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Samstag, 25.11.2017 Perspektiven

Es geht nur miteinander

Nationalismus raus aus den Köpfen: eine Replik auf Bert Pampels einwanderungs-kritischen SZ-Essay „Von Weimar nach Dresden“.

Von Michael Kobel

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Für viele Erwachsene ein Problem, für die meisten Kinder nicht: gemeinsames Lernen im Rahmen des Projekts „Musaik“ in Dresden-Prohlis.
Für viele Erwachsene ein Problem, für die meisten Kinder nicht: gemeinsames Lernen im Rahmen des Projekts „Musaik“ in Dresden-Prohlis.

© dpa

Unter dem Titel „Von Weimar nach Dresden“ hat der stellvertretende Geschäftsführer der Stiftung Sächsische Gedenkstätten, Dr. Bert Pampel, sich vor einer Woche in der SZ an einer Analyse des Nährbodens des Populismus und der Gefahren für unsere Demokratie versucht. Sein Artikel gipfelt in Sätzen wie „Die größte Gefahr droht der Demokratie nicht von der AfD, sondern von einem ,Weiter so‘, das früher oder später in gesellschaftliche Desintegration, Staatskollaps und Unregierbarkeit… münden könnte“. Und: „Gefahr droht durch die weitere Einwanderung von Millionen Menschen, die weder unsere Sprache sprechen noch unsere kulturellen, religiösen und politischen Überzeugungen teilen.“

Diese Sätze von jemandem, der sich angeblich dem Gedenken an unsere Geschichte verschrieben hat, haben mich zutiefst erschüttert. Sind wir denn immer noch das „Land, das nicht versteht, dass ‚fremd‘ kein Wort für ‚feindlich‘ ist“, wie es die Toten Hosen schon vor 25 Jahren sangen? Oder sind wir gar schon wieder das Land, in dem „Deutsch sein“ zum Wert an sich erhoben wird?

Man könnte es fast meinen, liest man, was ich letzte Woche auf meinen Tweet „Ich investiere jede freie Minute in die Begleitung Geflüchteter und helfe auch Einheimischen bei der Ausbildung. Für mich zählt der Mensch, nicht die Herkunft“ entgegengeschleudert bekam: „Sie sind kein Deutscher!!!“

Schade, wenn man seine Identität nur daraus beziehen können soll, in welchem Land man auf die Welt kam, und nicht daraus, dass man ein Mensch ist. Ein Einzelfall? In Dialogen auf Twitter und persönlich treffe ich immer mehr Bürgerinnen und Bürger, für die „Deutsch-Sein“ ein wichtiges Kriterium für ihre Rolle in der Gesellschaft geworden ist. Zu untersuchen, wie es (wieder) soweit kommen konnte und was man dagegen unternehmen könnte, wäre ein lohnendes Thema für einen Politikwissenschaftler gewesen. Stattdessen übernimmt Dr. Pampel kritiklos Narrative der extremen Rechten, von „Staatsversagen“ bis „Entscheidungen… zur Einwanderung, bei denen die Politik Recht überdehnt, wenn nicht gar gebrochen hat“. Obwohl doch gerade der Europäische Gerichtshof feststellte, dass Kanzlerin Merkels humanitäres Handeln „im Geiste der Solidarität“ erlaubt war.

Unser Land ist eine Gemeinschaft von Menschen verschiedener Herkunft. Mit sehr viel Bedacht und im Blick auf die Erfahrungen der Geschichte spricht unser Grundgesetz in Artikel 1 daher nicht von den Deutschen, sondern von der unantastbaren Würde des Menschen und bekennt sich „zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft“ und in Artikel 3 zur Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz.

Die letzten 70 Jahre unseres Landes sind eine beispiellose Erfolgsgeschichte. Aus einem Staat, der weltweit als die Verkörperung des Schreckens galt, in dem für zwölf Jahre die Zivilisation außer Kraft gesetzt wurde, ist eines der angesehensten Länder der Erde geworden. Warum freuen wir uns nicht darüber, dass Menschen aus der ganzen Welt zu uns kommen möchten? Natürlich können wir nicht die ganze Welt aufnehmen, aber bei 180 000 Ausländern unter 4,1 Millionen Sachsen muss sich doch niemand „fremd im eigenen Land“ vorkommen.

Trotzdem spazieren jeden Montag Bürger durch Dresden. Trotzdem wählen über ein Viertel der Sachsen die AfD. Trotzdem meint Dr. Pampel, dass „Gefahr droht, wenn legitime politische Überzeugungen und Meinungsäußerungen als rassistisch, fremdenfeindlich oder „fake news … ausgegrenzt werden“, statt im Gedenken an unsere Geschichte zu diskutieren, ab wann Meinungsäußerungen eben nicht mehr legitim, sondern rassistisch sind. Dass die Meinungsfreiheit „kein Freifahrtschein für rassistische Diffamierungen und Parolen“ ist, hat jüngst Dr. Hendrik Cremer vom Deutschen Institut für Menschenrechte eindrucksvoll dargelegt. Glücklicherweise gibt es (erfreulicherweise meist junge) Demonstrantinnen und Demonstranten, die nicht gleichgültig bleiben, „Nationalismus raus aus den Köpfen“ bekommen wollen und jeden Montag unermüdlich für „Menschlichkeit in Gesellschaft und Politik“ auf der Straße stehen.

Warum sieht Bert Pampel eine Gefahr, wenn es in einer Gesellschaft unterschiedliche „kulturelle, religiöse und politische Überzeugungen“ gibt? Kann man nicht ein „Miteinander in Vielfalt“ gestalten? Das gleichnamige Leitbild einer Expertenkommission der Friedrich Ebert Stiftung lässt sich in fünf Sätzen zusammenfassen: Einwanderung ist Normalität. Vielfalt ist eine Tatsache. Gerechte Gesellschaft bedeutet, dass alle teilhaben können. Diskriminierung verhindert Teilhabe. Gemeinsamkeiten entstehen im Zusammenleben.

Nicht minder lesenswert sind die 15 Thesen der Initiative „Kulturelle Integration“ vom Mai dieses Jahres, erarbeitet von einem beeindruckend breiten Bündnis von Vertretern aus der Zivilgesellschaft, der Sozialpartner, der Kirchen und Religionsgemeinschaften, der Medien, der Bundesregierung, der Länder und der Kommunen. Sie kommen zu dem Schluss: Kulturelle Vielfalt ist eine Stärke. Es wäre wichtig, dass nicht nur diese Initiative, sondern wir alle zu diesem Schluss kommen würden. Dazu müssten wir miteinander reden, über jede einzelne dieser 15 Thesen, vielleicht in einer Serie in dieser Zeitung. Und wir müssen Begegnungen schaffen. „Dass Fremde eine Bereicherung sein können, muss man Menschen selbst entdecken lassen“, hat der Dresdner Oberbürgermeister Dirk Hilbert im Mai gesagt.

Der französische Philosoph Stéphane Hessel wurde in Berlin geboren, war aktiv in der Résistance gegen die Nazis und Mitverfasser der UN Deklaration der Menschenrechte, die er bis zu seinem Tod vor vier Jahren immer bei sich trug. Er, der das Ende der Zivilisation in Buchenwald miterlebt und überlebt hat, schrieb: „Es gibt kulturelle Unterschiede, aber keine zivilisatorischen. Wenn wir in Gesellschaften leben, ... dann bedeutet es, dass jedes Individuum dieselben fundamentalen Rechte hat. Sie bedeuten zugleich, dass man miteinander leben kann, dass man sich gegenseitig respektiert, dass man Verantwortung für den anderen hat – das ist Zivilisation.“

Er hat es auf drei Punkte gebracht, die eben nicht einheitliche „kulturelle, religiöse und politischen Überzeugungen“ sind, sondern stattdessen: Miteinander, Respekt und Verantwortung. Wenn wir dieses Vermächtnis von Stephane Hessel leben, der vor einem Monat 100 Jahre alt geworden wäre, dann braucht niemand besorgt zu sein.

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Miteinander, Respekt und Verantwortung, das sind keine einseitigen Überzeugungen, sie sind auf ein Gegenüber, ein „Füreinander“ gerichtet. Integration ist daher keine Bringschuld der neu Zugewanderten, sie ist ein beidseitiger, langwieriger Prozess. Zuwanderung verändert eine Gesellschaft, erfordert Offenheit und Toleranz. Vielleicht ist es das, was uns fehlt: das Bewusstsein, dass nicht ein abstrakter Staat für uns zu sorgen hat, sondern dass am Ende die Zivilgesellschaft ein verantwortungsvolles Miteinander in Respekt und Vielfalt leben muss. Nur wenn man respektvoll um Positionen ringt, können am Ende gemeinsame Ziele gefunden werden.

Natürlich ist das alles kein Selbstläufer, natürlich gibt es dabei Herausforderungen, die wir offen und kritisch analysieren müssen, nicht schön reden, Probleme nicht verschweigen, aber auch nicht in Angst erstarren, sondern sie gemeinsam anpacken und lösen. Dabei aufbauen auf verlässliche Analysen der Situation, wie der IAB-BAMF-SOEP-Großstudie über Geflüchtete vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung Berlin, und nicht auf herbeigeredete Gefahren, wie es der Artikel von Dr. Pampel in ganz unverantwortlicher Weise tut. Doch! Eine Partei, die Angstmache zum Prinzip erhebt und den verunsicherten Menschen das „Deutsch-Sein“ als Wert vorgaukelt, das ist die eigentliche Gefahr für unsere Demokratie!

Lasst uns mehr sein als nur deutsch. Lasst uns menschlich sein und es auch bleiben! Ich spreche aus eigenen guten Erfahrungen in meiner täglichen ehrenamtlichen Arbeit mit Geflüchteten und ich bleibe optimistisch, dass uns dies auch gelingen wird.

Unser Autor: Michael Kobel (56) ist Teilchenphysiker. Er lehrt und forscht seit 2006 als Professor an der Technischen Universität Dresden und engagiert sich ehrenamtlich in der Bürgerinitiative „Willkommen in Löbtau“ für die Integration Geflüchteter.

Unter dem Titel Perspektiven veröffentlicht die SZ kontroverse Texte, die zur Diskussion anregen sollen.

Anmerkung der Redaktion: Dieser Artikel wurde am 25.11.2017 um 21.45 Uhr aktualisiert. In einer ersten Version fehlten aufgrund eines Versehens Passagen des bei uns veröffentlichten Textes von Professor Kobel.

Leser-Kommentare

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Insgesamt 38 Kommentare

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  1. Stefan

    Sehr gute Reaktion auf die Meinungsäußerung von Dr. Bert Pampel. Dank an die SZ für die Veröffentlichung.

  2. sbdk

    Werter Autor, es ist erstaunlich traurig dass Sie die einfachsten Dinge nicht verstehen. Somit ist Ihre Qualifikation als Teilchenphysiker für dieses Thema völlig irrelevant. Kaum jemand der Sachsen hat etwas gegen Zuwanderung. Viele jedoch haben etwas gegen unkontrollierte Massenzuwanderung direkt ins Sozialsystem. Qualifizierte und integrationswillige Zuwanderer sind auch bei den Wählern der stärksten Kraft in Sachsen willkommen. Ja, diese netten jungen Menschen die jeden Montag nicht gleichgültig bleiben und "Es lebe der Verrat an Vaterland und Staat" oder "No Border no Nation..." schreien aber deren Elternhaus garantiert eine dicke Tür und einen Zaun aufweist. Solche Doppelmoral zu durchschauen bedarf es kein Studium.

  3. Jens

    "Kulturelle Vielfalt ist eine Stärke." Sicher, solange sie räumlich getrennt existiert. Ich möchte keine "Steinigung" in meinem Land, oder einen Nachbarn, der seine Frau "aus religiösen Gründen" einsperren darf. -- Lieber Herr Prof. Kobel, ich wünschte mir, dass Sie, bevor Sie solche gut-klingenden Sätze hinausposaunen/wiederholen, zuerst einmal nachdenken, was das wirklich bedeutet! Zeigen Sie mir ein Land in der Welt, wo Multi-Kulti wirklich (!) funktioniert, und ich nehme sofort alles zurück. Bitte etwas mehr Realismus und weniger Wunschdenken. Leetzteres hat diesem Land noch nie gut getan. Und da werden Sie mir sicher zustimmen.

  4. Kopf hoch

    Ob ein Land ein Einwanderungsland sein will, entscheidet das Land mit entsprechenden Mehrheiten und nicht Expertenkommisionen, selbsternannte Wichtigtuer Kirchen oder gar Medien. Und wenn hierzu eine demokratische Mehrheit zustande gekommen ist, wird in einem zweiten Schritt über das "Wer" abgestimmt. Selbst wenn dieser Prozeß abgeschlossen ist, wird es Stastsangehörige geben, die eine gegenteilige Meinung haben. Diese werden ihre Meinung kund tun, und genau so soll es sein. Im obigen Pamphlet wird der Meinungseinfalt das Wort geredet. Dies ist demokratiefeindlich und erinnert an zeiten in Deutschland, welche überwunden sein sollten. Offensichtlich aber nicht, manche Zeitgenossen glauben immer noch an die Zwangsbeglückung.

  5. Dresdner45

    Der Autor geht am Kernproblem vorbei. Die meisten Sachsen, haben NICHTS gegen Fremde. Ansonsten kämen wir mit unseren Nachbarn wie Tschechien und Polen nicht klar. Menschen in einer wirklichen Not wird auch geholfen. Viele haben aber Probleme, wenn Minderjährige hier ankommen, und dann ihre gesamte Familie nachholen dürfen. Die Kinder werden in Deutschland der Familie zugeführt und nicht umgedreht. Die Politik sollte sich ganz schnell um die Probleme der hier lebenden Menschen kümmern und nicht um die, welche mit unserer Kultur nichts zu tun haben. Frau Merkel, wann wollen sie sich eigentlich um die Innenpolitik kümmern???

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