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Mittwoch, 17.02.2016

Eine Juristin in der Küche

Tatjana Olifirenko wuchs in Kasachstan auf. Trotz deutscher Wurzeln entführt sie ihre Gäste kulinarisch nach Russland.

Von Jana Mundus

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Der Weg bis zum eigenen kleinen Lokal an der Kreuzkirche verlief für Tatjana Olifirenko alles andere als gradlinig.
Der Weg bis zum eigenen kleinen Lokal an der Kreuzkirche verlief für Tatjana Olifirenko alles andere als gradlinig.

© Sven Ellger

Neu anfangen. Für Tatjana Olifirenko ist es nicht das erste Mal. Vor ein paar Tagen hat sie ihr kleines russisches Restaurant gegenüber der Kreuzkirche eröffnet. Wo noch vor Kurzem ein Reisebüro war, können Gäste an der Ecke zur Schulgasse nun in ihrer Mittagspause zumindest kulinarisch gen Osten reisen. Viele Stammgäste sind Tatjana Olifirenko hierhin gefolgt. Bis zum Herbst verkaufte sie Borschtsch und Pelmeni im Café Prag am Altmarkt. Doch weil das Untergeschoss neu gestaltet werden sollte, musste sie ausziehen. Aufgeben liegt ihr allerdings nicht.

„Manchmal ist es nicht schlecht, wenn etwas zu Ende geht“, sagt die 42-Jährige. „Ich denke in solchen Situationen immer positiv.“ So sei das schon immer gewesen. Es ist kurz vor Mittag, noch hat sie etwas Luft. Wenn die Gäste kommen, bleibt nur noch wenig Zeit für einen Plausch. Sie sitzt an einem der kleinen Tische in ihrem neuen Domizil und lässt den Blick durch den Raum streifen. „Es ist ja eher ein Bistro“, sagt sie fast entschuldigend und lächelt. Größer hätte sie sich das Ganze aber auch nicht zugetraut. Gedanklich geht sie zurück, erzählt von der Zeit im Café Prag. Eine tolle Chance sei das gewesen. „Ich habe nur gute Erinnerungen daran“, fügt sie hinzu. Dabei war es der erste Versuch als Gastronomin. Der Weg dorthin war lang.

Neu anfangen. Das wollte auch ihre Familie. Im 19. Jahrhundert ziehen ihre Vorfahren aus Deutschland auf die Krim. Doch die Glücksuchenden im fernen Land sind schon wenig später zur Rastlosigkeit gezwungen. Im Zweiten Weltkrieg flieht ihre Großmutter Erna nach Kasachstan. Dort wächst auch Tatjana Olifirenko auf. Die deutschen Wurzeln bleiben: „Oma Erna sprach viel Deutsch.“ Wenn sie als Schülerin in den Sommerferien bei ihr ist, belauscht sie die Gespräche zwischen der Oma und ihren Freundinnen. „Ich konnte kein Deutsch, habe nichts verstanden. Aber es klang toll.“ Die Großmutter ist es auch, die ihr das Zubereiten deutscher Speisen beibringt: Griebenschmalz, Nudelsuppe, Streuselkuchen und Strudel. Letzterer mit Fleischfüllung statt süßem Kern.

Das Kochen wird allerdings erst einmal nicht zu ihrem Beruf. Die Eltern wollen, dass sie als Rechtsanwältin arbeitet. Wer in der juristischen Abteilung eines Unternehmens tätig sein will, muss in Kasachstan eine mehrjährige Ausbildung machen. Nach der Lehre beginnt Tatjana Olifirenko in einer Firma, kümmert sich dort um Verträge und andere rechtliche Fragen. „Ich wollte aber noch studieren, damit ich beim Gericht arbeiten kann“, sagt sie. Sie hatte sich schon beworben, da bekommt die Familie plötzlich wichtige Post.

Neu anfangen. Das verheißt das Schreiben aus Deutschland. Als Spätaussiedler erhalten sie das Angebot, in die Heimat ihrer Vorfahren zurückzukehren. „Wir haben in der Familie lange darüber geredet“, sagt sie. Fünf Jahre dauert es, bis alle behördlichen Dinge geklärt sind. Im Jahr 2002 reisen sie aus und landen in einer Erstaufnahmeeinrichtung für Spätaussiedler in Friedland bei Göttingen. „Ein Mitarbeiter zeigte uns eine Karte von Deutschland. Wir sollten entscheiden, wo wir künftig wohnen wollen.“ Komisch sei das gewesen. Sie kannten Deutschland ja nur aus Erzählungen. Sie entscheiden sich für Dresden.

Mit ihren Eltern, ihrem Mann, der Tochter und den zwei Brüdern samt deren Familien lebt Tatjana Olifirenko nun in der sächsischen Landeshauptstadt. Ein halbes Jahr nimmt sie Sprachunterricht. Dann will sie arbeiten. Zum einen, weil die Familie Geld braucht. Zum anderen, weil sie etwas Nützliches machen will. Sie beginnt als Köchin in der Sozialküche. „Ich hatte aber schon länger den Plan, ein eigenes Geschäft zu eröffnen.“ Mit dem Stand für russische Spezialitäten im Café Prag erfüllt sie sich Ende 2013 diesen Wunsch.

Nun hat sie schon wieder neu angefangen. Ihr kleines Lokal nennt sie „Aljonuschka“, nach ihrer 21-jährigen Tochter, die heute in Berlin lebt. „So ist sie immer bei mir“, sagt Tatjana Olifirenko.

Dann kommen die ersten Gäste ins Geschäft. Zwei junge Frauen machen es sich an einem Tisch am Fenster bequem. Eigentlich handelt es sich um ein Selbstbedienungsrestaurant, doch die Chefin bringt den beiden trotzdem die Speisekarte an den Tisch. Sie ist eine gute Gastgeberin. Sie möchte, dass sich alle wohlfühlen.

Ein Stückchen ihrer früheren Heimat hat sie an die Kreuzkirche mitgebracht. Anja heißt ihre Mitarbeiterin. Sie stammt ebenfalls aus Kasachstan. Mit ihr steht sie schon am frühen Morgen im Lokal, bereitet den Teig für die Wareniki, die gefüllten Teigtaschen, vor oder putzt Gemüse für die Füllung. Ein besonderer Tipp ist der hausgemachte Beerensaft, der täglich neu angesetzt wird. Dass sie nun jeden Tag fast zwölf Stunden im Geschäft ist, sei für sie kein Problem. „Ich liebe das“, schwärmt sie. Sie will nirgendwo anders sein. Den Mietvertrag hat sie erst einmal für fünf Jahre unterschrieben. Wenn alles klappt, will sie danach aber allzu gern alte Verhaltensmuster abstreifen. Nicht nochmal neu anfangen, sondern einfach mal weitermachen.

An der Kreuzkirche 6, Mo. bis Sa. von, 10 bis 20 Uhr geöffnet

www.aljonuschka.de

Leser-Kommentare

Insgesamt 2 Kommentare

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  1. md

    Gut so, Essen geht immer und bei den angebotenen Sachen kann die westliche Küche eh nicht mithalten. Aber warum russische Küche? Die gibt's schon in DD. Die kasachische Küche ist mindestens genau so lecker und die ukrainische Küche hat auch so ihre Spezialitäten.

  2. Einar von Ten

    "Im Zweiten Weltkrieg flieht ihre Großmutter Erna nach Kasachstan." Die Russlanddeutschen sind nicht nach Kasachstan "geflohen"! Sie wurden 1941 auf Stalins Anweisung nach Kasachstan deportiert. Sie wurden mit Viehwaggons transportiert und irgendwo in den Steppen Kasachstans „abgekippt“, wo sie sich Erdhütten gruben und mit Entsetzen dem bevorstehenden Winter entgegensahen. Jeder 2. Russlanddeutsche von 1,4 Millionen im Jahre 1939 kam durch diese Deportation ums Leben.

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