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Ein Sommer ohne ein Görlitzer Wahrzeichen

Beide Türme der Peterskirche verschwinden nächstes Jahr unter einem Gerüst. Die Sanierung ist dringend nötig.

06.10.2017
Von Ingo Kramer

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Im Herbst 2015 wurde schon einmal ein Gerüst an einem der Türme der Peterskirche aufgebaut. In den Türmen haben sich sehr viele Risse gebildet. Die kleinen Fotos zeigen die Risse – und die Sicherung mit Gurtband.

© pawel sosnowski/80studio.net

Wenn die Wetterprognosen – so wie am gestrigen Tag – auf Sturm stehen, kann Christian Freudrich trotzdem ruhig schlafen. „Wir haben an der Peterskirche das Menschenmögliche getan, damit von den Türmen nichts abstürzt“, sagt der Mann, der ehrenamtlich als Mitglied im Gemeindekirchenrat sowie im Bauausschuss der Innenstadtgemeinde tätig ist. Alles, was an den Türmen heikel war, ist entweder abgenommen oder gesichert, oftmals mit Gurtbändern: „Bauwerkskletterer schauen sich die Türme einmal im Jahr genau an, zuletzt waren sie im Mai oben“, sagt Freudrich. Natürlich lasse sich ein Absturz von Bauteilen nie zu 100 Prozent ausschließen. Aber die Kletterer seien Profis, er vertraue auf deren Arbeit.

Hintergrund: In den Türmen sind Risse aufgetreten, die behoben werden müssen. Schuld sind Minerale, die sich nach der in den Jahren 2000 bis 2002 erfolgten Sanierung gebildet haben. 14 der 16 WimpergKreuzblumen sind durch eine sogenannte Treibmineralbildung nahezu vollständig gerissen, erklärte Freudrich jüngst auch im Gemeindeblatt der Innenstadtgemeinde. Alle 14 müssen einschließlich von mindestens drei Filialtürmchen komplett erneuert werden. Für die Sanierung rechnete Pfarrer Hans-Wilhelm Pietz ursprünglich mit Kosten von etwa 600 000 Euro. Nach den jüngsten Kalkulationen korrigiert Freudrich die Summe jetzt ganz leicht nach unten – auf 577 000 Euro. Und er hat eine gute Nachricht: „Die Finanzierung ist gesichert.“ Allein 380 000 Euro übernimmt das Landesamt für Denkmalpflege in Dresden, weitere 89 000 Euro die Bundesbeauftragte für Kultur und Medien in Berlin. In den Eigenanteil teilen sich Landeskirche, Kirchenkreis und Kirchgemeinde. Somit können die Türme 2018 saniert werden.

„Jetzt sitzen die Planer aus Dresden über der Ausführungsplanung“, sagt Freudrich. Dabei geht es um die vielen Details, doch gerade das ist wichtig: „Erst wenn wir das haben, können wir mit der Ausschreibung beginnen.“ Genau damit hat es der Gemeindekirchenrat aber eilig, denn noch sind die Baufirmen für 2018 nicht komplett ausgelastet: „Je länger wir aber warten, desto schwieriger wird es, Firmen zu finden, die zum einen überhaupt Zeit haben und zum anderen auch beim Preis im erwarteten Rahmen bleiben.“ Dass die Lage angespannt ist, weiß Freudrich auch aus seinem Berufsalltag im Sachgebiet Stadtgrün bei der Stadtverwaltung: Für die Sanierung der Parks gab es dieses Jahr kaum Angebote – und wenn doch, dann lagen sie deutlich über dem erwarteten Preis.

Im Fördermittelbescheid ist festgeschrieben, dass eine öffentliche Ausschreibung nötig ist. „Allein das dauert acht bis zehn Wochen.“ Falls die Firmen zu teuer sind, muss komplett neu überlegt werden. Für Gerüstbau und Sanierung zusammengenommen stehen nur die 577 000 Euro zur Verfügung – und kein Cent mehr.

Der Ablaufplan hingegen steht schon. Ziel ist es, die Ausschreibung in den Wintermonaten abzuschließen. Gebaut werden soll von April oder Mai bis in den Herbst. Das heißt freilich auch: Die Altstadt muss den Sommer über ohne eines ihrer Wahrzeichen auskommen, denn beide Türme werden eingerüstet sein. Erst Ende 2018 kommt das Gerüst weg, sodass sich die Türme dann in einem strahlenden Erscheinungsbild präsentieren werden. Strahlend allein schon deshalb, weil der große Aufwand für den Gerüstbau auch gleich noch mit für eine Reinigung und Oberflächenbehandlung beider Türme genutzt werden soll. Wenn das Gerüst einmal aufgebaut ist, lässt sich das ohne riesigen Mehraufwand gleich noch mit erledigen.

Würde die Sanierung nicht bald beginnen, könnte wohl auch Freudrich irgendwann nicht mehr ruhig schlafen: „Die Risse dort oben werden ja nicht kleiner.“ Und eine Situation wie vor der ersten Sanierung möchte er nicht erleben: Damals gab es einen Abbruch, bei dem aber – Glück im Unglück – nur ein Auto getroffen wurde.