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Montag, 10.07.2017

Ein Traum auf 600 Millimetern

Uwe Schuster ist Eisenbahner mit Leib und Seele – auf Arbeit und in der Freizeit. Die Waldeisenbahn Muskau ist für ihn weltweit einmalig.

Von Tilo Berger

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Aussicht vom Schweren BergDer 30 Meter hohe Turm des Kommunikations- und Naturschutzzentrums am Schweren Berg südlich von Weißwasser bietet einen Blick über den Tagebau Nochten, das Kraftwerk Boxberg und die Bergbaufolgelandschaft. Foto: Jens Trenklerwww.weisswasser.de/node/1689

Aussicht vom Schweren Berg

Der 30 Meter hohe Turm des Kommunikations- und Naturschutzzentrums am Schweren Berg südlich von Weißwasser bietet einen Blick über den Tagebau Nochten, das Kraftwerk Boxberg und die Bergbaufolgelandschaft. Foto: Jens Trenkler www.weisswasser.de/node/1689

© jens trenkler

  • Aussicht vom Schweren BergDer 30 Meter hohe Turm des Kommunikations- und Naturschutzzentrums am Schweren Berg südlich von Weißwasser bietet einen Blick über den Tagebau Nochten, das Kraftwerk Boxberg und die Bergbaufolgelandschaft. Foto: Jens Trenklerwww.weisswasser.de/node/1689

    Aussicht vom Schweren Berg

    Der 30 Meter hohe Turm des Kommunikations- und Naturschutzzentrums am Schweren Berg südlich von Weißwasser bietet einen Blick über den Tagebau Nochten, das Kraftwerk Boxberg und die Bergbaufolgelandschaft. Foto: Jens Trenkler www.weisswasser.de/node/1689
  • Fürst-Pückler-Park Bad MuskauSachsens einziges Welterbe bietet Gartenkunst, außergewöhnliche Architektur, geschwungene Wege, seltene Gewächse, weitläufige Wiesen – kurz: Genuss für alle Sinne, angelegt von Hermann Fürst von Pückler-Muskau. Foto: Wolfgang Wittchenwww.muskauer-park.de

    Fürst-Pückler-Park Bad Muskau

    Sachsens einziges Welterbe bietet Gartenkunst, außergewöhnliche Architektur, geschwungene Wege, seltene Gewächse, weitläufige Wiesen – kurz: Genuss für alle Sinne, angelegt von Hermann Fürst von Pückler-Muskau. Foto: Wolfgang Wittchen www.muskauer-park.de
  • Glasmuseum WeißwasserDas Glasmuseum Weißwasser ist das einzige seiner Art in den ostdeutschen Bundesländern. Es befindet sich in einer 1924/25 erbauten Villa und dokumentiert die Geschichte des Lausitzer Glases und seiner Herstellung.Foto: André Schulzewww.glasmuseum-weisswasser.de

    Glasmuseum Weißwasser

    Das Glasmuseum Weißwasser ist das einzige seiner Art in den ostdeutschen Bundesländern. Es befindet sich in einer 1924/25 erbauten Villa und dokumentiert die Geschichte des Lausitzer Glases und seiner Herstellung.Foto: André Schulze www.glasmuseum-weisswasser.de
  • Kurze Pause für Waldeisenbahn-Lokführer Uwe Schuster und Heizer Steven Gebauer auf der rund 100 Jahre alten Dampflok. Uwe Schuster kommt aus Cottbus, Steven Gebauer aus Leipzig. Er stammt aus Weißwasser, wohnt aber jetzt in der Messestadt, wo er bei der Deutschen Bahn arbeitet. Um die Dampflok mit Kohle zu füttern, kommt er extra aus seiner neuen Heimat zurück in die alte – so viel Enthusiasmus bringen wohl wirklich nur Eisenbahnfreunde auf. Foto: SZ/Tilo Berger
    Kurze Pause für Waldeisenbahn-Lokführer Uwe Schuster und Heizer Steven Gebauer auf der rund 100 Jahre alten Dampflok. Uwe Schuster kommt aus Cottbus, Steven Gebauer aus Leipzig. Er stammt aus Weißwasser, wohnt aber jetzt in der Messestadt, wo er bei der Deutschen Bahn arbeitet. Um die Dampflok mit Kohle zu füttern, kommt er extra aus seiner neuen Heimat zurück in die alte – so viel Enthusiasmus bringen wohl wirklich nur Eisenbahnfreunde auf. Foto: SZ/Tilo Berger

Zu sehen ist noch nichts, aber zu hören. Es pfeift, es schnauft. „Er ist gleich hier“, sagt Susann Lichnok und verkauft Bockwurst. Eigentlich ist die junge Frau bei der Waldeisenbahn Muskau fürs Marketing zuständig, aber bei einer kleinen Bahngesellschaft mit acht Festangestellten macht fast jeder fast alles. Susann Lichnok hilft am Bahnhof Teichstraße in Weißwasser im Bistro. Das Angebot stünde manch größerer Bahnstation gut zu Gesicht.

„Jetzt“, sagt die Marketingchefin, schenkt eine Limo aus und zeigt auf die andere Seite der Teichstraße. Zwischen den Bäumen taucht eine Dampflok auf, hinter ihr drei geschlossene und zwei offene Wagen. „Der Mann im Führerstand, mit dem hellblauen Hemd, das ist Uwe Schuster.“ Der Zug aus Kromlau ist da, Endstation, bitte alle aussteigen. Für die rund vier Kilometer hat er 20 Minuten gebraucht, aber hier geht’s nicht um Tempo. Ganz im Gegenteil.

Auch Uwe Schuster hat keine Eile, der Reporter muss noch etwas warten. Erst bitten Fahrgäste um einen Schnappschuss mit Lokomotive. Gerne doch! „So, nun mal rein in die gute Stube! Vorsicht, hier ist es ölig und schmutzig.“ In der „guten Stube“ hätte vielleicht gerade so ein kleiner Couchtisch Platz. Hebel, Schalter und Armaturen auf der einen, der Tender voll Steinkohle auf der anderen Seite. Der Platz dazwischen ist das Reich von Lokführer Uwe Schuster und Heizer Steven Gebauer. Nun steht mittendrin auch noch der Reporter mit seinem Notizbuch.

Die Geschichte begann mit Kohle

Seit fast einem Vierteljahrhundert steuert Uwe Schuster in seiner Freizeit Lokomotiven bei der Waldeisenbahn Muskau, die heute, wäre sie neu, wohl Waldeisenbahn Weißwasser heißen würde. Aber der Name hat Geschichte, und die begann mit Braunkohle. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts gab es zwischen Muskau und Weißwasser mehrere Kohlegruben, Ziegeleien, Sägewerke und Papierfabriken. Um die Betriebe miteinander zu verbinden, ließ der Besitzer der Standesherrschaft Muskau, Hermann Graf von Arnim, die Schmalspurbahn bauen. Schon Mitte der 1890er-Jahre fuhr der erste Zug – von langen Planungsverfahren wie heute hielten die Altvorderen nichts. In seinen besten Zeiten dehnte sich das Streckennetz über 85 Kilometer aus. Später verlor die Bahn an Bedeutung, zumal nach dem Zweiten Weltkrieg Teile des Fuhrparks und des Gleisnetzes als Reparationsleistungen in die Sowjetunion gebracht wurden. 1978 stellte die Waldeisenbahn schließlich den Betrieb ganz ein.

Es war Zufall, dass im selben Jahr der junge Uwe Schuster seine Lehre als Triebfahrzeugschlosser im Reichsbahn-Ausbesserungswerk seiner Heimatstadt Cottbus begann. Später hörte er von Sonderfahrten auf der Waldeisenbahn Muskau, besser gesagt, auf den Resten davon. Denn ein paar Eisenbahnfans wollten sich mit dem Ende der kleinen Bahn nicht abfinden und organisierten hin und wieder ein paar Fahrten. 1987 saß auch Uwe Schuster mit im Zug. Der Cottbuser war sofort hin und weg. Und er hatte einen Traum: hier einmal selbst eine Lokomotive fahren.

„Es gibt Träume, die werden Wahrheit“, sagt er heute mit 55 Jahren, und seine Augen leuchten. Sechs Jahre nach seiner ersten Fahrt mit der Waldeisenbahn stand er selbst das erste Mal an den Hebeln einer Dampflok. Dazwischen hatte das Volk die DDR aufs Abstellgleis geschoben und war in die Marktwirtschaft eingestiegen. In Weißwasser hatte sich erst ein Verein und dann eine Firma für die Waldeisenbahn gegründet. Mithilfe von Spendern und Fördergeldern, mit Unterstützung des damaligen Landratsamtes Weißwasser und
Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen waren Waggons aufgemöbelt, Loks gekauft und die Strecke nach Kromlau wieder aufgebaut worden.

Und Uwe Schuster, inzwischen mit Ingenieur-Diplom der Dresdner Hochschule für Verkehrswesen, konnte Lokomotiven jetzt nicht mehr nur reparieren, sondern auch selbst fahren. Dafür hatte er in seinem Urlaub den Kesselwärterschein erworben, einen Technik-Lehrgang absolviert und zehnmal einen Zug ohne Fahrgäste gesteuert. Bezahlt hat er das alles aus eigener Tasche. Und auch jetzt bekommt er kein Geld für seine Diesel- und Dampflokfahrten. Der 55-Jährige gehört zu den 20 aktiven Ehrenamtlichen, ohne die der Betrieb der Waldeisenbahn nicht möglich wäre.

Verständnisvolle Ehefrau

1995 wuchs das Streckennetz um sieben Kilometer zwischen Weißwasser und Bad Muskau. Und seit April dieses Jahres fahren einmal im Monat auch Dampf-Sonderzüge zum Aussichtsturm der Lausitz Energie Bergbau AG (Leag) am Rande des Tagebaus Nochten. Den letzten Streckenabschnitt hatte die Leag-Vorgängerfirma Vattenfall finanziert, weil an anderer Stelle die Gleise für den nahenden Braunkohletagebau abgebaut werden mussten. Jetzt verbindet die Waldeisenbahn alte Kohlegruben voller Wasser bei Kromlau mit dem aktiven Tagebau Nochten. Und die Züge schlagen die Brücke zwischen der vollendeten Landschaft im Fürst-Pückler-Park Bad Muskau, dem Rhododendronpark Kromlau und einer Bergbaulandschaft, die sich täglich verändert. „Dazu am Horizont die Hügelkette des Oberlausitzer Berglandes – so eine Bahnstrecke gibt es sonst nirgends, nur hier“, schwärmt Uwe Schuster. „Ich genieße das immer wieder.“

Immer wieder heißt: so oft wie möglich und wie es der Dienstplan will. Seine Frau, eine Apothekerin, bringt das nötige Verständnis auf. Die beiden Töchter, 26 und 16 Jahre alt, waren mal mit auf Waldeisenbahn-Tour, aber ihre Begeisterung hielt sich in Grenzen. Dafür hat offenbar der dreijährige Enkel vom Opa das Eisenbahner-Gen geerbt, freut sich Uwe Schuster: „Der Kleine ist ganz heiß drauf!“