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Donnerstag, 04.12.2008

Ein letztes Glas Rotwein auf Gustav Ginzel

Der berühmte Misthaus-Wirt aus Jizerka im Isergebirge ist tot. Die Legenden und Geschichten um den liebenswürdigen Kauz werden weiterleben.

Von Jana Ulbrich

Etwas in Gustav Ginzel ist wohl schon in jener Augustnacht 1995 gestorben. Damals, als sein berühmtes Misthaus im malerischen Bergdorf Jizerka (Klein Iser), ganz oben im nordböhmischen Isergebirge, unrettbar in den Flammen eines verheerenden Feuers versank–und mit dem Haus all die wunderbaren und absonderlichen Dinge, die es beherbergte, all die Kuriositäten, Erfindungen und exotischen Mitbringsel, all die Fotos und Erinnerungen, die dieses Haus so einmalig und besonders machten. Verschwunden ist das legendäre „Stereo-Klo“ mit den geschlechtsspezifischen Klobrillen. Verschwunden das selbst gebaute „Antivergewaltigungsbett“. Verschwunden der furchteinflößende Schrumpfkopf und viele andere aufsehenerregende Andenken, die Gustav von seinen Weltreisen mitbrachte.

Im neuen Misthaus ist es Gustav nie richtig warm geworden. Dabei hatten es sein Bruder Wolfgang und unzählige Freunde und Helfer mit Spenden und Tatkraft ganz originalgetreu wieder aufgebaut. Das neue Misthaus war nicht mehr Gustavs Haus. Und es waren auch nicht mehr seine „Misthäusler“ vor allem aus der damaligen DDR, mit denen er Späße machen und Holz hacken und stundenlang über das Waldsterben im Isergebirge diskutieren konnte. Die Reisebusse, mit denen Touristen aus dem Westen kamen, um das wunderliche Unikum aus Klein Iser zu sehen, fand er fürchterlich. Begafft wie ein Affe im Zoo sei er sich vorgekommen.

Die Klobrille überm Ofen

Eines Tages Ende der 1990er Jahre verschwand auch Gustav. Die letzten Jahre verbrachte er bei seiner Schwester im bayrischen Kempten, erkrankt an Depressionen und Demenz. Am vergangenen Freitag starb er – 76-jährig – in einem Allgäuer Krankenhaus.

Sehr viele in der ehemaligen DDR kannten Gustav Ginzel. Und wer ihn nicht persönlich kannte, hatte zumindest von ihm gehört. Wie oft musste er nicht bei einem Glas Rotwein in fröhlicher Runde die kuriose Geschichte seines Häuschens erzählen. Läppische 345 Kronen (das waren umgerechnet 115 Mark der DDR) hatten er und seine Geschwister 1964 für das heruntergewirtschaftete Anwesen bezahlt. Das Haus, das zuletzt als Stall diente, soll meterhoch voller Mist gewesen sein. Den habe er zu Geld gemacht, erzählte er immer mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Er habe den Mist als Dünger verkauft und damit nicht nur den Kaufpreis wieder hereingeholt, sondern noch Gewinn gemacht.

Das war Gustav, wie er leibte und lebte, am liebsten in großer Runde seiner „Misthäusler“. Die kamen vor allem in den 1970er und 1980er Jahren in Scharen. Im Sommer waren es täglich um die 50 Leute, oft auch mehr, die im Misthaus um ein Nachtlager baten (Silvester sollen es sogar mal 300 gewesen sein). Ein Plätzchen fand jeder – und empfand das als großen Luxus, einen Luxus allerdings, der im Misthaus eine ganz andere Bedeutung hatte als warmes Wasser zum Duschen oder anderer Komfort.

Es waren die guten Gespräche, das Gemeinschaftsgefühl und die abenteuerlichen Erlebnisse, die jedem im Gedächtnis bleiben, der einmal bei Gustav zu Besuch war. Wer vergisst schon den Anblick der Klobrille, die über dem Ofen hing. Wer musste, musste sie mitnehmen. Der Vorteil: Überm Ofen war die Klobrille immer warm –keiner hätte es gewagt, sie nicht blitzsauber wieder zurückzuhängen.

Gustav kannte die Namen aller seiner Gäste. Schließlich waren das alles seine Freunde. Ein Trick übrigens, um die tschechischen Behörden zu überlisten. Der Sudetendeutsche, der einen eigenartigen Lebensstil pflegte, der es sich dank doppelter Staatsbürgerschaft herausnahm, Reisen in ferne Länder der Erde zu unternehmen, der auch mal laut gegen das kommunistische System rebellierte und die Schwefeldioxid-Verschmutzung im Isergebirge tagtäglich penibel dokumentierte, dieser Mann war den Behörden stets ein Dorn im Auge. Eine offizielle Herberge zu betreiben, war ihm untersagt. Aber wer konnte es ihm verwehren, dass Freunde zu Besuch kamen?

Treff für Oppositionelle

Gustav nahm es gelassen, wenn zur Unzeit die Polizei auftauchte, um die Ausweise der Gäste zu kontrollieren, oder er sicher sein konnte, dass die Stasi mit am Tisch saß. Das Misthaus war in den 1980er Jahren auch Treffpunkt deutscher und tschechischer Oppositioneller und Prominenter. Zu Gustavs Gästen gehörten Vaclav Havel, Heinz Eggert oder Lothar de Maizière.

Das neue Misthaus steht heute verwaist da. Dennoch ist es zum Pilgerort in Klein Iser geworden. Vielleicht wird es eines Tages Museum, ein Museum mit den Erinnerungen an Gustav Ginzel und all die Geschichten, die wir uns auch noch in Jahren bei einem Glas Rotwein erzählen werden.

„Misthausgeschichten“ heißt ein kleines Büchlein mit Fotos und Anekdoten, das der Oberlausitzer Autor Bernd Raffelt herausgegeben hat. Es ist in zweiter Auflage erhältlich. ISBN-13: 978-3-00-020366-4