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Ein katastrophales Apfeljahr

Die Bäume in Gärten und auf Streuobstwiesen tragen fast keine Früchte. Das hat auch Folgen für die Keltereien.

07.10.2017
Von Nicole Preuß

trophales Apfeljahr
Der Apfelsaft der Kelterei Kühne ist rar in diesem Jahr. Geschäftsführer Mario Schäplitz befürchtet, dass die Vorräte in diesem Jahr schon im Januar ausverkauft sein könnten. Viele Obstbauern klagen über die miese Ernte. Es gibt aber auch andere Erfahrungen, wie zum Beispiel in Schirgiswalde.

© René Plaul

Radeberg. Einen Vorrat an Apfelsaft hat Mario Schäplitz von der Kelterei Kühne in Reichenbach zum Glück noch aus dem vergangenen Jahr übrig. Sonst hätte die miese Apfelernte in diesem Jahr noch weitreichendere Folgen. Trotzdem befürchtet der Fachmann, dass der Apfelsaft wohl in diesem Jahr nur bis Januar reichen wird. „Der Preis wird steigen, das ist sicher. Ich rechne mit 20 Cent zusätzlich“, sagt der Geschäftsführer. Er und seine Mitarbeiter beziehen die Früchte für die Pulsnitztaler Säfte vor allem aus Kleingärten, Hausgärten oder auch von Streuobstwiesen. „Unsere Lohnkunden bringen aber vielleicht nur zehn Prozent der Apfelmenge, die sie im vergangenen Jahr abgegeben haben“, sagt er. Die schlechte Kirsch-, Beeren- und Birnen-Ernte setzt sich damit bei den Äpfeln fort.

Die Nachbarkelterei Walther aus Arnsdorf macht ähnliche Erfahrungen. Sie öffnet jedes Jahr eine große Annahmestelle in ihrem Betrieb. „Die Schlange geht dann normalerweise quer durchs Gewerbegebiet“, sagt Geschäftsführerin Kirstin Walther. Dieses Jahr hat das Unternehmen aber sogar auf die Extra-Waage verzichtet. „Es lohnt sich einfach nicht, einen Mitarbeiter nur für die Annahme abzustellen.“ Die Unternehmerin setzt genauso wie die Kelterei Kühne in Reichenbach auf Privatleute, die einen Teil ihrer Ernte abgeben. Sie will nun versuchen, vielleicht doch noch von den einigen gewerblichen, regionalen Plantagen Äpfel zu bekommen. „Doch was man dann bekommt, ist meist sortenrein, der Saft schmeckt anders. Aus den Gärten kommen normalerweise viele verschiedene alte Sorten. Die sind schmackhaft und sehr aromatisch.“

Bienen waren nur einen Tag unterwegs

Reinald Görner vom Obstbauverein in Steina hört zumindest das gern. Der Rentner hat selbst viele Apfelbäume auf seinem Grundstück in der Nähe von Kamenz und führt den Obstbauverein Steina mit mehr als 40 Mitgliedern. „Die Apfelernte war katastrophal“, sagt er. Er schiebt den Ausfall nicht nur auf die späten Fröste, sondern auch auf die schlechte Bestäubung. „Es gab nur einen Tag, an dem die Bienen geflogen sind. Bienen brauchen mindestens zwölf Grad“, sagt er. Und dann kam auch noch der Hagel, der den verbliebenen Äpfeln im Raum Kamenz den Rest gab. Er beschädigte sie teilweise so stark, dass die Früchte aufplatzten und dann faulten. „Ich ernte sonst 25 Zentner Äpfel, in diesem Jahr waren es noch nicht mal 25 Pfund“, sagt Reinald Görner. Der Obstbauverein hat die Jubiläums-Apfelausstellung in diesem Jahr verschoben, weil einfach nicht genug Äpfel zusammengekommen wären. Die Medienscheune Höckendorf, die nun schon zum siebten Mal eine mobile Saftpresse nach Laußnitz holen wollte, musste absagen. „Es haben sich einfach zu wenige Leute gemeldet, die Saft pressen lassen wollten“, sagt Organisatorin Karina Klotsche.

Die meisten sind sich einig: So ein schlechtes Apfeljahr habe man selten erlebt. Dieser Meinung sind zum Teil auch die gewerblichen Erzeuger. Die Agrofarm Göda kann zum Beispiel auf acht Hektar Äpfel ernten – normalerweise. „Die Ernte ist aber in diesem Jahr sehr schlecht“, sagt die Anlagen-Verantwortliche Kathleen Walther. „Ich rechne mit einem Drittel bis einem Viertel von einer normalen Ernte.“ Zum Frost kam eine Trockenphase, in der die Bäume noch Äpfel abwarfen. Die Sorte Gala wurde besonders schlecht geerntet, weil das feuchte Wetter in dem Bestand noch eine Schorf-Infektion begünstigte.

Der Obstbauer Bernhard Stolle ist einer der wenigen, die eine durchschnittliche Apfelernte erwarten. Der Unternehmer aus Schirgiswalde hat aber auch einigen Aufwand betrieben, damit es in diesem Jahr dazu kommt. Er hat mit verschiedenen Maßnahmen versucht, die natürlichen Schwankungen in den Griff zu bekommen.

Ausnahme in Schirgiswalde

Dabei muss man wissen: Apfelbäume bereiten bereits im Juni die Blütenansätze fürs nächste Jahr vor. Wenn jedoch der Baum voller Äpfel hängt, wird alle Kraft in die Früchte gesteckt. Deshalb tragen Apfelbäume normalerweise ein Jahr gut und das nächste schlechter. Bernhard Stolle hat Blüten auf den 24 Hektar Anbaufläche mit Harnstoff verätzen lassen. „Wenn immer noch zu viel hängt, gibt es im Juni noch eine Handausdünnung“, sagt er. Dazu kam das Glück, dass die Blüten sich im Oberland später zeigten und so weniger vom Frost betroffen waren. „So hat uns der späte Standort etwas geholfen“, sagt Bernhard Stolle. Der Obstbauer kann nun viele Selbstpflücker auf der Plantage an der Wehrsdorfer Straße in Schirgiswalde begrüßen, die sonst eigentlich im eigenen Garten ernten würden. „Die Selbstpflücker haben an zwei Tagen 90 Prozent der Menge geerntet, die im vergangenen Jahr insgesamt selbst gepflückt wurden“, sagt Bernhard Stolle. Und noch bleibt Zeit. Das Selbstpflücken läuft noch bis 14. Oktober.