette, das Team vom Startup „Restlos glücklich“ posiert am 20. August in Berlin beim Pressebrunch zu Berlins erstem Restaurant gegen Lebensmittelverschwendung.
Aline (l.-r.), Leoni, Stefan, Wiebke, Lena und Anette, das Team vom Startup „Restlos glücklich“ posiert am 20. August in Berlin beim Pressebrunch zu Berlins erstem Restaurant gegen Lebensmittelverschwendung.

© dpa

Berlin. Edelschokolade aus Ecuador, die zu lang am Zoll stand, Dutzende offene Weinflaschen, die bei einer Verkostung übrig blieben oder unverkäufliche Riesen-Zucchini eines Bio-Bauern: Leonie Beckmann und ihre Mitstreiter vom Verein „Restlos glücklich“ müssen gar nicht lange suchen, um in Berlin Lebensmittel zu finden, die nicht mehr verkauft werden können, aber zu schade für die Tonne sind.

Im Herbst wollen die Sechs deshalb ein Restaurant eröffnen, in dem fast ausschließlich solche Produkte verarbeitet werden sollen. Damit will der Verein ein Zeichen gegen Verschwendung setzen.

„Wir wollen einfach, dass Lebensmittel wieder wertgeschätzt werden“, sagt Beckmann. Nach einer Studie des WWF landen in Deutschland jährlich 18 Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll. Damit dies nicht auch im neuen Restaurant passiert, sollen die Portionen eher klein gehalten werden. „Es gibt aber bei Bedarf einen kostenlosen Nachschlag. Unsere Gäste sollen ja nicht hungrig nach Hause gehen“, sagt Beckmann.

Obst, Gemüse, Backwaren oder auch Fleisch und Fisch sollen als Spenden von verschiedenen Partnern kommen - wie etwa dem Biobauern Johannes Erz aus Brandenburg oder von Großhändlern. „Es ist super schön, dass es so etwas wie „Restlos glücklich“ gibt“, sagt Erz. Der Verein könne auch mit einer aufgeplatzten Tomate oder zu großen Zucchini noch etwas anfangen.

Vorbild-Restaurant in Kopenhagen

Weil täglich unterschiedliche Produkte anfallen werden und die Menüs nicht langfristig zu planen sind, wollen die Macher jeden Tag zwei bis drei wechselnde Hauptgerichte servieren - zum Preis von etwa 7 bis 14 Euro. Bis auf zwei Köche und den Geschäftsführer beteiligen sich alle ehrenamtlich an dem Gemeinschaftsprojekt. „Wir wollen, dass auch Freiwillige bei uns kochen“, sagt Beckmann. Im Restaurant „Rub & Stub“ in Kopenhagen, dessen Konzept Vorbild für die Berliner ist, funktioniere das bereits sehr gut. Die Gewinne sollen Bildungsprojekten zugutekommen, etwa Kursen zur kreativen Lebensmittelverwertung.

Bis zur Eröffnung muss der Verein noch 50 000 Euro sammeln und ein Lokal finden. Bei der Geldsuche setzen die Initiatoren auf die Crowdfunding-Plattform „Startnext“ im Internet. Dort seien in den ersten beiden Tagen mehr als 6 000 Euro zusammengekommen, sagt Beckmann.

Angst, dass es einmal Engpässe oder Konkurrenz zu anderen Lebensmittelsammlern wie der „Tafel“ geben könnte, haben die Sechs nicht. „Die Mengen, die in Berlin anfallen, sind gar nicht zu stemmen“, sagt Beckmann. Der Verein habe sogar schon Lebensmittel von der „Tafel“ bekommen, die dort nicht mehr gebraucht wurden.

Restaurants, die vor der Tonne gerettete Lebensmittel auf den Tisch bringen, gibt es auch in Großbritannien und den Niederlanden. Das im Februar in Köln eröffnete Lokal „Grüne Liebe“ hat nach nicht einmal einem halben Jahr bereits wieder geschlossen. Gründer Sascha Gröhl, und Inhaber einer Produktionsfirma, erklärte, das Restaurant aus Zeitmangel verkauft zu haben.

Mit krummen Gurken und dreibeinigen Möhren arbeitet in Berlin bereits der Bio-Catering-Service „Culinary Misfits“. Ein solches „Unternehmen „außerhalb“ der Norm“ beanspruche jede Menge Investition, erklärt Mitgründerin Lea Brumsack. Gefragt seien Leidenschaft, Spontanität und Geduld.

Ein Reste-Restaurant sei eine „tolle Idee“, die zum Berliner Lebensstil passe, findet der Sprecher der Tourismus-Werber von „Visit Berlin“, Christian Tänzler. Er beobachtet ein zunehmendes Interesse von Menschen aus aller Welt an den alternativen Lebens- und Ernährungskonzepten, die in Berlin ausprobiert würden. Auch bei Hotels werde schon umgedacht, sei es mit einem Nachhaltigkeitskodex oder einem Vegan-Bistro. Touristen schätzten das, so Tänzler. (dpa)

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