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Dienstag, 29.03.2016

Erstmals weniger Tageseltern in Sachsen

Immer mehr selbstständige Kinderbetreuer geben auf. Die geringe Bezahlung ist nur ein Grund dafür.

Von Stephanie Wesely

Eine Tagesmutter unterwegs mit ihren Kindern.
Eine Tagesmutter unterwegs mit ihren Kindern.

© dpa

Dresden. Kleine Gruppen, individuelle Betreuung: Viele Eltern in Sachsen geben ihre Kinder lieber in Tagespflegestellen statt in Kindertagesstätten. Doch das dürfte in Zukunft schwieriger werden: „Das Angebot wird im Freistaat wohl nicht weiter ausgebaut“, sagt Simone Kühnert, Projektkoordinatorin für Kindertagespflege in Sachsen.

Vergangenes Jahr ist die Zahl der geförderten Tagespflegestellen erstmals gesunken. Insgesamt 1 718 Tageseltern, darunter 112 Tagesväter kümmerten sich um 7 560 Mädchen und Jungen unter drei Jahren. 50 Tageseltern gaben ihre Pflegestelle auf oder wechselten in Kindertagesstätten – nicht zuletzt wegen der Bezahlung, sagt Kühnert. „Tageseltern arbeiten selbstständig und verdienen im Schnitt 500 Euro pro Kind und Monat.“ Es gebe zwar Zuschüsse zu Versicherungen und für die Ausstattung. Trotzdem müssten die Betreuer vieles aus eigener Tasche bezahlen. „Das Einkommen ist damit zu gering und wird möglicherweise in die Altersarmut führen“, so Kühnert.

Hoffnung können die Betroffenen aus einem aktuellen Urteil des Verwaltungsgerichts Dresden schöpfen. Ein Tagesvater hatte die Stadt Dresden wegen zu geringer Zuschüsse verklagt. Nach Ansicht der Richter konnte die Landeshauptstadt nicht hinreichend plausibel aufzeigen, dass die Höhe der gezahlten Geldleistungen angemessen ist. Die Stadt muss nun neu über die Geldleistung entscheiden. Die Bezahlung von Tageseltern wird auch Thema beim Sächsischen Städte- und Gemeindetag sein.

Daneben gibt es noch einen weiteren Grund für den Rückgang in der Kindertagespflege: Seit August 2013 haben Eltern ab dem ersten Lebensjahr ihres Kindes einen Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz. Das Angebot ist seitdem kontinuierlich gewachsen. In dieser Zeit entstanden im Freistaat etwa 80 neue Kindertagesstätten, so das Kultusministerium. Die Zahl der Kindereinrichtungen stieg damit in Sachsen bis Ende 2015 auf 2 894.

Simone Kühnert sieht darin keine direkte Konkurrenz. „Eine Kindertagespflegestelle hat ein familiäres Profil. Eine Betreuungsperson in Sachsen kümmert sich im Schnitt um 4,4 Kinder.“ Sachsen ist das einzige Bundesland, das einheitliche Qualitätskriterien für die Bildung und Erziehung von unter Dreijährigen festgelegt hat. 88,2 Prozent der Tagesmütter in Sachsen haben das 160 Stunden umfassende Curriculum des Deutschen Jugendinstituts abgeschlossen, deutschlandweit sind es 45 Prozent. Mit der Erzieherausbildung kann das Curriculum aber nicht mithalten: Erzieher studieren drei Jahre, Tagesmutter oder -vater wird man in etwa zehn Wochen.

Den Fall einer Tagesmutter erzählt der Artikel „Allein mit der Tagesmutter“ auf Leben & Stil