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Freitag, 17.03.2017

„Einer von Vielen“

Für manche ist der Meißner Jagdflieger Hans Philipp ein Kriegsheld, für andere ein Verbrecher. Vor 100 Jahren wurde er geboren.

Von Peter Anderson

Porträt mit Maskottchen: Der Meißner Jagdflieger Hans Philipp wurde am 17. März 1917 geboren. Er fiel mit 26 Jahren.
Porträt mit Maskottchen: Der Meißner Jagdflieger Hans Philipp wurde am 17. März 1917 geboren. Er fiel mit 26 Jahren.

© Archiv

Meißen. Eine „wohl bleibende Erblast des Nationalsozialismus“ nennt der 2013 gestorbene Meißner Historiker Gerhard Steinecke die Schwierigkeit, Zugang zu Persönlichkeiten jener Zeit zu erlangen. Zu finden ist diese Einschätzung gleich am Anfang seiner biografischen Arbeit zu dem Meißner Jagdflieger Hans Philipp, der am 17. März vor genau 100 Jahren auf der Gustav-Graf-Straße 5 geboren wurde.

Dabei sieht Steinecke gerade Philipps Leben zwischen jugendlichem Aufbegehren und politischer Indifferenz auf der einen Seite, sowie Technik-Faszination und Drang zur Selbstverwirklichung auf der anderen Seite als bezeichnendes Beispiel für viele Biografien in den Endjahren der Weimarer Republik und der Epoche des Nationalsozialismus. „Einer von Vielen“ ist dementsprechend Steineckes detailreiche Arbeit überschrieben.

Die Scheu, sich näher mit Philipp zu beschäftigen, wird verständlich, wenn man sich losgelöst vom biografischen Hintergrund dessen militärische Karriere vor Augen führt. Mit über 200 Luftsiegen war der Meißner im Laufe des Jahres 1942 der erfolgreichste deutsche Jagdflieger und überstrahlte damit zu jenem Zeitpunkt später weit bekanntere Namen wie den Österreicher Walter Nowotny. Hans Philipp begleitete in seiner Messerschmitt und später Focke Wulf den Überfall auf Polen, den Feldzug in Frankreich. Er sicherte aus der Luft den barbarischen Einmarsch in die Sowjetunion und verteidigte gegen Ende seines kurzen Lebens den deutschen Luftraum vor den immer zahlreicher aus Amerika und Großbritannien einfliegenden Bomber-Pulks. Als einem von lediglich 150 deutschen Soldaten wurde ihm die Auszeichnung des Eichenlaubes mit Schwertern zum Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes verliehen. In vergangenen Jahren lief die NPD an seinem Grab in Meißen auf, um ihn als einen ihrer Helden zu ehren.

Gerhard Steinecke ist es zu verdanken, den in sich widerspruchsvollen Menschen hinter der verzerrenden Aufzählung militärischer Erfolge sichtbar gemacht zu haben. Der kleine Hans kam als außereheliches Kind in einfachen Verhältnissen zur Welt und lernte sich rasch durchzusetzen. In den rechtselbischen Stadtteilen Meißens traf er Menschen aus verschiedensten sozialen Schichten und mit ganz unterschiedlichen politischen sowie kulturellen Hintergründen. In der späteren Pestalozzi-Schule unterrichtete ihn der sozialdemokratisch geprägte Lehrer Max Großmann. Zu seinen Begleitern zählten sowohl jüdische Mitschüler als auch Helmut Wende, dessen Vater in der SPD-Wehrorganisation „Reichsbanner“ aktiv war. Zeitweise habe der fleißige und wissbegierige Schüler auch den Kommunistengruß „Rot Front“ benutzt, schreibt Gerhard Steinecke.

Die Hinwendung zum Militär erfolgte vor allem, weil diese Laufbahn es ihm ermöglichte, trotz hoher Schulden beim Schulgeld, sein Abitur am Franziskaneum abzulegen. Anfangs seiner Laufbahn als Flieger tat sich Philipp dabei eher als Querulant hervor. „Ich entlasse Sie mit größten Bedenken für die Luftwaffe.“ Diese Abschlussworte an ihn sind von einem seiner Kommandeure überliefert.

Der am 1. September 1939 beginnende Zweite Weltkrieg sorgte schnell dafür, dass solche Bedenken in Vergessenheit gerieten. Der junge Fliegeroffizier sammelte in Polen erste Erfahrungen am Steuer seines Jägers und baute diese über Frankreich und der Sowjetunion immer weiter aus. Biograf Steinecke kann glaubhaft zahlreiche Dokumente und Zeugnisse anführen, welche zeigen, dass Philipp trotzdem ein bescheidener und zurückhaltender Soldat blieb. Plumpe Anbiederungsversuche bei den Nazis blieben aus. Im Frühjahr 1943 wurde ihm die Verteidigung der Niederlande und des Ruhrgebiets gegen Bomber übertragen. Kurz nach seinem 206. Abschuss kam er am 8. Oktober 1943 bei einem Einsatz gegen auf Bremen anfliegende Bomber ums Leben.