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Mittwoch, 23.11.2011

Es ist an der Zeit, eine neue Wende zu vollziehen

Unter dem Titel Perspektiven veröffentlicht die Sächsische Zeitung kontroverse Essays, Analysen und Interviews zu aktuellen Themen. Texte, die aus der ganz persönlichen Sicht der Autoren und Gesprächspartner Denkanstöße geben, zur Diskussion anregen sollen.Heute: Zwei junge Politikwissenschaftler sagen, die Deutungshoheit über die Wiedervereinigung müsse nun die junge Generation übernehmen.

Von Marek Dutschke und Johannes Staemmler

Wen kümmern die Jahrestage von Mauerbau und Mauerfall? Immer wieder werden sie behandelt von den üblichen Verdächtigen. Kommen sie aus dem Osten, geht es um den Sieg über den Unrechtsstaat DDR. Kommen sie aus dem Westen, wird gefragt, wann „der Osten“ nun endlich angekommen ist. Wo eigentlich angekommen? Wolfgang Thierse (unser bundesdeutscher „Ossibär“) und Rainer Eppelmann sagen dann immer, dass die friedliche Revolution eine tolle Sache gewesen ist, und Gesine Lötzsch deutet an, dass nicht alles in der DDR schlecht war. Angela Merkel hält sich wie immer dezent zurück, und Klaus Wowereit eröffnet irgendwo in Berlin eine Partymeile. Natürlich vergessen auch alle offiziellen Redner nicht, dass wir Deutschen an diesem Tag nicht nur an schöne Ereignisse erinnern. Eigentlich sollten wir ja gar nicht feiern an diesem Tag, an dem in der Geschichte Freud und Leid fast nicht voneinander zu trennen sind.

Bei solcher Festtagsmisere ist es kein Wunder, dass jüngere Menschen keinen Bezug zum Jahrhundertereignis Mauerfall haben. Und es ist ohne Zweifel mit das Großartigste, was in Deutschland im 20.Jahrhundert passiert ist. Im Ernst, mit den üblichen Festtagsprotagonisten ist kein junger Mensch zu begeistern, weder im Osten noch im Westen. Auch die Art, wie die Fragen gestellt werden, lässt einen nur abwinken. Bei Politikern der Linkspartei ist es noch irgendwie logisch, denn sie haben ein fundamentales Interesse daran, dass jüngere Menschen keinen Bezug zum Mauerfall haben. Das Erinnern daran würde nur noch mehr Scheinwerferlicht auf die SED-Übel werfen. Es ist nicht verwunderlich, dass junge Ostdeutsche, auch wenn sie irgendwann noch vor 1989 geboren wurden, sich weder mit dem Begriff des Unrechtsstaats noch mit diffuser Ostalgie identifizieren können. Gleichzeitig spüren sie aber ein Unbehagen, wenn über sie gesagt wird, dass die DDR mit ihnen nichts zu tun hätte. Und sie fragen sich, ob es erstrebenswert ist, in der BRD von 1989 anzukommen, wenn von Ankommen die Rede ist.

Der einzige Bezug, den die meisten älteren Westdeutschen zur Wende haben, ist die Abbuchung des Solidaritätszuschlags von ihren Löhnen. Allein im vergangenen Jahr haben deutsche Haushalte wieder mehr als elf Milliarden Euro für die Kosten der Einheit dem Fiskus überwiesen. Wohlgemerkt zahlen Ost- und Westdeutsche diesen Beitrag gemeinsam. Man hört auch, dass immer wieder Eltern und Freunde leise murren, wenn die Kinder verkünden, die nächsten Jahre an einer Universität in Ostdeutschland zu studieren – vielleicht auch ein Ausdruck davon, dass ihre Vorstellung von „drüben“ noch aus der Vergangenheit stammt. Der 9. November muss nicht nur an Bedeutung gewinnen, er muss auch eine gesamtdeutsche Komponente außerhalb der reinen finanziellen Dimension bekommen. Denn wenn wir ehrlich sind, ist bei den älteren Jahrgängen die typische „Wessi“-Perspektive stark vom Ärgernis über die Kosten geprägt und die „Ossi“-Perspektive mit Frust über den wirtschaftlichen und sozialen Abschwung verbunden. Die Hoffnungen auf beiden Seiten, dass überall blühende Landschaften entstehen, waren nie mit der Wirklichkeit vereinbar. Und sie sind es bis heute nicht.

Die Zeit ist gekommen, eine neue Wende zu vollziehen. Die Deutungshoheit und Meinungsmache muss jetzt von jüngeren Generationen übernommen werden. Dieselbe Notwendigkeit war auch in der Debatte über die 68er vor ein paar Jahren zu erkennen. 2008, im Jubiläumsjahr, hatten sich etwa der Politikwissenschaftler Gerd Langguth (1970 bis 1974 Bundesvorsitzender des RCDS) und der Historiker Wolfgang Kraushaar (1974/75 Vorsitzender des AStA in Frankfurt), obwohl sie selbst Protagonisten von damals waren, unter dem Deckmantel der Wissenschaft selbst zum Richter der Studentenbewegung ernannt. Einstige Akteure der revolutionären Bewegung sind aber die Falschen, um den jüngeren Generationen das Gedenken wirklich näherzubringen. Nur weil ihre Reputation es ihnen erlaubt, entsprechend laut zu sein, sind ihre Bewertungen noch lange nicht allgemeingültig. Sie können uns gerne erzählen, was damals passiert ist, aber sie sollen sich endlich abgewöhnen, uns zu erklären, welche Gefühle wir zu diesem Ereignis haben sollen.

Nach 22 Jahren Mauerfall gibt es nun auch neue Protagonisten, gerade im Osten. Für jüngere Generationen ist die Zeit in der DDR zwar nicht mehr großer Teil ihres Lebens gewesen. Die Zäsur von 1989 ist aber doch maßgeblich prägend für das Leben danach, mag es beruflich oder privat sein. Diesen Stimmen gehört der 9. November. Da kann der öffentliche Gedenkreigen immer wieder die Einheit beschwören. Aber darum geht es schon lange nicht mehr. Die jungen Ostdeutschen erkennen an, dass sie aus einem Land kommen, das es nicht mehr gibt. Sie trauern diesem Land auch wenig nach, aber es interessiert sie, wie es dort gewesen ist. Und auch die jungen Westdeutschen merken, dass sie viel mehr in einem neuen Deutschland leben, als ihre Eltern zugeben wollten. Es ist das Deutschland nach der Jahrtausendwende, das ohne Helmut Kohl, D-Mark und Dauerwelle auskommt. Es ist ein vielschichtiges, bewegendes Land, in dem sich Altbekanntes schon mal rasant ändern kann. Atomkraftwerke werden kurzerhand stillgelegt, weil in Japan die Erde bebt, ein Bahnhofsprojekt bringt Zehntausende auf die Straße, und Piraten werden gewählt. Die jungen Deutschen aller Couleur können mit dieser Zeit, die mit dem Fall der Mauer 1989 begonnen hat, viel besser umgehen als noch ihre Eltern. Und das verbindet sie mehr, als das sie das Ost-West-Gerede trennt.

Es ist schon traurig, dass sich die Berliner Abendschau in diesem Jahr damit begnügt hat, jeden Abend zwei Karten für das Udo-Lindenberg- Einheitsmusical „Hinterm Horizont“ zu verlosen. Die Bilder aus Berlin vom 9. November 1989 sind bewegend und sogar herzzerreißend schön. Menschen aus Ost und West, mit gebleichten Jeans und Vokuhila, stehen auf der Mauer, liegen sich in den Armen und rufen „Wahnsinn“. Diesem großartigen Jahrhundertereignis werden wir nicht gerecht, wenn Wolfgang Thierse, Gesine Lötzsch und Udo Lindenberg weiterhin als die Zeremonienmeister den Ton angeben.