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Mittwoch, 10.09.2014

Emotional verseucht

Bauschutt aus dem Abriss des Atomkraftwerks Stade lagert seit gestern auf der Deponie Grumbach bei Dresden. Während die Bürger demonstrieren, praktizieren die Behörden eine skurril anmutende Unbedenklichkeitsprüfung.

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Selten dürfte zerbröselter Betonestrich so gefragt gewesen sein wie der, der gestern auf der Mülldeponie in Grumbach präsentiert wurde.
Selten dürfte zerbröselter Betonestrich so gefragt gewesen sein wie der, der gestern auf der Mülldeponie in Grumbach präsentiert wurde.

© Robert Michael

  • Selten dürfte zerbröselter Betonestrich so gefragt gewesen sein wie der, der gestern auf der Mülldeponie in Grumbach präsentiert wurde.
    Selten dürfte zerbröselter Betonestrich so gefragt gewesen sein wie der, der gestern auf der Mülldeponie in Grumbach präsentiert wurde.
  • Wutbürger in Grumbach: Anwohner der Deponie sind auf dem Weg zu einer Menschenkette, um gegen Bauschutt aus dem Atomkraftwerk Stade zu protestieren.
    Wutbürger in Grumbach: Anwohner der Deponie sind auf dem Weg zu einer Menschenkette, um gegen Bauschutt aus dem Atomkraftwerk Stade zu protestieren.

Da weht so ein Hauch von Gorleben. In den Feldern am Ortsrand des 1.700-Einwohner-Dorfes Grumbach liegen gelbe Atommüllfässer. Ein gut drei Meter hohes Holzkreuz mahnt. Auf der Schutzfolie des Getränkestands prangen Atomkraft-Nein-Danke-Aufkleber und Kinderbilder. Ein Traktor mit Anhänger parkt auf der Zufahrt zur Sondermülldeponie, rund 60 Leute bilden eine Menschenkette: Mütter mit Kindern, Bauern, Rentner, junge Männer in Schutzanzügen. Ein evangelischer Pfarrer sagt, er sei hier, weil man ein gesundes Misstrauen gegenüber Behörden haben müsse. „Außerdem dürfen die unsere Duldsamkeit nicht überstrapazieren.“

Erster AKW-Bauschutt in Grumbach abgeladen

Die – das sind die Umweltschutzbehörden, der Energiekonzern Eon, das Entsorgungsunternehmen Amand. Diese drei haben vertraglich vereinbart, dass 700 Tonnen Bauschutt aus dem Abriss des niedersächsischen Kernkraftwerks Stade in Grumbach bei Dresden deponiert werden dürfen. Schutt, der in überdimensionierten weißen Plastiksäcken verpackt ist. „Big Packs“ nennen sie die Fachleute.

Drinnen, auf dem Parkplatz der Deponie, warten Offizielle und Medienvertreter darauf, dass der kräftige Fahrer endlich die Ladetüren seines Lastwagens öffnet. Der 22-Tonner mit Cloppenburger Kennzeichen steht da, als werde er auf einer Nutzfahrzeugmesse präsentiert. Der ebenfalls telegen positionierte Gabelstapler hungert nach dem ersten „Big Pack“. Eine Dame, die als Physikdirektorin im Umweltministerium fungiert, ergreift das Wort und sagt: „Es geht uns heute darum nachzuweisen, dass dieser Müll wirklich unbedenklich ist.“ Ihr Chef, der Leiter der Abteilung Strahlenschutz, nickt.

Dass der Bauschutt aus dem gut 520 Kilometer entfernten Stade in Grumbach landet, das wurde nur zufällig bekannt: Durch einen Verwandten in Norddeutschland bekam ein Grumbacher Wind von der Sache. Auch der für das Dorf zuständige Bürgermeister der Stadt Wilsdruff hält es für „skandalös“, dass er erst nach den ersten Presseberichten Mitte August offiziell über die Lieferungen informiert worden sei.

Ausgerechnet Grumbach. Ein Ort der Bürgerwehr im positiven Sinn. Schon zur Wende organisierte dort eine Bürgerinitiative die ersten freien Wahlen, ließ das Dorf ans Trinkwassernetz anschließen, stritt mit der Agrargenossenschaft über Nitratwerte im Grundwasser. Die Initiative gewann jede Kommunalwahl. Vor allem aber kämpft sie gegen die Deponie. Ihre Mitglieder organisieren Diskussionen und Protest-Wanderungen. Kinder aus dem Dorf singen vor den zuständigen Beamten Weihnachtslieder. Kreuzweggottesdienste der evangelischen Kirchgemeinde arten zu Demonstrationen aus. Der Protest hatte Erfolg, die Landesdirektion Dresden ordnete Ende 2010 die Stilllegung der Deponie an. Sie dürfe nur noch „verfüllt“, aber nicht mehr erweitert werden.

In einem beigefarbigen etwas zu weiten Jackett steht Deponiechef Rainer Dietze etwas abseits der Offiziellen- und Pressemeute. Dem 69 Jahre alten Bergbauingenieur ist der Trubel unangenehm. Schon Ende 2012 habe Eon angefragt, ob er den Schutt aus Stade annehmen könne, sagt er. „Hätte ich gewusst, dass darum mal so ein Rummel gemacht wird, hätte ich den Auftrag nicht angenommen.“ Wirtschaftlich rechne sich der sowieso kaum. 40 Euro erhalte er je Tonne Stade-Schutt. Bei ursprünglich geplanten 2 000 Tonnen also 80 000 Euro. Das aber, sagt Dietze, falle bei einem Jahresumsatz von rund 1,5 Millionen Euro kaum ins Gewicht. Deshalb sei es ihm nicht schwergefallen, eine Vorbestellung über 1 300 Tonnen zu stornieren, sodass aus Stade nun nur noch die vertraglich bereits fest vereinbarten 700 Tonnen kämen.

Für Dietze sind die Transporte aus dem hohen Norden „ganz normaler Bauschutt“. Es gebe auf der Sondermülldeponie „kein anderes Material, das so oft kontrolliert und gemessen worden sei wie der Atommüll aus Stade. Dieses „andere Material“ hat es in der Tat in sich: Abfälle der Dresdner Chipfabriken landen in Grumbach ebenso wie Gießereirückstände, Kohlenteer oder der mit Zink und Cadmium belastete Schlamm aus der Talsperre Klingenberg. Dietze wertet auch deshalb die Proteste gegen den Stade-Schutt als „Atommüll-Psychose“.

Gegen viertel zehn öffnet der kräftige Lkw-Fahrer die Ladetüren. Der Lenker des Gabelstaplers hievt drei Big Packs aus dem Lastwagen. Ein Deponiemitarbeiter öffnet den ersten Sack. Anzugträger und Presseleute stürzen hinzu, als sei soeben der Nibelungenschatz entdeckt worden. Dabei ist dort nur zerbröselter Beton zu sehen.

„Estrich aus dem Kontrollraum des AKW“, sagt der Strahlenschutzbeauftragte von Eon. Auf die Frage der Physikdirektorin, wer denn die Messprobe entnehmen möchte, meldet sich die eifrige Reporterin eines Lokalradios. Dann folgt der große Auftritt von Dr. Thomas Heinrich. Der 51-Jährige ist Bereichsleiter der staatlichen Betriebsgesellschaft für Umwelt und Landwirtschaft. Er legt ein schwarzes Messgerät in Form eines Waffeleisens auf die Probe. Die Digitalanzeige gibt den Wert 8,95 an. Dann stellt Heinrich das Gerät auf den Asphalt des Parkplatzes. Nun blinkt ein Wert von 16,8.

„Was ist das denn für ein Messwert?“, will ein Journalist wissen.

„Das ist kein Wert“, sagt Heinrich. „Das ist nur ein Impuls. Um einen Wert wie Becquerel zu ermitteln, der die Aktivität einer radioaktiven Substanz wiedergibt, müsste ich die Parameter des jeweiligen Messmaterials haben.“

„Aha“, sagt der Journalist. „Es ist doch immer von Sievert die Rede.“

„Richtig“, sagt Heinrich. „Das ist die Maßeinheit für eine gewichtete Strahlendosis. Aber um die zu ermitteln, bräuchte ich wesentlich mehr Informationen über das Material.“

Nur wenige Stunden nach dieser denkwürdigen Präsentation wird das Umweltministerium in Dresden mitteilen, was es schon seit Wochen predigt: Der Bauschutt aus Stade sei gesundheitlich unbedenklich. Das hätten Messungen von Fachleuten in einer Anlage des Vereins für Kernverfahrenstechnik und Analytik Rossendorf ergeben. „Demnach liegt die zu erwartende Strahlenbelastung auch unter ungünstigsten Umständen unter dem Bagatellwert von 10 Mikrosievert pro Jahr.“

Tatsächlich ist das ein harmloser Wert. Die natürliche Strahlung in Deutschland liegt rund 200-mal höher. In einigen Küstenregionen Brasiliens liegt die Jahresdosis sogar bei 80.000 Mikrosievert. Wer zehn Stunden im Flugzeug sitzt, bekommt 100 Mikrosievert ab. Beim Röntgen – etwa der Lunge – sind es 300, im Computertomografen gar 10.000 Mikrosievert.

Kaum etwas ist in Deutschland so streng reguliert wie der Abriss eines Atomreaktors und die damit verbundene Entsorgung. Nur etwa 600 von insgesamt rund 155.000 Tonnen Schutt, die beim Abriss eines Kernkraftwerks anfallen, müssen in ein Endlager. Die anderen Bauteile werden mit Wasser, Sand- und Stahlkugelstrahlern dekontaminiert. Dann wird untersucht und gemessen. Ist die Belastung zu hoch, beginnt der Kreislauf von vorn, so lange, bis das Material wiederverwendet oder auf einer Deponie gelagert werden kann. Dieser Schutt ist dann behördlich „freigemessen“ und fällt nicht mehr unter die atomrechtliche Überwachung.

Dieser Prozess zieht sich jahrelang hin. Das AKW in Stade etwa steht seit 2003 still. „Die grüne Wiese“, sagt Eons Strahlenschutzexperte Ralf Thalinger, „werden wir dort erst 2019 haben.“ Auch in Sachsen weiß man nur zu gut, wie langwierig und schwierig der Umgang mit einem nuklearen Erbe ist. Der Abriss des Reaktorgebäudes in Rossendorf sollte ursprünglich schon 2011 abgeschlossen sein. Mittlerweile gilt das Jahr 2018 als Termin. Ohne viel Brimborium wie jetzt gelangten aus diesem Abriss bereits rund 280 Tonnen auf die Grumbacher Deponie. Schwache radioaktive Abfälle bunkert Sachsen derzeit in einem Zwischenlager in Rossendorf selbst, Hard-Core-Müll ging ins westfälische Ahaus oder 2006 via Luftfracht sogar nach Russland.

Zudem ist der Umgang mit Schutt wie aus Stade, der für Eon-Mann Thalinger „in erster Linie nicht radioaktiv, sondern ideologisch belastet ist“, für Sachsen nicht neu. Ohne Aufsehen lagern seit 2011 mehr als 1.000 Tonnen Abfälle aus Stade sowie dem westfälischen Kernkraftwerk Würgassen in zwei Deponien in der Lausitz und bei Leipzig – abgesichert durch bis zu 1,50 Meter dicke geologische Barrieren rund sieben Meter unter der Erde.

Anders als jetzt schickte damals der sächsische Umweltminister keinen Brief an seine Amtskollegen in Hannover und Düsseldorf, in dem er anmahnte, die Transporte solcher „freigemessener“ Abfälle über Hunderte Kilometer belasteten unnötig die Umwelt. Und auch der CDU-Bundestagsabgeordnete Klaus Brähmig, in dessen Wahlkreis Grumbach liegt, meldete sich damals nicht. Nun ätzt er: Es sei geradezu lächerlich, wenn das niedersächsische Umweltministerium solchen Bauschutt durch das halbe Land verschicke. Dass ausgerechnet dem vom Nuklearschrott gepeinigten Niedersachsen mit dem Atommülllager Gorleben und dem inzwischen stillgelegten Asse-Schacht Verantwortungslosigkeit unterstellt wird, grenzt an Dreistigkeit.

Eon-Mann Thalinger versichert, man habe wegen des Stade-Schutts alle 19 Sondermülldeponien in Niedersachsen kontaktiert. Fast alle Betreiber hätten „aus technischen oder finanziellen Gründen“ abgesagt. Nur Hillern im Heidekreis nahe Soltau habe grünes Licht gegeben, „bis auch dort die Emotionen zu hoch schlugen“. So sei man schließlich auf die Deponiebetreiber in Wetro und Grumbach herangetreten. Thalinger zufolge muss Eon noch 3 000 Tonnen Deponieschutt aus Stade unterbringen.

Grumbach kommt dafür nicht mehr infrage. Den Annahmestopp wertet Wilsdruffs Bürgermeister als einen Schritt in die richtige Richtung. Dabei verfolgen der Stadtchef, Amand-Umweltboss Dietze und auch die Bürgerinitiative im Prinzip ein Ziel: dass die Deponie so schnell wie möglich voll wird, um sie für immer zu schließen. Dietze sagt, das Abfallaufkommen für Deponien wie in Grumbach gehe zurück; er erwarte das endgültige Betriebsende nach dem Rückzug aus dem Geschäft mit AKW-Bauschutt jetzt erst für 2017 oder 2018.

Dabei werden Lagerstätten für solchen Müll vermutlich bald boomen: Erst drei Atomreaktoren sind in Deutschland abgerissen. Noch sind neun Kraftwerke am Netz; sie müssen spätestens Ende 2022 abgeschaltet werden. Acht Reaktoren sind außer Betrieb, bei 16 weiteren läuft der Rückbau. Die private Atomwirtschaft rechnet mit Kosten von 30 Milliarden Euro, die öffentliche Hand mit zehn Milliarden Euro.

Die Bürgerinitiative in Grumbach lässt sich davon nicht beeindrucken. Ihr Sprecher Ulrich Klein, 72, gelernter Schlosser und ehemaliger Maschinenbau-Ingenieur, boykottierte gestern den Transparenzversuch des Ministeriums auf der Deponie. Das sei eine Farce, sagte er. „Wenn Sie Besuch bekommen, ist ihre Stube doch auch sauber.“ Die Deponie gleich neben einer Wohnbebauung sei gänzlich ungeeignet, am kommenden Sonnabend werde wieder demonstriert.

Um kurz vor halb elf ist der Parkplatz der Deponie Grumbach wieder verwaist. Nur der Laster aus Cloppenburg steht noch dort. Als der Fahrer einsteigt, antwortet er auf die Frage, wie er denn das morgendliche Spektakel bewerte, mit den Worten: „Alles politische Effekthascherei.“

Leser-Kommentare

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Insgesamt 11 Kommentare

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  1. st

    Sehr guter Artikel, bleibt zu hoffen, dass das Thema dann auch wieder erledigt ist. Letztendlich verzögern die Gegner damit nur das Schließen der Deponie. Und vermutlich unterstellen sie dem Autor bald Nähe zur Atomlobby und ähnliche Dinge. Einfach die Fakten zu nehmen und damit dann auch das Thema gedanklich zu beenden, ist ja auch zu einfach. Da lieber Mahnwachen, Proteste und Demonstrationen durchführen, mal schauen was da noch so "Sinnvolles" kommt. Und was die "Duldsamkeit" betrifft, das Deponiegelände ist sicher privat oder gehört der Gemeinde. Solange da alle rechtlichen Vorgaben eingehalten werden, ist die Einlagerung von Bauschutt überhaupt nicht zu beanstanden. Ganz sicher auch unkritischer als viele andere Dinge, die da so auf der Deponie landen. Hoffe es gibt schon einen Plan, gegen was anschließend demonstriert und protestiert werden kann.

  2. Reverend

    Liebe SZ, Respekt für diesen gut recherchierten Artikel. Das kommt gerade bei diesem Themenkomplex (Kernenergie, (vermeidlich) radioaktive Abfälle etc.) sehr selten vor. Zumal eine Beschränkung in der Berichterstattung auf den Wutbürger wahrscheinlich die Leserzahlen erhöht. Auch der polemische Hauch gefällt sehr und macht den Artikel zugänglicher. Klugscheissen gehört zu jedem Kommentar dazu und muss auch natürlich auch hier sein („Big Bag“ und was ist Hard-Core-Müll?). So ein Artikel zu Beginn der Debatte hätte wahrscheinlich ein wenig Schärfe aus der Diskussion um die Ablagerung dieser Abfälle in Grumbach genommen. Die Bürgerinitiative und der Bürgermeister haben auch ihr Ziel erreicht und die Deponie bleibt noch länger offen und man kann damit auf Stimmenfang gehen. Chemisch belastete Abfälle haben übrigens keine Halbwertszeit! (Lach)

  3. ole

    „Estrich aus dem Kontrollraum des AKW“?!? Hää? Das dürfte sich radiologisch kaum von Estrich aus einer Grundschule unterscheiden? Wer will denn hier wen verscheißern und kutscht das 520km durch die Gegend?

  4. Horstl

    Im Westen 200€ für die Tonne hier nur 40€ da würde ich mich auch ärgern als Betreiber. Alles richtig gemacht NSN.Den Ärger ausgelagert und noch Kosten gespart dabei. Müll aus Italien,Schutt aus dem Westen. Sachsen ist sich halt für nichts zu schade.

  5. Valentin0171

    Das Problem ist wohl, dass Schutt/Abrissmaterial von anderen Quellen (Betonplatten der Autobahn, Gebäude etc) wiederverwendet werden dürfen; und dieses Material strahlt aus natürlichen Gründen auch. Aus wohl ideologischen Gründen darf selbst der nicht/gleichwertig/minimalst belastete Schutt eines AKW nur noch auf Deponien "end"-gelagert werden. Und da gibt es in Deutschland immer weniger Raum. Die noch freien Deponien nehmen bis zum Maximaum auf und werden geschlossen. Neue Deponien werden u.a. aus Umweltbedenken bzw. dichten Bebauung die Deutschland nur spärlich eröffnet. Bleibt die Frage wohin mit dem nur zur Lagerung freigegebenen Abraum (z.Zt. sind erst 1/10 des AKW-Schutts eingelagert - 3 AKW zurückgebaut, 33 folgen noch).

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