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Montag, 23.10.2017

Erich-Kästner-Preis für Gerhard Ehninger

Der Mediziner Gerhard Ehninger erhält den Erich-Kästner-Preis. Auch weil er stets klare Worte findet. Und damit aneckt.

Gerhard Ehninger hält den Erich-Kästner-Preis in den Händen. Der Mediziner ist der 22. Preisträger. Damit ehrt der Presseclub Dresden seine Arbeit in Willkommensinitiativen, für Toleranz und Respekt. Die Verleihung fand im Schloss Albrechtsberg statt.
Gerhard Ehninger hält den Erich-Kästner-Preis in den Händen. Der Mediziner ist der 22. Preisträger. Damit ehrt der Presseclub Dresden seine Arbeit in Willkommensinitiativen, für Toleranz und Respekt. Die Verleihung fand im Schloss Albrechtsberg statt.

© Sven Ellger

Manch einem im Saal von Schloss Albrechtsberg mag unwohl geworden sein. Nicht weil die Stühle drückten. Oder weil das gleißende Licht der Herbstsonne allzu hell durch die großen Scheiben geblendet hat. Es waren die Worte. „Unsere Zeit braucht Macher, keine Nach-Macher. Wir brauchen Erklärer und keine Schreier.“ Worte, die aufwühlten, die trafen, die nachdenklich machten. Die mahnten. Einer „Standpauke“ gleich. So zumindest hat sie der designierte Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) empfunden.

Gesagt hat sie Gerhard Ehninger, Mediziner am Universitätsklinikum Dresden. Am Sonntag hat er den Erich-Kästner-Preis des Dresdner Presseclubs bekommen. Damit werden seit 1994 Persönlichkeiten geehrt, die sich um Toleranz, Humanität und Völkerverständigung verdient gemacht haben. Iris Berben, Kurt Biedenkopf, Peter Maffay und Rupert Neudeck haben die Auszeichnung bereits erhalten.

Nun steht ein Mediziner auf dem Podium. „Einer, der in den vergangenen zwei Jahren ein wichtiges Zeichen gegen Pegida gesetzt hat“, sagt die Vorsitzende des Presseclubs Bettina Klemm. Der mit vielen Aktionen und dem Bündnis Dresden.Respekt immer wieder viele Akteure der Stadt zusammenbringt. Einer, der selbst finanzielle Risiken nicht scheute, als er im Januar 2015 die Dresdner zu einem riesigen Konzert auf den Neumarkt lud, um für Toleranz und Menschlichkeit zu demonstrieren.

Und einer, der sich nicht scheut, klare Worte zu finden, auch wenn er damit aneckt, sich Feinde macht. Nicht nur mit dem Inhalt seiner Worte. Manch einer stößt sich auch daran, wie er seine Kritik formuliert. „Anstatt auf die Forderungen von Pegida und Co. zu hören, sie zu diskutieren und auf sie einzugehen und sich, wie das auch in der größten Regierungspartei geschehen ist, mit Vertretern extrem rechter Parteien zu treffen, wäre es zukunftsfähiger, sich der zivilgesellschaftlichen Bewegung zuzuwenden, von ihr zu lernen“, sagt der 65-Jährige. Beifall brandet auf. Eine Diskussion über die Leitkultur brauche das Land nicht. Wieder Beifall. In der ersten Reihe sitzt Sebastian Krumbiegel, Sänger bei den Prinzen. Die beiden kennen sich seit 2015. Sie treten vehement gegen Rechts ein. Bei der Preisverleihung spricht und singt der Leipziger die Laudatio. Und ist beeindruckt vom Dresdner Mediziner. „Ich habe mich heute nicht getraut, so radikal zu reden wie er“, sagt Krumbiegel später. „Hoffentlich haben die Leute hier gut zugehört.“

Ehninger spricht von Politikern, die aus Angst um die Mehrheiten und aus Opportunismus heraus „falsch abgebogen“ sind. Von Politikern, die sich einerseits mit internationalen Firmen und Investitionen schmücken und andererseits den Bürgern versprechen, das Land verändere sich nicht. Ehninger nennt dieses Verhalten verlogen, konkrete Namen nennt er nicht. „Sachsen bleibt nicht Sachsen und Deutschland bleibt nicht Deutschland, wie wir es vor Jahren und Jahrzehnten gelernt haben“, sagt er. Die Ankunft der Flüchtlinge könne auch eine Chance sein, zum Beispiel für die Digitalisierung. „Warum gibt es nicht in allen Städten schnelle Internetverbindungen und digitale Lernorte, in denen Einheimische wie Neubürger in Sprache, Technik und Gesellschaftswissenschaften geschult werden?“, fragt er.

Es sind wohl Worte wie diese, die den Presseclub bewogen haben, Ehninger zum Preisträger zu machen. Der Mediziner nimmt kein Blatt vor den Mund. „Diese Klarheit ist notwendig. Drumherum reden hilft nicht“, sagt er. Ganz im Sinne des Namensgebers der Auszeichnung. „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“, hatte Erich Kästner einst gesagt.

Ob Gerhard Ehninger beim Schreiben der Rede gewusst hat, dass Kretschmer zu den über 150 Gästen der Preisverleihung gehört? Seine Worte lassen es offen. Eine Botschaft hat er dennoch. „Wenn ich die Gelegenheit bekäme, dem designierten neuen Ministerpräsidenten des Freistaates einen Rat zu geben, dann würde ich ihm sagen, dass eine Stärkung der inneren und äußeren Sicherheit, mehr Polizei und weniger Flüchtlinge, schnellere Abschiebungen, mehr Lehrer und Ärzte auf dem Land nicht ausreichen werden, um die Dinge wieder ins Lot zu bringen“, sagt er. Rassismus und Fremdenfeindlichkeit haben nicht Pegida und AfD in Sachsen erfunden. Die Wurzeln liegen länger zurück, die Politik habe bei Abgrenzung und Gegenstrategien versagt. Kretschmer wird Ehninger später die Hand schütteln. Sie wollen in Kontakt bleiben, so das Versprechen. Und noch etwas will der CDU-Mann loswerden: „Die Standpauke ist angekommen.“

Die Rede als Pdf lesen und zum Herunterladen.