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Dienstag, 14.01.2014 Neukirch

Es kocht in Neukirch

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Das ehemalige Lehrlingswohnheim in Neukirch/Lausitz.Foto: Thorsten Eckert
Das ehemalige Lehrlingswohnheim in Neukirch/Lausitz.Foto: Thorsten Eckert

© thorsten eckert

  • Das ehemalige Lehrlingswohnheim in Neukirch/Lausitz.Foto: Thorsten Eckert
    Das ehemalige Lehrlingswohnheim in Neukirch/Lausitz.Foto: Thorsten Eckert
  • Das Hofgericht ist vom Tisch: Der Landkreis wird sich heute nicht an der Versteigerung des leer stehenden Hotels beteiligen. Asylbewerber sollen aber trotzdem nach Neukirch ziehen. Der Kreis hat dafür schon einen neuen Plan: das ehemalige Lehrlingswohnheim der F.&U.-Bildungsgesellschaft.Foto: Thorsten Eckert
    Das Hofgericht ist vom Tisch: Der Landkreis wird sich heute nicht an der Versteigerung des leer stehenden Hotels beteiligen. Asylbewerber sollen aber trotzdem nach Neukirch ziehen. Der Kreis hat dafür schon einen neuen Plan: das ehemalige Lehrlingswohnheim der F.&U.-Bildungsgesellschaft.Foto: Thorsten Eckert

Es könnte ein Montagvormittag sein wie jeder andere auch. Neukirch/Lausitz döst friedlich vor sich hin. Ein kilometerlanges Straßendorf im Oberland, reichlich 5 000 Einwohner. Die Leute treffen sich beim Einkaufen oder an der Bushaltestelle, auf dem Weg zum Arzt oder im Modeladen Thräne, wo es auch Sonderposten und eine Lotto-Annahmestelle gibt.

Aber etwas ist anders als sonst an diesem Vormittag: Es kocht in Neukirch. Die Leute diskutieren auf der Straße. Sie wirken aufgebracht. Manche werden richtig zornig. Es ist ein einziges Thema, das hier alle bewegt: das Asylbewerberheim.

Wird der Landkreis das Hofgericht ersteigern? Um es dann für über 100 Asylbewerber herzurichten? „Hoffentlich nicht“, sagt die Verkäuferin vom Modeladen. Das Geschäft gehört zum Gebäudekomplex des Hofgerichts – nur ein Eingang neben dem ehemaligen Hotel, in das schon bald die Asylbewerber ziehen könnten. Eine ungeheuerliche Vorstellung. Die Verkäuferin will sich nicht ausmalen, wie es dann hier zugehen würde. Sie habe ja nichts gegen Ausländer, sagt sie, aber in diesem Haus? Hier mitten im Ort? Direkt an der Hauptstraße? Zwischen Zwiebackfabrik und Rittergut? Hier sollte doch ein schönes Ortszentrum entstehen! „Nee“, sagt die Frau, „hier Asylbewerber – das geht nicht.“ Und die Kollegin und der Kunde, der gerade den Tippschein für die Mittwochziehung ausfüllt, geben ihr recht. So gut wie jeder im Ort würde ihr jetzt recht geben. Selbst der Bürgermeister.

Gottfried Krause kommt gerade von der Dienstberatung. Der Bürgermeister sitzt ziemlich in der Zwickmühle. Einerseits ist er dem Landkreis und der Notwendigkeit verpflichtet, andererseits aber auch den Bürgern seiner Gemeinde. Der Gemeinderat hat sich ausdrücklich gegen das Hofgericht als Asylbewerberunterkunft ausgesprochen. Gottfried Krause weiß um die Stimmung im Ort. Er kann die Gemüter auch nicht beruhigen. „Wir können ja auch nicht einfach versprechen, dass es keine Probleme geben wird“, sagt er.

An diesem Vormittag weiß in Neukirch noch niemand, dass der Landkreis sich nicht an der für heute angesetzten Versteigerung beteiligen wird. Die Entscheidung wird Landrat Michael Harig erst kurz vorm Feierabend fällen. Zu groß war wohl der Widerstand aus dem Ort. Und es gibt ja für den Landkreis eine vergleichsweise ebenso günstige Alternative in Neukirch.

Bürgermeister Krause hat sie selber vorgeschlagen: das ehemalige Lehrlingswohnheim der F.&U.-Bildungsgesellschaft. Auch das steht leer und ließe sich relativ schnell und mit überschaubarem Aufwand für Asylbewerber umbauen. Doch auch dagegen regt sich Widerstand im Ort. Das Wohnheim liegt zwar am Rande, dafür aber von drei Seiten umgeben von schön sanierten Höfen und Einfamilienhäusern. Thomas Schulze wohnt und arbeitet schon lange hier. Der Holzrestaurator macht sich an diesem Vormittag gerade über einen Biedermeier-Sekretär her. „Ein sehr schönes Stück, 1850, wirklich sehr selten“, schwärmt er und schleift vorsichtig die Gesimsleiste nach, die er ersetzen musste.

Bis jetzt hat sich der 47-Jährige nicht großartig interessiert für die Kreispolitik. Aber inzwischen kocht auch in ihm die Wut. „Wir haben das mit den Asylbewerbern in der Zeitung gelesen“, sagt er. „Niemand hat uns gefragt. So geht das doch nicht.“ Er will, dass die Sache mit allen Betroffenen sachlich diskutiert wird. Die Anwohner würden doch um ihre Wohnqualität fürchten und um den Wert ihrer Grundstücke. Wer will denn schon neben einem Asylbewerberheim wohnen?

„Wir fürchten auch, dass 120 Asylbewerber viel zu viele sind für die Gemeinde“, sagt ein anderer Nachbar. „Und wer garantiert uns denn, dass die Ausländerfeindlichkeit nicht eskaliert?“ 5,5 Prozent der Neukircher haben bei der letzten Bundestagswahl die NPD gewählt. „Sicher“, sagt der Nachbar, „irgendwo müssen die Leute hin. Aber warum denn gerade zu uns?“