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Freitag, 22.05.2015

Ein Lotse für das Leben nach dem Schlaganfall

Um wieder gesund zu werden oder gesundheitliche Risiken zu senken, müssen Patienten die Empfehlungen ihrer Ärzte oder Therapeuten befolgen. Das ist in vielen Fällen eine große Herausforderung. Der Dresdner Schlaganfallpatient Uwe Müller weiß, was Therapietreue bedeutet.

Schlaganfall-Lotsin Heike Urban steht dem Patienten Uwe Müller nach dem Hirninfarkt beratend zur Seite, wenn es um Fragen eines geänderten Lebensstils und die Medikamenteneinnahme geht.
Schlaganfall-Lotsin Heike Urban steht dem Patienten Uwe Müller nach dem Hirninfarkt beratend zur Seite, wenn es um Fragen eines geänderten Lebensstils und die Medikamenteneinnahme geht.

© Foto: Uniklinik Dresden

„Ich hatte den Überblick verloren, obwohl ich in einem Hochhaus lebe“, erinnert sich Uwe Müller. Als der Schlaganfall kam, traf ihn das aus heiterem Himmel. Der Hirninfarkt äußerte sich auch in einer gestörten Wahrnehmung und einer Panikattacke. Uwe Müller glaubte, die Gardinen herunterreißen zu müssen, um frei über die Stadt blicken zu können. Auf der Stroke Unit – der Schlaganfall-Spezialstation des Dresdner Uniklinikums – bekam der 50-Jährige dann nicht nur die bestmögliche medizinische Behandlung, sondern auch Besuch von der Schlaganfall-Lotsin Heike Urban. Sie kümmert sich unter anderem darum, dass die Patienten nach der Akuttherapie im Krankenhaus und der Rehabilitation weiterhin unterstützt werden, aber auch wieder Eigenverantwortung übernehmen. Um das Risiko eines erneuten Schlaganfalls zu verringern, sind dabei ein geänderter Lebensstil und Medikamententreue sehr wichtig. Uwe Müller zögerte nicht, sondern sagte der Schlaganfall-Lotsin sofort zu, das einjährige Betreuungsangebot „SOS Care – Hilfe nach Schlaganfall“ anzunehmen. Für ihn ein wichtiger Schritt, um den Überblick über sein Leben zurückzugewinnen.

Netzwerk
für die Unterstützung

Ohne Hilfe von außen ist es Schlaganfallpatienten selten möglich, nahtlos an ihr früheres Leben anzuknüpfen. Die Zeit auf der Stroke Unit und die intensive Nachsorge in einer Rehaklinik sind dabei wichtige Bausteine. Danach wird die Betreuung jedoch Schritt für Schritt zurückgefahren. Der Patient und seine Angehörigen müssen selbst dazu beitragen, dass sich der Hirninfarkt nicht wiederholt. Die Therapietreue ist ein wichtiges Element, um diese Etappe so erfolgreich und reibungslos wie möglich zu bewältigen. Schlaganfall-Lotsen wie Heike Urban können die Betroffenen dabei wirkungsvoll unterstützen. Sie gehört zum Team des am Dresdner Uniklinikum angesiedelten Pilotprojekts „SOS Care – Hilfe nach Schlaganfall“, das die Arbeit des seit mehreren Jahren erfolgreichen Netzwerks „SOS-NET“ ergänzt.

Die Ratschläge, die Schlaganfallpatienten nach Klinikaufenthalt und Reha auf den Weg gegeben werden, sind nicht besonders kompliziert – und für viele dennoch nicht einfach umzusetzen. Keine Zigaretten, dafür gesünderes Essen, mehr Bewegung, regelmäßiges Einnehmen der Medikamente sowie die Kontrolle des Blutdrucks. Dass es nicht einfach ist, sich von liebgewonnenen Gewohnheiten zu verabschieden, weiß Uwe Helbig. Als erster Schlaganfall-Lotse Deutschlands betreut er seit mehr als drei Jahren Hirninfarkt-Patienten, nachdem sie aus dem Krankenhaus entlassen worden sind: „Wir verlangen sehr viel auf einmal – und das von heute auf morgen. Das ist eine Mega-Herausforderung!“

Der große Weg
der kleinen Schritte

Um die Patienten im Alltag zu unterstützen, erhalten sie im Rahmen des Pilotprojekts einen Schlaganfallpass. Auf 20 Seiten ist darin Platz für ihre medizinische Daten – zum Beispiel selbst gemessene Blutdruckwerte. Sie sind eine Basis für die regelmäßigen Gespräche zwischen Patient und Schlaganfall-Lotsen. Bei diesen Terminen geht es jedoch nicht vordergründig darum, die Patienten penibel zu kontrollieren, sondern sie zu beraten, wie sie die Ratschläge der Mediziner umsetzen können. Das ist auch für den Schlaganfall-Lotsen oft die Suche nach dem Kompromiss. „Wir schauen, was für den Patienten in dieser Situation das Wichtigste ist“, erklärt Heike Urban. Für den Weg der kleinen Schritte gibt es viele Beispiele. Wie das Rauchen bei Uwe Müller. Der Tabakkonsum wirkt sich deutlich auf die Gesundheit der Gefäße aus und begünstigt häufig weitere Schlaganfälle. Der 50-Jährige hat es in den vergangenen Monaten geschafft, von einer Packung pro Tag auf vier Zigaretten runterzukommen. „Das ist nicht das Ziel aber doch ein Erfolg – da bleiben wir dran“, sagt Heike Urban.

Noch wichtiger für Schlaganfallpatienten ist die zuverlässige Einnahme von Medikamenten zur Blutverdünnung oder zum Senken des Blutfettspiegels, die sogenannte Sekundärprophylaxe. Auch weil diese Arzneien nicht ohne Nebenwirkungen sind, ist die Akzeptanz ganz wichtig. „Die Aufklärung über Medikamente ist ein Riesenthema“, sagt Schlaganfall-Lotse Uwe Helbig. „Die Patienten müssen wissen, warum sie die Medikamente nehmen.“ Da nach einem Schlaganfall Merk- und Konzentrationsfähigkeit häufig vermindert sind, bleibt die Aufklärungsarbeit und als Ergebnis eine höhere Therapietreue eine der Herausforderungen, die auch nach Ende der einjährigen Betreuungszeit bestehen bleiben.

Um auch künftig weiterhin Anregungen für einen gesunden Lebensstil zu bekommen und sich über die Alltagsprobleme auszutauschen, empfehlen Schlaganfall-Lotsen die Mitgliedschaft in einer Selbsthilfegruppe. Dass es hilfreich sein kann, Kontakt zu anderen Betroffenen zu pflegen, bestätigt Uwe Müller. Er nimmt die Termine der ambulanten Rehabilitation auch deshalb gern wahr. Ihm bereitet es daher ein wenig Sorgen, dass die Reha bald endet: „Davor habe ich ein wenig Angst, weil diese Termine für mich so etwas wie ein Gerüst sind.“ Trotzdem ist er etwas skeptisch, wenn es ums Thema Selbsthilfegruppe geht. – Auch hier wird Heike Urban in den kommenden Monaten noch Überzeugungsarbeit leisten müssen.Holger Ostermeyer