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Donnerstag, 21.09.2006

Ein perfekter Stressbewältiger

Überraschungstrend. Der Griff zur Stricknadel wird wieder deutlich populärer.

Von Susanne Höke,Belfast

Schlechte Nachricht für manche der gestressten Frauen in den Zeiten von Eva Herman: Zwei silbrige Stricknadeln und ein Knäuel kuscheliger Wolle ersetzen immer öfter Yogamatte und Blutdruck senkende Mittel: Nicht nur Stars wie Madonna, Julia Roberts und Uma Thurman haben die entspannende Wirkung des klappernden Spiels mit Nadel und Wollfaden für sich entdeckt. „Stricken ist der perfekte Stressbewältiger. Durch die Wiederholung einer langsamen Handlung hat es dieselbe Wirkung wie eine Meditation und senkt sogar den Blutdruck“, hat Paul Handforth herausgefunden. Der Psychologe leitet eine Stress-Management-Klinik im nordirischen Belfast.

Zweistellige Zuwächse

In Großbritannien ist das Stricken in Cafés, Gesprächsgruppen und sogar U-Bahn-Treffs das neue Trendhobby schlechthin. „Und auch in Deutschland wird Stricken immer populärer“, sagt Angela Probst-Bajak von der Initiative Handarbeit in Salach bei Göppingen (Baden-Württemberg). Ihr Verband, in dem sich Hersteller im Handarbeitsbereich zusammengeschlossen haben, kann seit Monaten Zuwächse im zweistelligen Bereich verzeichnen.

Eine Erhebung der Initiative Handarbeit hat ergeben: Rund ein Viertel aller deutschen Frauen strickt mindestens einmal im Monat – Tendenz steigend. „Erstens ist Stricken eine Art Gegenbewegung zur Technisierung des Alltags. Zweitens ist da der Wunsch nach Kreativität“, erklärt Probst-Bajak die wieder entdeckte Liebe zum Selbstgestrickten. Auch sehr viele junge Frauen zwischen 16 und 20 entdecken das als Hobby für sich, so Probst-Bajak. Darüber hinaus sei das kreative Nadelspiel „Yoga für die Hände“, durch das Puls und Blutdruck gesenkt werden könnten.

Nicht mehr wie in Omas Zeiten

Dabei geht es beim Stricken heutzutage nicht mehr so einfach zu wie zu Omas Zeiten. „Es gibt heute sehr edle, neue Garne wie Merino oder Kaschmir. Außerdem haben die Leute weniger Zeit; es soll schneller gehen. Daher werden dickere Nadeln verwendet“, sagt die Expertin. Auf der Webseite ihrer Initiative Handarbeit finden moderne „Needle Worker“, so der Trendbegriff, modische Strickanleitungen und ein Forum für den Austausch mit anderen Handarbeitsfans. Die Verbindung von Lieblingshobby und Internetpräsenz hat auch Karolina Ded aus Köln für sich entdeckt: „Durch meine Website Apoplexy kann ich meine Kreationen präsentieren. Ich kann durch dieses Medium aber auch andere Menschen motivieren und Hilfestellungen bieten“, erklärt die Strickdesignerin.

Auch Strickdesignerin Rosemarie Kaufmann aus Jülich bietet ihre Arbeiten auf einer eigenen Website an. „Stricken, das ist Individualität, denn die ist mit dem ewigen Einerlei der Marken-Diktatur doch gar nicht zu erreichen“, sagt sie, ehe sie die Nadeln tanzen lässt. (dpa)

www.initiative-handarbeit.de