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Freitag, 29.01.2016

Es ist Zeit, das Undenkbare zu denken

Früher oder später wird die Kohleförderung in der Lausitz enden. Darauf muss sich die Region vorbereiten. Aber wie?

Von Tilo Berger

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Quer durch den Geierswalder See – ein Luftbild vom Sommer – verläuft die Landesgrenze zwischen Sachsen und Brandenburg. Zu sehen ist sie nicht, wie auch der Name Lausitzer Seenland keine Rücksicht auf die Begriffe Ober- und Niederlausitz nimmt.
Quer durch den Geierswalder See – ein Luftbild vom Sommer – verläuft die Landesgrenze zwischen Sachsen und Brandenburg. Zu sehen ist sie nicht, wie auch der Name Lausitzer Seenland keine Rücksicht auf die Begriffe Ober- und Niederlausitz nimmt.

© Uwe Schulz

  • Quer durch den Geierswalder See – ein Luftbild vom Sommer – verläuft die Landesgrenze zwischen Sachsen und Brandenburg. Zu sehen ist sie nicht, wie auch der Name Lausitzer Seenland keine Rücksicht auf die Begriffe Ober- und Niederlausitz nimmt.
    Quer durch den Geierswalder See – ein Luftbild vom Sommer – verläuft die Landesgrenze zwischen Sachsen und Brandenburg. Zu sehen ist sie nicht, wie auch der Name Lausitzer Seenland keine Rücksicht auf die Begriffe Ober- und Niederlausitz nimmt.
  • Holger Kelch, Oberbürgermeister von Cottbus
    Holger Kelch, Oberbürgermeister von Cottbus

Lausitz. Das ist ein Name, bei dem Uneingeweihte erst mal mit der Schulter zucken werden: Innovationsregion Lausitz GmbH. Na und? Ist nicht jede Region für sich gesehen innovativ, bringt also ständig Neues hervor? Immer wieder neue Produkte, Dienstleistungen, Theateraufführungen und was nicht noch alles kommen doch zwar auch, aber nicht nur aus der Lausitz. Also, was soll’s mit der Innovationsregion?

Ersetzen wir den sperrigen Begriff doch durch eine Jahreszahl. 2040 vielleicht, oder 2050, höchstens 2060. Nennen wir die neue Firma mal für uns, nicht für das Unternehmensregister, Lausitz 2050 GmbH. Vielleicht schon früher, vielleicht etwas später wird die Lausitz ohne den Industriezweig sein, der sie seit mehr als 100 Jahren wie kein zweiter prägt und immer noch Tausende Arbeitsplätze und mit die höchsten Löhne bietet: die Förderung und Verstromung von Braunkohle.

Im Moment ist der Energieträger noch unverzichtbar, aber machen wir uns nichts vor: Spätestens dann, wenn sich Strom aus Wind, Sonne, Biomasse und Wasserkraft speichern und jederzeit bis in den letzten Winkel Deutschlands hinein abrufen lässt, ist die Zeit der Kohle vorbei. Das scheint heute undenkbar, aber weite Teile der Politik arbeiten schon darauf hin, flankiert von Umweltschützern. Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) ließ diese Woche in Schwarze Pumpe keinen Zweifel daran, dass auch sie der Kohle nur noch zwei, vielleicht drei Jahrzehnte gibt. Wenn überhaupt.

Und auch wenn Deutschland nicht einmal ein halbes Prozent des weltweiten Ausstoßes an Kohlendioxid verursacht, wird die Schuld an der Erderwärmung einseitig der Kohle in die Schuhe geschoben. Dieser stete Tropfen höhlt auch den Stein der öffentlichen Meinung. Wer immer nach der nächsten Wahl die Nachfolge der heute 63-Jährigen antritt, wird in puncto Kohle keinen anderen Kurs fahren.

Die Zeit ohne Braunkohle wird also kommen, und die Lausitz muss sich darauf vorbereiten. Zu diesem Zweck gründete sich besagte Firma namens Innovationsregion Lausitz GmbH.

Vier von fünf Gründern kommen aus Südbrandenburg: Industrie- und Handelskammer (IHK) Cottbus, Handwerkskammer Cottbus, Technische Universität Cottbus-Senftenberg sowie Vereinigung der Unternehmensverbände Berlin und Brandenburg. Der fünfte Gesellschafter der neuen Firma, die Wirtschaftsinitiative Lausitz, verortet sich als Verein vom Spreewald bis ins Zittauer Gebirge. Wobei die meisten Mitglieder aus Cottbus und Umgebung kommen. Und die bisher fünf Gesellschafter sagen ganz klar, dass sie offen sind für Mitstreiter südlich der sächsisch-brandenburgischen Landesgrenze.

Die Innovationsregion Lausitz GmbH soll den Strukturwandel in der Region gestalten, dafür die Kräfte bündeln und Verbündete in der Politik gewinnen. Eine Verbündete scheint gefunden – Umweltministerin Hendricks versprach der Lausitz Gelder für den Strukturwandel. Und spätestens hier ist es Zeit, den Begriff Lausitz zu definieren. Historisch gesehen gibt es derer zwei – die Oberlausitz im Süden und die Niederlausitz im Norden. Die gibt es auch weiterhin, und niemand will etwa den gerade erst etablierten Tag der Oberlausitz am 21. August wieder abschaffen. Wir können froh sein, dass es diesen Tag gibt, an dem sich die Region auf sich selber besinnt.

Aber wenn es darum geht, den Wandel weg von der Kohle zu gestalten und dafür Mitstreiter zu suchen, darf die sächsisch-brandenburgische Landesgrenze ebenso wenig eine hindernde Rolle spielen wie Oberlausitzer oder Niederlausitzer Eitelkeiten. Wenn ein Berliner, Dortmunder oder Stuttgarter die Stichworte Spreewald, Sorben, Energie Cottbus und Görliwood hört, wird er nicht sagen: Moment, das eine ist doch in der Oberlausitz, das andere in der Niederlausitz – für ihn ist das alles Lausitz. Das muss nicht jedem gefallen, ist aber so.

Strukturwandel kennt keine Grenzen

Und der Strukturwandel in der Region macht doch auch nicht an der Landesgrenze Halt. Von der Kohle profitieren Dienstleister, Metall- und Elektrobetriebe bis ins Dreiländereck hinein – noch. „Die Veränderungen in der Industrielandschaft der Lausitz werden auch Auswirkungen für eine Vielzahl von Handwerksbetrieben haben. Wenn die Menschen hier nicht mehr gutes Geld verdienen, dann werden sie auch Handwerksleistungen weniger in Anspruch nehmen.“

Ist es wichtig, ob das ein Oberlausitzer oder ein Niederlausitzer gesagt hat? Der Satz mit dem guten Geld stammt von Knut Deutscher, dem Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Cottbus, aber er könnte genauso gut von einem Wirtschaftskapitän aus Bautzen, Görlitz oder Zittau kommen. Auch auf schnelles Internet ist Lieske bei Kamenz ebenso angewiesen wie Lieske bei Spremberg. Die Bundesstraße 96 verbindet Großpostwitz wie Großräschen mit Berlin. Die Region braucht neue Unternehmer, egal, ob die Gründer von der TU Cottbus-Senftenberg kommen oder von der Hochschule Zittau/Görlitz.

Einer, der schon einen Schritt weiter denkt, ist Holger Kelch, CDU-Oberbürgermeister von Cottbus und Sprecher der südbrandenburgischen Landkreise, die unter dem Namen Energieregion miteinander kooperieren: „Unser gemeinsames Ziel ist es, den Menschen hier Perspektiven zu bieten, und das heißt in erster Linie: vernünftig bezahlte Arbeit. Daher ist es gut, dass die Innovationsregion nach neuen Geschäftsfeldern suchen wird, die die Lausitz künftig prägen werden. Sie liefert damit die Software für die Zukunft. Energieregion und Marketinggesellschaft Ostsachsen (MGO) werden sich bald gemeinsam um die Hardware kümmern.“

Abgesehen davon, dass die MGO ausgeschrieben Marketing-Gesellschaft Oberlausitz-Niederschlesien – und nicht Ostsachsen – heißt, wird früher oder später die gemeinsame Vermarktung der Gesamtregion auf der Tagesordnung stehen. Und wenn es darum geht, Verbündete zu gewinnen und Fördermittel zu beschaffen, darf die Landesgrenze keine Rolle spielen. Logische Konsequenz ist die Gründung einer gemeinsamen Wirtschaftsförderungsgesellschaft für die ganze Lausitz. „Diese Gesellschaft soll allein dem Zweck dienen, den Strukturwandel länderübergreifend zu begleiten“, sagt der Görlitzer Landrat Bernd Lange. „Dieser Initiative stehen wir positiv gegenüber.“ Sein Bautzener Kollege Michael Harig (beide CDU) bestätigt Gespräche in dieser Richtung: „Ich hoffe und wünsche, dass wir alsbald zu einer gemeinsamen Gesellschaft kommen.“

Ein anderer Satz des Görlitzer Landrates klingt schon wieder eher nach Kleinstaaterei: „Eine gemeinsame Vermarktung über die Grenzen hinaus ersetzt aber nicht eine kreisgebundene Gesellschaft.“ Die hat der Kreis Görlitz schon, mit der Entwicklungsgesellschaft Niederschlesische Oberlausitz (ENO). In letzter Zeit fällt auf, dass die ENO zunehmend als Touristen-Werber für den Kreis Görlitz auftritt, als gäbe es keinen Kreis Bautzen und auch keine gemeinsame Marketing-Gesellschaft. Mehrere Kommunen aus dem westlichen Kreis Bautzen wiederum schlossen sich erst vor wenigen Tagen mit der Landeshauptstadt zur Wachstumsregion Dresden zusammen. Und auch der mitgliederstärkste Unternehmerverband in der Oberlausitz, der Bundesverband mittelständische Wirtschaft (BVMW), sieht die Zukunft unseres Landstriches in der Wachstumsregion Dresden.

Also was denn nun? Die westliche Oberlausitz macht ihr Ding mit Dresden, der Kreis Görlitz alles für sich, und alle ein bissel was oder gar nichts mit den nördlichen Lausitzern? Es wird Zeit, dass die Region sich neu findet. Das muss sie sowieso, mit Blick auf das Kohle-Aus bis ums Jahr 2050. Packen wir die Gelegenheit beim Schopf! Wenn nicht jetzt, wann dann?