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Freitag, 05.04.2013

Es war einmal ein Satz in Amerika

Vor 40 Jahren wurde das erste Handygespräch geführt. Heute träumt der Erfinder davon, dass das Telefon ein Körperteil wird.

Von Michael Ossenkopp

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Für das Ur-Handy brauchte der Träger noch Muckis, denn es wog ein Kilo. Lange plaudern konnte man damit nicht. Erfunden hat es Martin Cooper (o.). Foto: dpa
Für das Ur-Handy brauchte der Träger noch Muckis, denn es wog ein Kilo. Lange plaudern konnte man damit nicht. Erfunden hat es Martin Cooper (o.). Foto: dpa

Heute eine Alltagsszene, vor 40 Jahren eine Sensation. Mitten auf der Sixth Avenue in Manhattan telefoniert ein Mann mit einem Mobiltelefon. Passanten verharren ungläubig mit offenem Mund, sie werden Zeugen des ersten Handygesprächs. Es ist der 3. April 1973.

Der Mann mit dem Telefon ist der Motorola-Ingenieur Martin Cooper. Triumphierend spricht er mit seinem Konkurrenten Joel Engel, dem Entwicklungschef des Telefonkonzerns AT&T Bell Labs. „Joel, ich rufe Sie von einem Handy aus an, es ist tragbar und sehr real“, erinnerte er sich später an das Gespräch. Der Partner am anderen Ende der Leitung war wohl für einen Moment sprachlos. „Ich glaube, er biss die Zähne zusammen und wir beendeten die Unterhaltung schnell und höflich“, sagt Cooper. Dass dieser Anruf den Beginn eines Handybooms auslösen sollte, der die Welt veränderte, ahnte damals niemand.

Dabei war der Prototyp von Motorolas Dynatec mit heutigen Mobiltelefonen kaum vergleichbar. Der riesige Knochen, größer als ein Ziegelstein, hatte die Maße 33 mal 9 mal 4,5 Zentimeter und wog 1,1 Kilogramm. Aber erstmals war ein Telefon problemlos zu transportieren, vor allem im Vergleich zu den koffergroßen herkömmlichen Funkgeräten. Für die öffentliche Demonstration hatte Motorola eine Basisstation über ein zelluläres Netzwerk auf dem Dach eines nahe gelegenen 50-stöckigen New Yorker Hochhauses installiert, das den Anruf ins Festnetz weiterleitete. Mit der Vorführung sollten die zuständigen Behörden von einer erweiterten Frequenzfreigabe für Telefonunternehmen überzeugt werden. Im Anschluss durften anwesende Journalisten die Funktionstüchtigkeit des Geräts testen und beliebige Personen anrufen. An einem Vorläufer des Handys hatte Cooper schon seit 1967 gearbeitet. Polizisten in Chicago beklagten sich über ihre fest installierten Funkanlagen in den Autos. Während ihrer Streifengänge mussten sie für jede Meldung zu ihren Fahrzeugen zurückkehren. Cooper konstruierte daher einen Empfänger mit Mikrofon, der an der Kleidung befestigt werden konnte und ein Signal zum Sender im Wagen übertrug. Schließlich stellte sich Cooper die Frage, ob es nicht möglich wäre, einen Mobilfunk für jedermann einzurichten.

Angeblich dauerte es lediglich drei Monate, bis der erste funktionsfähige Entwurf vorlag. Firmenintern nannten sie das neue Dynatec den „Schuh“. Designer Rudi Krolopp hatte alte UKW-Radios ausgeschlachtet und mit einem Metall-Hydrid-Akku verbunden. 1973 beantragte Cooper ein Patent für sein Radio-Telefon-System. Die Inspiration fürs Handy soll sich der Erfinder beim handlichen „Communicator“ von Captain Kirk aus der Sci-Fi-Serie „Raumschiff Enterprise“ geholt haben. Allerdings vergingen noch zehn Jahre, bis das erste käufliche Mobiltelefon auf den Markt kam. Aber auch das Dynatec 8000X war nach heutigen Maßstäben ein Monstrum. Es wog 800 Gramm und der Akku reichte nicht einmal für eine Stunde Sprechzeit, dafür benötigte seine Ladung zehn Stunden. Eine Gesprächsminute im US-Netz kostete bis zu 40 Cent und die Grundgebühr lag bei 50 Dollar monatlich, der Verkaufspreis betrug 3 995 Dollar. Immerhin wurde das „Stiefel-Phone“ weltweit 300 000 Mal verkauft.

Es gibt über sechs Milliarden Handys

Trotzdem leitete das Dynatec einen umwälzenden Wandel im Technologie- und Kommunikationssektor ein. „In den vergangenen 100 Jahren waren Menschen durch die Telefonleitung an einen Platz in Gebäuden gefesselt, vor 40 Jahren gab keine PCs, keine LCD-Bildschirme und nicht einmal schnurlose Telefone für zu Hause“, sagt Cooper. Mit den neuen Geräten konnte man erstmals unabhängig vom Standort angerufen werden. Bis Anfang der 1990er Jahre waren mobile Telefone kein Massenprodukt, zunächst kauften es Geschäftsleute, Ärzte und Außendienstmitarbeiter, die ständig erreichbar sein mussten. Der große Popularitätsschub setzte erst in den 1990er Jahren ein, als immer kleinere und preiswertere Geräte erschienen. Auch der Netzausbau und günstige Verbindungsgebühren, bedingt durch den Konkurrenzkampf verschiedener Provider, beschleunigten eine massenhafte Verbreitung und ließen die Zahl der Mobilfunkanschlüsse explodieren.

Mittlerweile haben sie weltweit die Marke von sechs Milliarden überschritten. Die Internationale Fernmeldeunion in Genf schätzt, dass es Anfang 2014 mit über sieben Milliarden so viele Mobiltelefone wie Menschen auf der Welt geben wird. Aber nur rein rechnerisch für jeden. Nur etwa 60 Prozent der Menschheit hat dann Zugang zu einem Handy, denn in Industriestaaten gibt es weit mehr Anschlüsse als Einwohner. Zum Beispiel besitzen laut Bundesnetzagentur 82 Millionen Deutsche 113,2 Millionen Handyverträge.

Auf die Frage, ob er sich eine derartige Entwicklung damals hätte vorstellen können, antwortet der heute 84-jährige Cooper: „Mein Traum war es, dass eines Tages ein gewöhnliches Telefon überflüssig wird. Die Leute glaubten, ich sei verrückt. Ich wusste, dass es eines Tages passiert, aber nicht so schnell und noch zu meinen Lebzeiten.“ Geht es nach dem Wunsch des Erfinders, soll die Entwicklung noch nicht abgeschlossen sein. „Das Telefon sollte irgendwann ein Teil des Menschen werden – vielleicht unter der Haut hinterm Ohr.“ Wie viele Benutzer diesen Traum teilen werden, bleibt abzuwarten.

Leser-Kommentare

Insgesamt 1 Kommentar

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  1. M. Rähder

    ja das könnte diesem Herrn so passen, ein eingepflanzter Chip im menschlichen Körper, für die totale Überwachung. Einige Kreise arbeiten tatsächlich darauf hin. Man kann nur hoffen, dass die Menschen endlich aus Ihrer Lethargie erwachen und den Braten vorher riechen.

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