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Montag, 24.12.2012

Eine Vergewaltigung zu viel – Indiens Frauen wehren sich

Tagelang leiden Frauen mit einer 23-Jährigen, die von mehreren Männern vergewaltigt worden ist. Nun kämpfen sie für mehr Rechte und Sicherheit.

Von Sunrita Sen und Doreen Fiedler, Delhi

Von Wasserwerfern der Polizei ließ sich diese Frau nicht aufhalten: Sie protestierte in Delhi gegen die Vergewaltigung einer Studentin und forderte harte Strafen für die Täter. Foto: dapd/Kevin Frayer
Von Wasserwerfern der Polizei ließ sich diese Frau nicht aufhalten: Sie protestierte in Delhi gegen die Vergewaltigung einer Studentin und forderte harte Strafen für die Täter. Foto: dapd/Kevin Frayer

„Kein Land für Frauen“ steht auf dem Schild einer Demonstrantin. „Bin ich nur ein Körper, der benutzt wird?“, fragt eine andere. Tausende Inderinnen sind am Wochenende in der Hauptstadt Neu Delhi auf die Straße gegangen, weil sie genug haben von der Macho-Gesellschaft, vom täglichen Begrapschen und der sexuellen Gewalt. Die Demonstrantinnen ließen sich weder von Wasserwerfern noch Tränengas aufhalten, als sie auf den Präsidentenpalast zumarschierten.

Auslöser für die Proteste war die brutale Vergewaltigung einer 23-Jährigen. Die Medizinstudentin war in einem fahrenden Bus von sechs Männern sexuell misshandelt und mit einer Eisenstange schwer verletzt worden. Die Ärzte mussten ihr Teile des Darms entfernen, sie kämpft noch immer um ihr Leben.

Doch wie so oft in Indien suchten einige auch diesmal eine Mitschuld beim Opfer. Warum war sie abends noch unterwegs? Warum fuhr sie mit dem Bus? War sie vielleicht aufreizend gekleidet? Das bringt die Demonstranten auf die Palme. „Sag mir nicht, wie ich mich anziehen soll. Sag ihnen, niemanden zu vergewaltigen“, fasst es eine junge Frau zusammen. Viele Mütter begleiteten ihre Kinder. „Wir haben Angst, unsere Töchter abends aus dem Haus zu lassen“, sagt die Lehrerin Savita Rao. „Es sind heute so viele Polizisten hier, die versuchen, uns zu vertreiben. Warum können sie nicht stattdessen die Stadt sicherer für unsere Mädchen machen?“ Die Frau neben ihr fordert strengere Gesetze.

Zu den spontanen Demonstrationen kommen – gerufen durch SMS von Freunden und die ständige TV-Berichterstattung – vor allem Mitglieder der Mittelschicht, die sich mit dem Opfer identifizieren können. Am Fall der 23-Jährigen entzündete sich der Protest, obwohl die Zeitungen jeden Tag voll sind von Vergewaltigungsfällen – doch sind diese Opfer oft „Unberührbare“ auf dem Lande. Nun aber traf es eine Studentin in einer besseren Wohngegend in der Hauptstadt. Sie wurde zu ihrem Symbol.

Indiens Frauen fühlen sich verraten, sagt Akhila Sivadas, Sprecherin der Interessengruppe CFAR. „Jeder merkt, dass das System, das Frauen beschützen sollte, komplett versagt hat.“ 24206 Vergewaltigungen gab es im vergangenen Jahr in Indien. Offiziell. Denn in einer Gesellschaft, in der die Ehre der Familie meist höher bewertet wird als die Misere eines Mädchens, dürfte die Dunkelziffer noch höher liegen.

Und selbst wenn Täter angezeigt werden, müssen viele nur theoretisch die Höchststrafe einer lebenslänglichen Haft fürchten. Die Fälle werden oft über Jahre verschleppt, und am Ende wird nach offiziellen Zahlen nur etwa ein Viertel der Angeklagten verurteilt. (dpa)

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