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Freitag, 21.04.2017

Er kann’s nicht lassen

Sie nennen ihn das „Alpha-Alpha-Tier“ der CSU. Nun steht Horst Seehofer vor der Verlängerung seiner Amtszeit. Sein Führungsstil ist umstritten, seine Machtstellung unangefochten. Was treibt ihn an?

Von Christoph Trost und Marco Hadem

Horst Seehofer nach seiner Rede auf dem CSU-Parteitag in München am 4. November 2016.
Horst Seehofer nach seiner Rede auf dem CSU-Parteitag in München am 4. November 2016.

© dpa

München. Wie oft Horst Seehofer diese Geschichte nun schon erzählt hat: Wie er nach dem CSU-Landtagswahldesaster 2008 halbwegs plötzlich Parteichef und auch bayerischer Ministerpräsident wurde. CSU-Chef - ja, das war schon lange sein Traum. Aber Ministerpräsident? Da habe er der Landtagsfraktion damals angeboten: Wenn ihr euch auf einen einigt, dann soll der es machen - ich muss nicht. Der Lauf der Geschichte ist bekannt: Am Ende übernahm Seehofer beide Ämter.

In seiner nun fast neunjährigen Regierungszeit in Bayern hat Seehofer Triumphe erlebt und krachende Niederlagen. Mal stand er fast vor dem politischen Aus, dann regierte er Land und Partei wieder ziemlich unangefochten, so wie jetzt. Am kommenden Montag (24. April) nun will der inzwischen 67-Jährige verkünden, ob er im Herbst noch einmal als Parteichef und 2018 noch einmal als Ministerpräsident antreten will. Ernsthafte Zweifel, dass es so kommt, hat in der CSU keiner mehr.

Aber was treibt den Politiker Seehofer an, und was ist das für ein Mensch hinter der medialen Maske? Ist er ein Quertreiber und Dauer-Nörgler, ein gnadenloser Populist und Opportunist, wie ihn vor allem seine politischen Gegner sehen? Oder ist er ein Kümmerer, eine Art Volkstribun, ein Diener des Volkes, wie er sich selbst so gerne sieht? Kämpft er geradlinig für seine Ziele - oder ist er wankelmütig und beliebig, weil er sich im Grunde nur nach den Meinungsumfragen richtet? Geht es ihm um die Sache, um die Partei - oder doch nur um sich selbst, seinen künftigen Platz in den CSU-Geschichtsbüchern?

Schon jetzt blickt Seehofer auf vier Jahrzehnte Politik zurück: 1980 zog er in den Bundestag ein, 1992 wurde er Bundesgesundheitsminister. Nach der Wahlniederlage der Union 1998 gab der CSU-Politiker, nach langem Streit mit der CDU über die Gesundheitspolitik, zuerst die Zuständigkeit für die Sozialpolitik in der Unionsfraktion und dann den Vize-Fraktionsvorsitz ab. Ein Jahr vor der Bundestagswahl 2005 war Seehofer - wie er selbst einmal sagte - „politisch tot“. Doch er kam wieder: als Bundesagrarminister, durchgesetzt von Edmund Stoiber.

Sein Weg nach Bayern führte über eine weitere Niederlage: Auf dem Parteitag 2007, als es um das Erbe Edmund Stoibers ging, unterlag er im Kampf um den Parteivorsitz dem Niederbayern Erwin Huber. Erst ein Jahr später, nach der dramatischen CSU-Wahlniederlage mit dem Verlust der absoluten Mehrheit, schlug Seehofers große Stunde: Er wurde Parteichef (was er immer werden wollte) und Ministerpräsident (was bis dahin angeblich nie zu seiner Lebensplanung gehört hatte).

Seither durchlebte Seehofer Höhen und Tiefen. Die Rückeroberung der absoluten Mehrheit in Bayern 2013 war sein bislang größter Triumph. Doch schon bei der Europawahl ein Jahr später ließ eine missglückte Wahlkampfstrategie Seehofers die CSU wieder dramatisch absacken.

Inzwischen richtet Seehofer seine Politik nahezu vollständig am Willen der Bevölkerung aus - jedenfalls wie er diesen versteht. Die Mehrheit ist für die Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium? Seehofer setzt es durch, gegen hartnäckige und erbitterte Widerstände in seiner Fraktion. Die von ihm selbst ausgerufene „Koalition mit den Bürgern“ ist ihm wichtiger als die Zusammenarbeit mit seinen eigenen Leuten. Streit nimmt er in Kauf - wenn er nur bekommt, was er will.

Seehofer ist ein politischer Stratege alter Schule, ein Taktierer. Er selbst sieht sich gerne als Schachspieler, der immer ein paar Züge vorausdenken muss. Und wie macht er sich lustig über diejenigen, die sich ihm in den Weg stellen: „Kleinstrategen“, „Micky Mäuse“, „Leichtmatrosen“, „Kindergarten“ - so lästert und schimpft er auch über seine eigenen Leute, erst neulich wieder, vor laufenden Kameras.

Die Erfolge der CSU in vielen Sachfragen - vom Betreuungsgeld über die Mütterrente bis zur Pkw-Maut - schreibt Seehofer vor allem sich selbst auf die Fahnen. Dass er vor allem sich selbst in Berlin - und auch gegenüber CDU-Chefin und Kanzlerin Angela Merkel - für höchst durchsetzungsstark hält, daraus macht er keinen Hehl. Selbst seine Kritiker räumen allerdings ein, welch starke Stellung Seehofer in Berlin habe. Nur er könne CDU und Kanzlerin derzeit Paroli bieten.

Es gibt aber immer wieder auch die Situationen, fast zyklusartig, in denen Seehofer übers Ziel hinausschießt. Sogar viele in den eigenen Reihen glauben mittlerweile, dass er es mit seiner monatelangen Dauerkritik an Merkel im Streit um die Flüchtlingspolitik übertrieben hat. Dass der demonstrative Versöhnungsversuch Anfang Februar zu spät kam. Dass er auf der Gratwanderung zwischen Loyalität und Kritik diesmal ausgerutscht ist und damit der Union insgesamt geschadet hat. Dass auch die Parteibasis bei Seehofers Volten nicht mehr mitkommt.

Seehofer lässt derlei Kritik an sich abperlen. Er gilt vielen in seiner Partei als beratungsresistent, als Einzelgänger. Seine Kritiker werfen ihm einen fast absolutistischen, rücksichtlosen Regierungsstil vor. Irgendetwas zwischen patriarchalisch und diktatorisch, sagt ein CSU-Mann. Seehofer stört das nicht: Er verweist gerne auf seine Zustimmungswerte in der Bevölkerung. Und auch seine Kritiker räumen ein, wie gut Seehofer „draußen“ ankommt.

Tatsächlich hat Seehofer die CSU so auf sich selbst zugeschnitten, dass eine harmonische Nachfolgelösung derzeit ausgeschlossen scheint. Seehofer lenkt die CSU, wohin es ihm passt, sein Kabinett sowieso. Und wer ihm gefährlich werden könnte, den hält er auf Distanz, allen voran Finanzminister Markus Söder. Die „Schmutzelei“-Vorwürfe Seehofers gegen Söder sind im Langzeitgedächtnis der CSU eingebrannt.

Auch außenpolitisch macht er das, was er will: sich mehrfach mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin treffen, den umstrittenen ungarischen Regierungschef Viktor Orban umgarnen - kein Problem.

Aber warum will er jetzt noch einmal weitermachen, was treibt ihn? Gesundheitlich hatte er zuletzt ganz vereinzelt Schwächen gezeigt - was bei ihm immer besondere Aufmerksamkeit erregt, weil er vor Jahren einmal an einer lebensgefährlichen Herzmuskelentzündung erkrankt war. „Ich weiß, dass ich fit bin“, stellte er zuletzt entschieden klar.

Seine eigene Eitelkeit treibe ihn, heißt es in der CSU - und die Überzeugung, dass die CSU mit ihm an der Spitze am besten bei den kommenden Wahlen abschneiden dürfte. Nicht dass Seehofer am Ende als derjenige in die CSU-Geschichte eingeht, der die absolute Mehrheit in Bayern zwar zurückerobert, dann aber selbst wieder verspielt hat.

„Es gibt ein Leben nach der Politik. Aber das will man doch in Zufriedenheit führen, auch über das, was man hinterlässt“, sagte Seehofer vor einigen Monaten in einem dpa-Interview, und fügte hinzu: „Ich will nicht in gebückter Haltung durch Bayern gehen müssen.“ (dpa)