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Freitag, 08.01.2016

Ein wirkliches Geständnis?

Ein 51-jähriger Mann hat sich an seiner zweieinhalbjährigen Enkeltochter vergangen. Er gab den Missbrauch zu – irgendwie.

Von Alexander Schneider

Es muss entsetzlich für eine Mutter sein, wenn ihre Tochter abends im Bad erzählt – und dabei ganz arglos schlimme Dinge offenbart. Sachen, die man sonst nur aus der Zeitung kennt. „Guck mal Mama, das macht der Opa immer mit mir“, sagte das gerade erst zweieinhalb Jahre alte Kind und spielte an ihrer Scheide herum. Wenige Tage später hat der Vater des kleinen Mädchens den Computer des Opas untersucht und viele Fotos gefunden. Kinderpornografie. Bilder seiner Tochter und Dutzende Dateien fremder Kinder aus dem Internet. So geriet Gerd H. (51) im Februar 2013 ins Visier der Justiz. Ein bis dahin angesehener Mann, langjähriger Küster einer Dresdner Kirchgemeinde, verheiratet, zwei Kinder.

Ohne es zu ahnen, hatte der Mann mit seinen Fotos den Missbrauch bewiesen. Sie zeigen, wie Opa am Geschlecht seiner Enkeltochter spielt, auch das Mädchen an sich selbst, sogar mit einem Vibrator. Ein erster Prozess gegen H. – wegen schweren sexuellen Kindesmissbrauchs und Besitzes von Kinderpornografie – fand bereits vor zwei Jahren am Amtsgericht Dresden statt.

Doch dort redete sich Opa H. um Kopf und Kragen. Er behauptete, er sei von seiner Enkelin dazu aufgefordert worden, sie zu berühren. Als es ihm zu blöd geworden sei, habe er ihr den Vibrator gegeben. Er habe das Ganze dann fotografiert, um zu „dokumentieren“, dass es nicht seine Idee gewesen sei. Diese gruselige Vorstellung war einer der Gründe, warum der Prozess platzte. Die Richterin verwies den Fall ans Landgericht und dort wurde die Sache erst nach zwei Jahren neu aufgerollt.

Zunächst hatte H. – inzwischen Erwerbsunfähigkeitsrentner – wieder damit begonnen, dass er sich die Tat nicht erklären könne. Dass er von der Enkelin dazu aufgefordert worden sei, das sei „damals wohl seine Wahrnehmung“ gewesen, er sprach von einem Schock: „Wie kannst du das mitmachen“, frage er sich. Kurz: Der Angeklagte hat noch immer Probleme, die alleinige Verantwortung des Missbrauchs zu tragen.

„Das zeigt, dass hier sexualtherapeutischer Bedarf besteht“, sagte der Vorsitzende Richter der Jugendkammer Andreas Ziegel. Er verurteilte den Angeklagten am Donnerstag zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und acht Monaten. Noch in der Vollzugsanstalt Waldheim solle die Therapie beginnen, „damit so etwas nicht noch einmal vorkommt“. Das Strafmaß war Ergebnis einer Vereinbarung, um den Angeklagten zu einem Geständnis zu motivieren. Formulierungen wie „ich kann es mir nicht erklären“ wertete das Gericht dann als volles Geständnis. Zu einem „ich habe es gemacht“ sei Gerd H. nicht fähig, sagte Ziegel. Missbrauch sei kein Kavaliersdelikt. Die Mindeststrafe betrage zwei Jahre Haft.

Auch von einem „Augenblicksversagen“ könne keine Rede sein, sagte Richter Ziegel. H. habe seine Enkelin innerhalb mehrerer Monate zweimal fotografiert und mehrfach Kinderpornografie heruntergeladen. Strafverschärfend wertete das Gericht, dass H. das Vertrauen seiner Enkelin und der ganzen Familie missbraucht habe. Anwalt Peter Manthey, der H.s Sohn als Nebenkläger in dem Prozess vertrat, sagte, „die Schuld auf das Kind zu schieben ist genau so schlimm wie der Missbrauch.“