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Montag, 09.06.2008

Ernestos tödlicher Irrtum

Er kam aus Mosambik und wollte in Südafrika ein besseres Leben finden. Doch plötzlich jagte ihn der Mob. Protokoll einer Menschenverbrennung.

Von Arne Perras

Am Nachmittag des 18. Mai jagt ein Rettungswagen von Ramaphosa nach Germiston, östlich von Johannesburg. Im Heck liegt ein Schwerverletzter. Der Notarzt hat ihn als „P 1“ eingestuft, höchste Dringlichkeit. Um 17.40 Uhr erreicht die Ambulanz das Tambo Memorial Hospital. Doch es ist schon zu spät. „Unknown black male“ steht in der Aufnahmeliste des Krankenhauses. Unbekannter schwarzer Mann. Patientennummer 1391986. Kommentar: „Angriff, Verbrennungen“. Und am Ende, kaum noch leserlich: „Gestorben in der Notaufnahme.“

Es ist ein Sonntag. Ein Tag der Schande für Südafrika. Mehrere Armenviertel stehen in Flammen, der Mob jagt Ausländer, Menschen aus Mosambik, Simbabwe, Malawi. Tausende fliehen, sie suchen Schutz in den Kirchen.

Neun Tage später hat Ntombentle Kunene zum ersten Mal dienstfrei. Die Polizistin möchte schlafen, lange und tief. Aber es geht nicht. Jede Nacht schreckt sie hoch, wird heimgesucht von diesem Bild: Sie sieht den brennenden Mann vor sich, er kniet am Boden und schwankt hin und her. Sie hat Angst vor dem Feuer, aber sie versucht es zu löschen. Sie tut alles, um ihn zu retten. Und doch wird der Mann eine Stunde später sterben. „Es geht mir nicht gut“, sagt sie. „Immer dieses Bild.“

Tambo Memorial Hospital, Station Drei, Zimmer D: Francisco Kanzo sitzt auf seinem Bett und starrt aus dem Fenster. Der linke Arm des Mannes ist eingegipst, auf dem Kopf hat er zwei über Kreuz laufende Schnittwunden. Hiebe von Macheten. Aber Kanzo hat überlebt. Er ist der Schwager des Toten. Er hat alles gesehen.

Ein Bild rast um die Welt

Der Klinikdirektor verbietet dem Reporter, mit dem Verletzten zu sprechen. Nicht aus medizinischen Gründen, wie er sagt, sondern „weil das politisch ist“. Order von oben. Südafrika möchte diesen monströsen Mordfall gerne klein halten. Er ist so schlecht für den Ruf. Gerade jetzt, da sich das Land darauf vorbereitet, die ganze Welt zu empfangen, 2010 bei der Fußball-WM. Kanzo, der Schwager, wird später dennoch reden. Er möchte es so.

Es dauert eine Woche, bis der Name des Verbrannten bekannt wird. Doch das Bild des Mannes, den der Mob angezündet hat, das rast noch am Tag der Tat um die Welt. Fünf Fotografen haben an jenem Sonntag Bilder von dem Opfer gemacht. In Südafrika nennen sie den Sterbenden „flaming man“. Die Zeitungen drucken die Fotos Tag für Tag, als müssten sie die Nation ständig aufs Neue wachrütteln, wie es um Südafrika steht. „Mob Nation“, titeln Mail und Guardian am 23. Mai.

Unbekannter schwarzer Mann: Ernesto Alphabeto Nhamwavane. 35 Jahre, verheiratet, drei Kinder. Geboren und aufgewachsen in Mosambik. Beruf: Maurer. Im Jahr 2006 kommt er das erste Mal nach Südafrika, auf der Suche nach Arbeit. Ein Jahr später reist er das erste Mal nach Hause. Im Februar 2008 kommt er wieder. Er ist gerne hier. Er glaubt an das Gute in Südafrika. Das Land bietet so viele Möglichkeiten für Männer wie ihn.

Ernesto Nhamwavane arbeitet bei einem Unternehmer namens Yanni, der Häuser in der Stadt baut. Er verdient nicht viel, aber genug, um etwas Geld nach Hause zu schicken, für seine Frau und die Kinder. Sie sind glücklich, dass er Arbeit hat in Südafrika. Der Mosambikaner wohnt mit seinem Schwager Francisco in Ramaphosa zur Miete, drei mal drei Meter misst die Hütte. Sie hat keine Fenster. Viele Ausländer wohnen hier, jeder zweite Bewohner kommt aus einem afrikanischen Land jenseits der Grenze.

Ernesto verlässt jeden Morgen zeitig seine Hütte, am Abend kehrt er müde zurück. Er macht sich Essen, er wäscht seine Wäsche. Dann schläft er. „Er war ein zufriedener Mann“, sagt der Schwager. Von der Hütte sind es zu Fuß vielleicht acht Minuten bis zum Tatort. Ein staubiger Platz neben der Hauptstraße. Vier Tage nach dem Mord pfeift ein eisiger Wind durch die Siedlung, es ist Winter am Kap, der Platz ist leer. Aber Spuren der Tat sind noch zu finden: Ein weiß gefärbter Fleck auf der Erde markiert die Stelle, Pulver aus dem Feuerlöscher. Eine karierte Bettdecke liegt im Staub, halb verbrannt. Ein loser Randstein, blutverklebt. Zwei Betonklötze. Und zwei weiße Turnschuhe aus Leinen, die dem Toten gehören. Die Sanitäter müssen sie ihm ausgezogen haben, bevor sie ihn in die Ambulanz trugen.

Häuser brennen, Leute fliehen

Die Gewalt in Südafrika beginnt am 11. Mai, im Township Alexandra. Ein Mob attackiert afrikanische Ausländer, mindestens zwei Menschen sterben. Der Funke springt über auf andere Gebiete in und um Johannesburg. Diepsloot, Cleveland, Primrose, Tembisa, Hillbrow. Die Polizei kämpft, um die Gewalt einzudämmen. Der Präsident schweigt. Erst eine Woche später verurteilt er erstmals die Gewalt. Danach reist er nach Tansania zu einer Konferenz.

Am Freitag schwillt der Zorn in Ramaphosa bereits an. Einige Bewohner werden später sagen, dass das mit einem Mord an diesem Tag zu tun gehabt habe. Ein Südafrikaner sei getötet worden. Von Ausländern. Der Polizeichef sagt, den ersten Mord habe es am Sonnabend um zwei Uhr früh gegeben. Das Opfer war demnach ein Einheimischer, sechs Verdächtige seien festgenommen worden – alle Südafrikaner, keine Ausländer. Doch in Ramaphosa macht eine andere Geschichte die Runde: Es waren die Fremden, sagen die Leute.

Am Sonntag steht Ramaphosa in Flammen. Dutzende Häuser brennen nieder, Menschen fliehen. Es hagelt Steine auf Polizei und Feuerwehr. Der Einsatzleiter teilt die Siedlung in Sektoren auf. Es gibt Polizeisektoren, Feuersektoren, medizinische Sektoren. Der Mob ist Herr über die Straßen. Rasende Männer, bewaffnet mit Macheten, Stöcken und Steinen. Der Mob wütet, bis ihn die Polizisten mit ihren Gummigeschossen auseinander sprengen. Dann hüpfen die Schläger über die Zäune oder flüchten zwischen die Häuser. „Es ist schwer, den Mob zu kontrollieren“, sagt Inspektorin Sasa Lengene. „Du sprengst ihn auseinander, aber Minuten später rottet er sich woanders wieder zusammen.“ Wie eine Kugel Quecksilber aus einem zerschlagenen Fieberthermometer. Sie ist nicht zu fassen. Tippt man sie an, zerspringt sie in viele Tröpfchen, die in alle Richtungen rollen.

Sonntagnachmittag, zwischen drei und vier: Ernesto kommt von der Arbeit. Am Taxistand von Ramaphosa trifft er auf seinen Schwager, der große Angst hat. Er will gleich weg, aber Ernesto sagt, dass sie noch ein paar Sachen packen sollten. Also gehen sie zur Hütte und packen. Nur das Wichtigste nehmen sie mit, eine Decke, Kleidung. Alles kommt in einen Plastiksack, den Ernesto schultert. Hier lang, sagt die Nachbarin. Sie ist Ernestos Freundin. Die beiden Männer sollten zwischen den Häusern durchschleichen, rät sie. Das sei sicherer. Aber sie entscheiden sich anders, sie nehmen den Weg hinunter zur Hauptstraße.

Steine, Stöcke, Macheten

Vielleicht hätten sie es sonst ja geschafft. Und Ernestos Cousin Joseph würde eine Woche danach nicht vor der Leichenhalle von Germiston stehen. Er trägt einen grünen Anorak und weiße Sandalen. Ihm ist kalt. Er möchte an diesem Montag den Toten sehen. Niemand hat ihn bisher identifiziert. Joseph wartet zwei Stunden. Dann heißt es, die Leiche sei nicht hier, er müsse ins Hospital. Dort ist der Tote aber auch nicht. Joseph fährt zurück zur Leichenhalle. Er wartet bis zum späten Nachmittag. Dann darf er hinein. „Ich habe ihn nur noch am großen Zeh erkannt“, sagt Joseph, als er wieder herauskommt. Die großen Zehen in seiner Familie hätten eine seltsame Form. Unverwechselbar. „Sie sind besonders breit.“ Joseph und Ernesto sind zusammen aufgewachsen in ihrem Fischerdorf in Mosambik. „Ernesto war ein friedlicher Mensch“, sagt Joseph. Er sieht ihn noch vor sich, wie er als Junge immer Sandburgen am Strand gebaut hat. Der Maurerberuf, sagt er, sei genau richtig für ihn gewesen.

Sonntag, 18. Mai, 16.30 Uhr: Gleich werden Ernesto und sein Schwager die Hauptstraße erreichen. Sie sind jetzt froh, endlich herauszukommen aus Ramaphosa. Da sehen sie den Mob. Und der Mob sieht sie. Die Männer aus Mosambik sind bekannt im Ort, die Horde hat sie schnell umzingelt. Die Angreifer schlagen los, mit Steinen, Stöcken, Macheten. Die beiden werden getrennt, etwa 15 Meter sind sie auseinander, als sie zu Boden gehen. Kanzo bekommt zwei Machetenhiebe auf den Kopf. Er liegt am Boden. „Ich habe so getan, als sei ich tot“, sagt er. Die Männer lassen von ihm ab.

Dann sieht er seinen Schwager Ernesto: Sie schlagen ihm Steine auf den Kopf. Sie wickeln die Decke um seinen Körper und zünden ihn an. Sie tragen brennende Holzscheite herbei und packen noch eine Matratze auf seinen Rücken. Die Flammen lodern, Kanzo rührt sich nicht. „Ich dachte, gleich kommen sie und zünden auch mich an.“

Mehrere Minuten gebrannt

Oben an der Ampel, fünfhundert Meter vom Tatort entfernt, wacht die Polizei, auch fünf Fotografen sind am Ort. Eine Frau kommt gelaufen und schreit, dass sie unten Mosambikaner verbrennen. Polizisten und Fotografen stürmen die Straße hinunter. Als Simphiwe Nkwali erstmals auf den Auslöser seiner Kamera drückt, ist es 16.40Uhr. Da muss der Mann schon mehrere Minuten gebrannt haben. Polizisten rennen auf ihn zu, unter ihnen ist auch Inspektorin Kunene. Ernesto ist auf den Knien, die Stirn voller Blut, die Flammen umschließen seinen Körper. Er versucht aufzustehen, aber es gelingt ihm nicht. Die Polizistin packt das hintere Ende der brennenden Decke und zieht sie herunter. Sie versucht, mit ihm zu sprechen. Aber er gibt keinen Laut von sich. Dann kommt der Kollege mit dem Feuerlöscher. Um 16.41 Uhr sind die Flammen erstickt. Eingehüllt in weißen Staub kniet der Mann auf dem Boden und schwankt. Die Polizei hat die Ambulanz angefordert. Sanitäter stabilisieren den Schwerverletzten in ihrem Wagen, sie tragen Gel auf die Brandwunden auf, um den Flüssigkeitsverlust des Körpers zu mindern. Dann laden sie auch den Schwager ein und jagen davon.

Der Präsident im Sessel

Eine Woche später hält Südafrikas Präsident Thabo Mbeki im Fernsehen seine erste Rede zu den Attacken. Er sitzt steif in einem Ohrensessel aus rotem Plüsch, er doziert über die Gewalt und die Schande, die Kriminelle über sein Land gebracht haben. 56 Menschen sind bei der Hatz gestorben. Zehntausende Ausländer mussten fliehen. Von den Brennpunkten besucht Mbeki keinen einzigen.

In Ramaphosa sind nach der Tat viele Stimmen zu vernehmen. Menschen, die froh sind, dass die Ausländer verjagt wurden. Menschen, die das Morden bedauern. Nur Trauernde findet man nicht. Das Leben geht weiter, als sei nicht viel geschehen. Dort, wo vorher die Hütten der Fremden standen, zimmern nun Südafrikaner ihre Häuser zusammen.

Der Leichnam von Ernesto Alphabeto Nhamwavane wird nun seine letzte Reise antreten. Die Kosten trägt der Staat Mosambik. Der Cousin Joseph begleitet den Toten in seine Heimat Nyambane, 500 Kilometer nördlich von Maputo. Die Familie weiß, dass Ernesto gestorben ist. Aber wie, das will Joseph ihnen nicht am Telefon sagen. Er möchte warten, bis er angekommen ist. Wenn sie den Toten zu Grabe tragen, werden sie Krüge voll Wasser aus dem Ozean schöpfen. Die Verwandten benetzen damit Hände und Gesicht. Sie vertrauen auf die Kraft des Meeres. Nie mehr soll ein Bruder oder eine Schwester der Familie im Feuer sterben.