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Freitag, 23.06.2017

„Es gibt keinen flächendeckenden Fachkräftemangel“

Lars Fiehler, Sprecher der Industrie- und Handelskammer, über faire Bezahlung, gute Schüler und gezielte Zuwanderung.

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Kein Schweißer in Sicht? Viele sprechen vom Fachkräftemangel. Aber was bedeutet das? Und gibt es den überhaupt?
Kein Schweißer in Sicht? Viele sprechen vom Fachkräftemangel. Aber was bedeutet das? Und gibt es den überhaupt?

© dpa/Oliver Berg

  • Kein Schweißer in Sicht? Viele sprechen vom Fachkräftemangel. Aber was bedeutet das? Und gibt es den überhaupt?
    Kein Schweißer in Sicht? Viele sprechen vom Fachkräftemangel. Aber was bedeutet das? Und gibt es den überhaupt?
  • Lars Fiehler, Sprecher der IHK Dresden
    Lars Fiehler, Sprecher der IHK Dresden

Herr Fiehler, 2016 sind so viele Sachsen in der Woche aus dem Freistaat gependelt wie nie zuvor, 130 000. Stimmt was nicht mit den Jobs hier?

Das machen die nicht aus Langeweile. Sie fahren auf die Autobahn, stellen sich in den Stau, nehmen sich eine teure Zweitwohnung und lassen ihre Familie in der Woche hier zurück. Das würden sie nicht machen, wenn es hier lauter tolle Jobs gäbe. Die pauschale Aussage, dass es keine Fachleute gibt, stimmt einfach nicht. Sie kalkulieren ihre Kosten knallhart durch – und arbeiten dann letztlich lieber in Bayern, Baden-Württemberg oder Hessen.

Wie könnten Unternehmer das ändern?

Vier von fünf pendeln wegen des Gehalts. Dabei sind 30 bis 50 Prozent mehr Lohn außerhalb Sachsens keine Seltenheit. Die Allermeisten würden durchaus eine geringere Bezahlung akzeptieren, wollen ihre Expertise, gute Ausbildung, teils Auslandserfahrungen aber auch nicht verschenken. Natürlich kann jetzt kein Betrieb einfach sein Lohngefüge auf den Kopf stellen und stattdessen auf Investitionen verzichten. Ein Gehaltswettbewerb mit Bayern wäre Unsinn. Das liegt auch daran, dass unsere Wirtschaft viel kleinteiliger und anders strukturiert ist. Hier viele Zulieferbetriebe, dort viele Finalproduzenten. Die großen Gewinne werden in Wolfsburg, München und Stuttgart eingefahren. Und dorthin pendeln die Hochqualifizierten.

Warum haben denn diese Menschen ihrer Heimat einst den Rücken gekehrt?

In den 90er- bis frühen 2000er-Jahren waren es nicht die Einkommensunterschiede, es gab im Osten einfach zu wenige adäquate Jobs. Die Wirtschaftsstruktur ist erst peu à peu gewachsen.

Und nun?

Nun wollen sie zurück – und treffen hier auf die Realität. Und die ist oft nicht so rosig, wie sie in den Medien dargestellt wird.

Was ist das Problem?

Letztlich scheitert es oft an der zu geringen Bezahlung. Außerdem ist das Personalmanagement teils desaströs. Selbst renommierte Firmen reagieren nicht immer auf Bewerbungen. Das hat mit Wertschätzung Bewerbern gegenüber nichts zu tun. Und wenn Rückkehrer auf Jobbörsen mit Unternehmern ins Gespräch kommen, heißt es: Wir sind immer auf der Suche nach guten Leuten. Konkret für Sie habe ich gerade aber keinen Job frei. Das ist zu unverbindlich. So gewinnt man keine Mitarbeiter.

Was suchen die Rückkehrer?

Die Leute, die zurückkommen, sind nicht weltfremd, sondern mit der alten Heimat gut vernetzt. Keiner legt hier Stuttgarter oder Münchner Maßstäbe an. Zudem habe ich das Gefühl, dass den viel zitierten weichen Faktoren wie Vereinbarkeit von Beruf und Familie, flexiblen Arbeitszeiten und -orten oder einem Jobticket zu viel Bedeutung beigemessen wird. Das ist zwar wichtig, vor allem, um sich von anderen Firmen abzuheben. Aber wenn es zum Schwur kommt, und eine ganze Familie von Nürnberg nach Neustadt ziehen will, dann geht es um die harten Faktoren. Und die heißen nach wie vor: faire Bezahlung, Vollzeit, unbefristet. Punkt.

Wie sieht es mit offenen Stellen aus?

Mittlerweile gibt die Arbeitsagentur sogar selbst zu: Für die hohen Zahlen – so sollen in Sachsen derzeit 35 000 Jobs nicht besetzt sein – sorgen sehr viele Doppelzählungen. Weil ein und derselbe Job von Betrieben, Zeitarbeitsfirmen, privaten Vermittlern parallel angeboten wird. Das wissen alle, trotzdem sind die Zahlen in der Welt.

Also sind gar nicht so viele Jobs frei?

Ich denke nicht. Punktuell nach Region und Branchen gibt es ohne Zweifel Betriebe, die innerhalb einer bestimmten Zeit, offene Stellen nicht adäquat besetzen können. Einen flächendeckenden Fachkräftemangel gibt es aber nicht. Die viel zu hohen Zahlen basieren nicht selten auf diffusen Hochrechnungen. Jeder weiß das, trotzdem plappern es alle nach.

In einer aktuellen Mitteilung der IHK Sachsen taucht das Wort Fachkräftemangel ebenfalls auf.

Es ist wie gesagt nicht mein Lieblingswort. Das Wort Mangel suggeriert doch, dass es nicht genügend Arbeitskräfte gibt. Die entscheidende Frage lautet: Ist das wirklich so? Oder finden Arbeitskräfte und Firmen aus bestimmten Gründen nicht zusammen?

Was ist Ihre Antwort?

Ganz häufig Letzteres. Außerdem sehe ich die Gefahr, dass wir dem Standort Sachsen keinen Gefallen tun, wenn wir gebetsmühlenartig vom Fachkräftemangel sprechen. Denn was bleibt hängen? Weniger, dass die Wirtschaft brummt, und die Betriebe Bedarf an guten Leuten haben, sondern eher, dass in Sachsen irgendetwas nicht stimmt, da dort anscheinend keiner arbeiten will.

Können Sie diese These belegen?

Dreimal im Jahr befragen wir die Betriebe zur Konjunktur. Beim Risikoradar ist seit geraumer Zeit das wirtschaftliche Risiko Nummer eins der Fachkräftemangel. Mittlerweile sagt das jede zweite Firma. Also wollten wir es genauer wissen, und haben gefragt, woran sie das festmachen. Müssen Händler oder Dienstleister Öffnungszeiten reduzieren? Können Fertigstellungstermine nicht gehalten oder müssen Aufträge abgelehnt werden und so weiter? Das Ergebnis überraschte dann selbst uns: Mehr als 80 Prozent der Befragten führten als wichtigsten Beleg für einen herrschenden Fachkräftemangel den Rückgang an Bewerbungen an. Außerdem sagte nicht mal ein Fünftel, dass es Fachkräftemangel im eigenen Betrieb gäbe. Ein Drittel meinte, dass er in der Region herrsche, und mehr als jeder Zweite war der Meinung, überregional sei seine Branche betroffen. Das heißt, dort, wo man selber genauen Einblick hat, im eigenen Unternehmen, sieht man das Thema weit weniger dramatisch. Aber bei den anderen ist es sicher ganz schlimm.

Wie kommt diese Schieflage zustande?

Unter anderem, weil man es überall hört und liest und kaum noch hinterfragt. Dabei wirken nur ganz normale Marktmechanismen. 20 Jahre lang war das Angebot an Arbeitskräften größer als die Nachfrage – seit gut fünf Jahren wandelt sich das Verhältnis aus unterschiedlichen Gründen: Demografie, Wirtschaftswachstum. Wäre der Fachkräftemangel aber wirklich so desaströs, wie er seit Jahren prognostiziert wurde, müssten heute in vielen Betrieben längst die Lichter aus sein. Und zu den immer wieder gemeldeten Rekordbeschäftigungszahlen – auch in Sachsen – passt die Aussage vom Fachkräftemangel auch nicht.

Ist mehr gezielte Zuwanderung nötig?

Alle haben die große weite Welt im Blick, reden von der Notwendigkeit eines Zuwanderungsgesetzes und zu hohen bürokratischen Hürden – dabei funktioniert die Zuwanderung von Fachkräften schon jetzt besser als gedacht. Die jüngsten Zahlen konnte ich erst nicht glauben. Sie stimmen aber. Jeder zweite sozialversicherungspflichtige Job, der zwischen 2015 und 2016 im Osten neu entstanden ist, ging an Ausländer – über alle Branchen und Qualifikationen hinweg. Die meisten kommen aus Polen, Tschechien und anderen EU-Staaten. Ein Trend, der anhalten dürfte.

Unternehmen klagen auch über die schlechte Schulbildung ihrer Bewerber.

Auch hier warne ich vor Pauschalurteilen. Gerade bei Schulabgängern gibt es ohne Zweifel fachliche Defizite. Dass es damit aber unaufhaltsam schlechter würde, dafür gibt es keinen Beleg. Die Betriebe haben relativ wenig Probleme, Akademiker zu finden. Bei Facharbeitern, Technikern oder Meistern ist es aber oft schwierig. Immer weniger junge Leute wollen die klassische Ausbildung machen, um die uns die ganze Welt beneidet. Obwohl das vernünftig wäre, weil es den Anforderungen und Chancen am Arbeitsmarkt entspricht. Natürlich wollen Eltern für ihre Kinder die beste Bildung. Aber der Akademisierungswahn passt schlicht und einfach nicht zu unserer Wirtschaftsstruktur.

Hat die Ausbildung ein Imageproblem?

Ja, leider. Wir müssen uns sehr anstrengen, sie besser zu vermarkten, denn attraktiv ist sie. Eine Ausbildung ist keine Karrieresackgasse. Im Gegenteil, nach einer Ausbildung stehen einem viele Wege offen. Man ist früh fertig, verdient schnell eigenes Geld, hat super Chancen auf dem Arbeitsmarkt und kann sich später gut weiterbilden. Die meisten Unternehmen und die IHK selbst sind übrigens auch dafür, dass Kinder nicht schon nach vier Jahren Grundschule getrennt werden. Aber mit dieser Forderung kann sich im Freistaat derzeit keiner gegen die Regierung durchsetzen.

Stimmen Sie zu, dass die Städte und Dörfer bei der Entwicklung zu attraktiven Standorten vieles richtig machen?

Definitiv. Dresden, die Sächsische Schweiz, das Osterzgebirge, das gesamte Elbtal und viele attraktive Ecken in Ostsachsen – da soll erst mal jemand etwas Vergleichbares präsentieren. Die Kommunen sanieren Schulen, bauen Kitas, reparieren Rad- und Wanderwege und weisen in ihren Planungen genügend Bauland aus. Wenn es dann noch mit schnellem Internet klappen würde, sind das zusammen mit der guten Infrastruktur, einer wunderschönen und abwechslungsreichen Natur, einer reichen Tradition und viel Kultur genau die Dinge, die Rückkehrer hierher locken.

Das Gespräch führte Franz Werfel.